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Brenda Rae freut sich sichtlich auf die Bellini-Premiere im Frankfurter Opernhaus.

Sopranistin tritt in Frankfurt auf

Brenda Rae brennt für den Belcanto

Die große Sopranistin Brenda Rae bereitet sich an der Oper Frankfurt auf ihr Rollendebüt der Elvira in Bellinis „I Puritani“ vor. Am Sonntag ist Premiere.

Ihre ungezwungene Natürlichkeit ist ansteckend. Die sensible, wache und feinnervige Art, mit der Brenda Rae vor den riesigen Fensterscheiben im Wolkenfoyer vom Leben zwischen zwei Kontinenten, von Bellinis Frauenbild und von der ganz großen Kunst spricht, hat etwas ganz und gar Unprätentiöses. Man glaubt ihr aufs Wort, wenn sie im Hinblick auf ihr bevorstehendes Rollendebüt der Elvira sagt: „Ich freue mich einfach, mit meinen Freunden auf der Bühne diese großartige Kunst zu gestalten. Warum also nicht genießen?“

Technische Ängste oder Lampenfieber hat Brenda Rae seit Chorsängerzeiten nicht mehr, einfach, weil ihr das Singen eine so wahnsinnige Freude macht. Letztes Jahr verließ sie das Frankfurter Ensemble mit einem tiefen Gefühl der Zerrissenheit. Zu viele internationale Anfragen lockten, zu viele fantastische Angebote aus der ganzen Welt. Jetzt steht die junge Mutter – ihr Sohn ist gerade zweieinhalb Jahre alt – vor ihrem Debüt an der Metropolitan Oper in New York im nächsten Jahr. Sie legt den Finger an die Lippen: Welche Partie das sein wird, darf sie offiziell noch nicht verraten. Keine Frage, dieser selbstsicheren, dabei so achtsamen Persönlichkeit traut man blind die größten Aufgaben zu.

Zum Beispiel, sich während ihres schweren Debüts der Elvira zusätzlich auf eine zweite Partie vorzubereiten. Vor drei Wochen gelang ihr in Frankfurt ein vorher ungeplantes und daher umso überwältigenderes Porträt der Violetta in einer dramatischen Spielplanänderung. Zwei schwere Krankheitsfälle hatten die konzertante Aufführung von Verdis „Il Corsaro“ zunichte gemacht. Intendant Bernd Loebe setzte kurzerhand als Ersatz die „Traviata“ aufs Programm und bat um Brenda Raes Mithilfe.

Unendliche Koloraturen

Wie war das eigentlich? „Während einer Elvira-Probe sah ich auf meiner Apple Watch, dass Almut Hein vom Betriebsbüro mich versuchte anzurufen und wunderte mich. Es ging um die Violetta. Gleichzeitig hatte ich noch eine Constanze in Zürich zu singen und hier das Rollendebüt der Elvira.“ Für die Violetta hatte Brenda Rae nur eine Sitz- und eine Generalprobe, dann sofort die Vorstellung. „Es war wahnsinnig.“

Sie lächelt und wirkt überhaupt nicht gestresst. Allerdings, und dann sagt sie diesen unglaublich bescheidenen Satz: „Ich muss sagen, ich war in dieser aufregenden Zeit mehr als ein bisschen müde.“

Sie brennt für die Verdi-Väter, für Komponisten wie Donizetti und Bellini und würde am liebsten noch viel mehr, auch unbekannte Belcanto-Partien singen. Leider gebe es in Deutschland keine ausgeprägte Tradition, was Belcanto betrifft, klagt sie, „dabei freut sich das Publikum immer so sehr“. Freude ist weit untertrieben. In Frankfurt erntete Rae mit ihrer schlafwandelnden Amina in Bellinis „La Sonnambula“ 2014 wahre Ovationsorkane. Schlafwandlerisch schön und schlafwandlerisch sicher sang sie sich durch ihre unendlichen Koloraturen, Fiorituren, Seufzer und Endlos-Triller, kaum eine Partie steht so für die überragende Sangeskunst der Brenda Rae.

