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Tier aus einem Kinderkarussell in dornigem Gestrüpp ? und gewidmet einem Arbeiter, der von einem ausgerissenen Tiger getötet wurde

Georgien

Budneskunsthalle richtet Blick auf diesjähriges Buchmesse-Gastland

Noch bevor Georgien im Oktober Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein wird, richtet die Bundeskunsthalle in Bonn ihren Blick auf das kleine Land am Kaukasus. Seit kurzem ist dort eine umfangreiche Installation von Vajiko Chachkhiani zu sehen.

Es regnet auf die reich gedeckte Tafel: Die Bratenscheiben beginnen zu schwimmen und die Gläser werden immer voller statt leerer. Doch die um den Tisch versammelte georgische Großfamilie isst völlig unbeirrt weiter, als sei nichts geschehen. Es ist ein irritierender und gleichwohl intensiver Film, den Vajiko Chachkhiani für seine Installation in der Bundeskunsthalle produzierte. „Heavy Metal Honey“ ist die letzte Station und zugleich der Höhepunkt der gleichnamigen Ausstellung des georgischen Künstlers, die bis zum 7. Oktober zu sehen ist.

In dem Film konzentrieren sich die Themen, mit denen sich der in Tiflis und Berlin lebende Künstler beschäftigt: Die Aufhebung der Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt und die

Vermischung

realer und individueller Sichtweisen und Geschichten. In dem Film „Heavy Metal Honey“ verschwimmen Realität und innere Bilder der Mutter der Familie. Daneben kreist das beiläufige Tischgespräch, das die Anmutung einer Traumsequenz hat, um den Streit über nicht ausgeführte Reparaturarbeiten. Ein Seitenhieb auf den Zustand des Landes?

Der 1985 geborene Chachkhiani nimmt mit seinen Arbeiten immer wieder Bezug auf die Geschichte seiner Heimat. „Die kenne ich am besten“, sagt er. „Aber es geht allgemein um die Geschichte von Menschen.“ Er beschäftige sich mit ganz grundlegenden Themen.

Dazu gehört zum Beispiel die

Vermischung

der inneren und äußeren Realität. Dieses Thema greift Chachkhiani etwa auch in dem Film „Winter which was not there“, der am Anfang der Ausstellung steht. Dort zieht ein Mann eine große Skulptur, die an ein stalinistisches Heldendenkmal erinnert, so lange mit seinem Pick-up-Truck über die Straßen, bis sie komplett abgeschliffen ist. Das Gesicht des Standbildes sieht dem des Autofahrers zum Verwechseln ähnlich. Schleift er sein eigenes Ebenbild? Ist dies ein Sinnbild für die gesellschaftliche und politische Situation Georgiens: Eine frühere Sowjetrepublik, die versucht, ihre Vergangenheit abzustreifen?

Das kleine vorderasiatische Land mit seinen nur rund 3,7 Millionen Einwohnern hat eine für seine Größe lebendige Kunstszene hervorgebracht. Dem trägt auch die Frankfurter Buchmesse Rechnung, wo Georgien vom 10. bis 14. Oktober als Ehrengast auftritt. Neben Chachkhiani machten sich bereits andere bildende Künstler aus Georgien wie Tea Jorjadze und Andro Wekua in Deutschland einen Namen.

Das Interesse an georgischen Künstlern sei derzeit in den Fokus gerückt, sagte der Leiter der Bundeskunsthalle, Rein Wolfs. „Denn das Land mit seiner orientalischen Kultur mit westlichen Zügen befindet sich an einer Schnittstelle.“ Chachkhiani und seine Kollegen zeichneten sich vor allem durch ihre Authentizität aus, lobt Wolfs.

Chachkhiani verwendete auch für seine Bonner Schau ausschließlich Fundstücke aus Georgien. Passend zum Film „Heavy Metal Honey“ gestaltete er einen alten Kiosk aus Tiflis um. Hinter den Glasscheiben wuchert Gestrüpp: Das Innere wurde zum Äußeren. Eine ähnliche Arbeit hatte Chachkhiani im vergangenen Jahr auf der Biennale in Venedig präsentiert: Ein Haus, in dessen Innerem es regnete.

In der Bundeskunsthalle gestaltete der Künstler den Raum zwischen seinen beiden Filmen, die Anfang und Ende der Schau markieren, als Erinnerung an die Sturzflut in Tiflis von 2015. Dabei kamen in der georgischen Hauptstadt 19 Menschen und mehr als die Hälfte der 600 Tiere des Zoos ums Leben. Chachkhiani interpretiert die Naturkatastrophe als Sinnbild eines mythologischen Szenarios. Für seine Skulpturen verwendete Chachkhiani unter anderem Teile von Zoo-Käfigen. Tiere eines ausgedienten Kinder-Karussells werden von dornigem Gebüsch verdeckt. Gewidmet ist die Installation einem Arbeiter, der von einem weißen Tiger getötet wurde, der aus dem Zoo entflohen war. Als Symbol für ihn liegt ein behauener Kopf aus Beton auf einem Stein des über die Ufer getretenen Flusses Were.

Bundeskunsthalle

bis 7. Oktober. Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn. Öffnungszeiten Di, Mi von 10 bis 21 Uhr, Do und So von 10 bis 19 Uhr, Telefon: (0228) 9 17 12 00, E-Mail: info@bundeskunsthalle.de, Internet:

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