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Premiere am Staatshaus Wiesbaden

Britten-Oper „Peter Grimes“ : Jagd auf einen Außenseiter

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Philipp M. Krenn hat für das Wiesbadener Staatstheater Benjamin Brittens Meisteroper „Peter Grimes“ als intensives Seelendrama inszeniert.

Peter Grimes wird beschuldigt, seinen Lehrbuben ermordet zu haben. Unerbittlich wird er verhört, der Fischer ist der Außenseiter des Dorfes an der Küste. Nur Ellen, die Lehrerin, hält zu ihm. Einige reden ihm gut zu, den Ort zu verlassen. Andere hetzen gegen ihn. Grimes schickt seinen neuen Lehrbuben wieder hinaus auf See. Auch der büßt sein Leben ein, Grimes flieht vor dem Mob in den Tod.

Der Krieg ging zu Ende, als Benjamin Britten dieses Libretto von Montagu Slater, nach dem Schauergedicht „The Borough“ von George Crabbe, in Musik fasste. „Peter Grimes“ gehört in die Opern-Top-Ten des 20. Jahrhunderts. Britten gelingt es, nicht nur die glasklaren Dialoge mit Klang aufzuladen. Seine Musik spielt am Meer. Die Brandung rauscht mit von Klarinetten geführten unablässigen Auf- und Ab-Linien, die aber auch das Seelenleben des Fischers umreißen. Britten malt das Wasser in seiner unerklärlichen Schönheit, mit all seinen Gefahren. Es nähert sich bedrohlich, die Menschen haben Angst und verkriechen sich, obwohl sie doch die unendliche Weite des Meeres vor Augen haben.

Vor diesem Widerspruch flieht die Gesellschaft und mit ihr die Musik in doppelte Moral; pompöse Blech-Akkorde lösen sich auf in luftiges Nichts und umgekehrt. Hier wird Wasser gepredigt und Bier getrunken, man weiß, wer dazugehört und wer nicht. Das Problem ist ja nach wie vor höchst aktuell.

Vor solchen Gegenwartsbezügen aber bewahrt Philipp M. Krenn das Publikum im Staatstheater. Dass er auch aufs maritime Ambiente verzichtet, die Handlung auf einen wellblechumstandenen Schrottplatz (Bühne: Rolf Glittenberg) verlegt, trägt nicht zum Verständnis bei. Die Bühne samt vor sich hin rostendem kubanischen Oldtimer kreist fast unablässig. Grimes haust mit Bett, Spind, Tisch, Stuhl und Waschbecken, abgeschnitten von der Außenwelt in einem Container, der final sogar in die Vertikale gekippt wird. Der in seiner Miniaturwelt gefangene Fischer gewinnt hier den Boden unter den Füßen wieder, obwohl die Musik ihn ihm gerade entzieht – Grimes, schon halb im Jenseits, nur schwach ruft der Chor aus dem Hintergrund seinen Namen, singt a cappella.

Im Vertrauen auf die Kraft der Musik hätte die Regie ebenso darauf verzichten können, den in grauer Unterwäsche herumlaufenden Grimes als eine Art Psycho-Monster darzustellen, ihn so noch weiter zu stigmatisieren, anstatt Verständnis für seine bedrängte Seele zu entwickeln. Man lernt in einer sehr fragwürdigen, unappetitlichen Szene (ein Junge wird an ein Bettgestell gefesselt und heftig begrapscht), dass Grimes selbst Opfer eines Missbrauchs war; sublimierende Gewaltzeichnungen von Kinderhand hängen noch über seinem Bett.

Ist Lance Ryan eine gute Besetzung für diese Rolle? Der gleißend helle, kraftvolle Tenor, der in Frankfurt und Bayreuth schon als Siegfried polarisiert hat, findet hinter seinen oft messerscharfen Tönen nur wenig Lyrisches, Zwischentöne, die eine kranke Seele zweifellos auch besitzen muss. Johanni van Oostrum (Ellen) dagegen nimmt man ihre warmherzigen Bemühungen um den verzweifelten Fischer gerne ab.

Gefallen findet die Regie an den deftigen Feierszenen im Pub-Bordell. Auntie (Andrea Baker) steuert resolut die leichten Mädchen (Katharina Konradi und Sarah Jones singen die lustigen Nichten) und harten Männer. Thomas de Vries (Käptn Balstrode), Benedikt Nawrath (Boles), Benjamin Russell (Swallow), Alexander Knight (Ned Keene) und Aaron Cawley als bigotter Pastor bringen Typen auf den Punkt, wie sie eine Dorfgemeinschaft braucht und prägt – einig in dem Bestreben, zu wissen, was richtig ist, und Außenseiter zu vertreiben.

Prächtig und präzise singt der bisweilen nach moralischer Agit-Prop-Art geführte Chor. Das ebenfalls von Albert Horne geleitete Orchester kann in – vor allem zu Beginn – wackelnden Einsätzen die derzeitige Belastung nicht verbergen. Schließlich liegt noch ein in Eilmärschen einzustudierender ganzer „Ring“ auf den Pulten, und mit „Eugen Onegin“ im März eine weitere Premiere dazwischen. Weniger wäre in Wiesbaden derzeit mehr, im Spielplan wie auf der Bühne. Viel Beifall.

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