Am Sonntag nun das Debüt mit der letzten großen Frauenfigur, die der 34-jährige Komponist kurz vor seinem Tod schrieb, der seelisch zerrütteten Puritanertochter Elvira. „Beide Bellini-Frauen, Elvira und Amina, sind sehr zerbrechlich, aber die Musik von Amina ist zärtlicher, die Figur naiver.“ Während sich Elviras Gefühle ständig veränderten, sie zwischen Wahnsinn, Zweifel und Liebe zu ihrem Geliebten Arturo, der sie scheinbar mit einer anderen betrügt, zerrissen werde. Es sei unglaublich, wie Elvira im Schluss-Duett mit ihm ständig die Stimmung wechsele. Brenda Rae sucht nach Worten: „Unweigerlich fragt man sich: Macht sie das absichtlich, ist das nur gespielt? Eine sehr interessante Partie.“

Kostüme von Lacroix

Regisseur Vincent Boussard, der früher selbst Schauspieler war, wird das Paar den ganz Abend über auf unterschiedliche Bühnen-Ebenen stellen und ihnen damit das Zusammensein verweigern. Auf diese Weise steige die Spannung den ganzen Abend über an. Und die Kostüme von Kult-Designer Christian Lacroix? Die Oper werde von ihm „sehr dunkel kostümiert, meine Robe dagegen ist anfangs zart, leicht, zerbrechlich, während der Damenchor sehr farbenfroh ausstaffiert ist“, so Brenda Rae

Wie empfindet sie den amerikanischen Perfektionsdruck an den großen Opernhäusern? „Viele Zuschauer in Amerika trauern immer noch den alten, angeblich perfekten Stimmen der Vergangenheit nach, wie Joan Sutherland und Maria Callas. Dabei waren sie gar nicht perfekt.“

Außerdem: „Selbst wenn man einen Ton singt, der nicht ideal ist, aber die Menschen bewegt, dann ist das doch wichtiger oder nicht? Glatte Perfektion interessiert mich nicht.“ Dazu passt der große, dunkle Achat, einer ihrer Lieblingsschmuckstücke, den sie an einer Kette um den Hals trägt. „Ich mag Steine, ursprünglich belassene Steine. Die müssen nicht elegant sein, ich mag sie in ihrer ganzen Natürlichkeit.“ Seit Mitte letzten Jahres lebt Brenda Rae mit Mann und Kind wieder in ihrer Heimat Minnesota. Sie verließ Frankfurt mit gespaltenen Gefühlen: „Ich habe meinen Mann gewarnt, dass ich heulen werde, wenn ich nach Minneapolis zurückkehre. Natürlich liebe ich es, dass meine Familie dort lebt, mein Zwillingsbruder in derselben Stadt wohnt und wir unsere besten Freunde dort sehen können.“ Aber jetzt in Frankfurt zu arbeiten, fühle sich auch an wie Nachhausekommen. Und dann sagt sie bewegt: „Ich komme immer zurück. A piece of my heart is here in Frankfurt.“

Oper Frankfurt

Premiere 2. Dezember, 18 Uhr. Weitere Vorstellungen bis 18. Januar. Karten von 15 bis 165 Euro unter Telefon (069) 21 24 94 94. Internet www.oper-frankfurt.de

Info: Bellinis Meisterwerk

Bellinis letzte Oper „I Puritani“, 1935 in Paris uraufgeführt, gilt trotz der unglaubwürdigen Wendungen des Librettos musikalisch als sein Meisterwerk. Sie spielt zur Zeit des englischen Bürgerkriegs 1644. Elvira, die Tochter des Puritaners Lord Valton, will Arturo, Anhänger der Royalisten, heiraten. Weil der kurz vor der Hochzeit verschwindet, um Enrichetta, die Witwe des Königs zu retten, glaubt Elvira, von ihm betrogen worden zu sein, und verliert den Verstand. Arturo wird in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Daraufhin sieht Elvira sieht keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Regisseur Vincent Boussard, Christian Lacroix als Kostümbildner und Preisträger Johannes Leiacker für die Bühne garantieren neben der erlesenen Sängerriege eine hochkarätige Premiere. bbo

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