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Mit dem Bügeleisen durchs All

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Von: Marc Rybicki

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Die Besatzung des schnellen Raumkreuzers Orion sollte die Weiten des Alls sichern (von links): Mario de Monti (Wolfgang Völz), Major Cliff Allister McLane (Dietmar Schönherr), Tamara Jagellovsk (Eva Pflug), Atan Shuhashi (Friedrich G. Beckhaus) und Helga Legrell (Ursula Lillig).
Die Besatzung des schnellen Raumkreuzers Orion sollte die Weiten des Alls sichern (von links): Mario de Monti (Wolfgang Völz), Major Cliff Allister McLane (Dietmar Schönherr), Tamara Jagellovsk (Eva Pflug), Atan Shuhashi (Friedrich G. Beckhaus) und Helga Legrell (Ursula Lillig). © Wdr/bavaria (obs)

In den technik- und fortschrittsgläubigen 60er Jahren wurde sie zum Kult im deutschen Fernsehen: die Serie „Raumpatrouille Orion“ mit Dietmar Schönherr und Eva Pflug.

Was heute wie ein Märchen klingt, war vor 50 Jahren Wirklichkeit. Damals gab es Programmgestalter, die den deutschen Fernsehzuschauern mehr gönnten als Quizshow-Geplapper und Krimi-Dauerfeuer. Sie besaßen tatsächlich die Kühnheit einer hausgemachten Science-Fiction-Serie die Starterlaubnis zu erteilen – und das zur besten Sendezeit. Der 17. September 1966 veränderte das Gesicht der TV-Landschaft. Der Samstagabend nahm extraterrestrische Züge an.

Auf den seriösen „Mister Tagesschau“ Karl-Heinz Köpcke folgten plötzlich skurrile Lichtwesen namens „Frogs“, Raumbasen und Unterwasserstarts, Overkill, TRAV und MZ4. Es fielen kryptische Sätze wie „Schlafende weg! Kampfstand besetzen! Rücksturz zur Erde!“ Schnittige Herren und kurvige Damen in Lastex-Overalls kämpften gegen außerirdische Invasoren, nahmen es mit durchdrehenden Robotern auf und verhinderten kosmische Katastrophen, während die Beatmusik von Peter Thomas das Adrenalin in die Höhe trieb.

Schimanski der Sterne

Die wackeren Weltraumhelden hießen Armierungsoffizier Mario de Monti (Wolfgang Völz), Astrogator Atan Shubashi (Friedrich G. Beckhaus), Bordingenieur Hasso Sigbjörnson (Claus Holm) und Leutnant Helga Legrelle (Ursula Lillig). Kommandant der multinationalen Besatzung war Cliff Allister McLane, eine Art „Schimanski“ der Sterne, der fluchte, trank, Kadettinnen aufriss und sich nie wie ein braver Befehlsempfänger benahm. Unter seinem nachtschwarzen Uniformhemd brodelte bereits der rebellische Geist der 68er. Passenderweise wurde er mit Dietmar Schönherr besetzt, der auch privat als unangepasster Typ galt.

Um McLane im Zaum zu halten, stellten ihm seine Vorgesetzten einen weiblichen Wachhund an die Seite. Die unterkühlte Sicherheitsbeamtin Tamara Jagellovsk (Eva Pflug) trug ihre auftoupierte Ponyrolle wie einen Stahlhelm und lieferte sich hitzige Wortgefechte mit dem smarten Commander, bis sie unter seinem Charme schließlich doch auftaute. Entspannung fand die Truppe nach jeder erfolgreichen Mission bei kühlen Drinks und heißen Galyxo-Tänzen im „Starlight Casino“, einer Disco auf dem Meeresgrund, neugierig beäugt von gigantischen Goldfischen.

Flotte Unterhaltung

„Ich bin überzeugt, dass die Serie alle Krimis schlagen wird“, meinte Dietmar Schönherr – und sollte recht behalten. „Raumpatrouille Orion“ war ein Straßenfeger mit Einschaltquoten auf WM-Endspielniveau. Das Feuilleton reagierte erwartungsgemäß mit Abscheu, da seinerzeit alles als „Schund“ bezeichnet wurde, was nach flotter Unterhaltung aussah, siehe die Wallace- und Winnetou-Filme. Man stempelte die fantastischen Abenteuer der Orion als „pseudowissenschaftlichen Quatsch“ ab und unterstellte eine „faschistoide Grundgesinnung“.

Dem Publikum war die Meinung der Kritiker so egal wie ein fehlgeleiteter Lichtspruch. Millionen zeigten sich hingerissen von Science-Fiction „made in Germany“. Dank zwanzigfacher Wiederholung auf diversen TV-Kanälen wurde die „Orion“ zur Kindheitserinnerung mehrerer Generationen – genau wie „Bonanza“, „Flipper“ oder ein gewisses „Raumschiff Enterprise“, das eine Woche vor der Raumpatrouille im amerikanischen Fernsehen vom Stapel lief. Ein galaktischer Zufall, denn obwohl sich die Universen der beiden Kultserien ähneln, hatte „Orion“-Erfinder Rolf Honold seinen Entwurf schon Anfang der 60er Jahre auf den Tisch der ARD-Verantwortlichen gelegt. Die Drehbücher verfasste Honold mit einem Autorenkollektiv, das sich „W.G. Larsen“ nannte und aus den Produzenten Hans Gottschalk, Helmut Krapp, Oliver Storz sowie den beiden Regisseuren Michael Braun und Theo Mezger bestand.

Im Unterschied zu „Star Trek“ stand nicht die Erforschung des Weltalls im Mittelpunkt. „Bei der Raumpatrouille geht es um Sicherung“, erklärt Matthias Hurst, Professor für Film- und Literaturwissenschaft am Bard College Berlin. „Die Orion ist Teil eines Sicherheitssystems und macht an den Rändern des von Menschen besiedelten Raumes Patrouillendienst.“ Diese Idee sei der damaligen Situation der Bundesrepublik geschuldet, ein besetztes Land, eingekeilt zwischen den Großmächten in West und Ost. Da konnte kein selbstbewusster Pioniergeist herrschen wie bei Captain Kirk. Es war der Selbstschutzgedanke, der Commander McLane in die Weiten des Alls trieb.

„In einer der Folgen geht es um ein neuartiges Waffensystem namens Overkill, eine Präventivwaffe. Da wird ganz deutlich, wie auch in einer unterhaltsamen Fernsehserie die reale Angst vor nuklearen Massenvernichtungswaffen eine Rolle spielt“, sagt Professor Hurst.

Gefährlich hohe Strahlung

Die spannenden Geschichten warnten vor blinder Technikhörigkeit und Umweltzerstörung. Lange bevor das Wort „Ozonloch“ bekannt wurde, musste die Orion-Crew in der Episode „Kampf um die Sonne“ die Menschheit retten, weil sich die Strahlung der Sonne gefährlich erhöht hatte und Flutwellen die Erde heimsuchten.

„Mit unserem Fortschritt haben wir Kolonien auf dem Mars errichtet, aber die Einstellung unserer Generale ist seit Jahrtausenden dieselbe – sie schießen“, wetterte Sicherheits-Chef Villa (Friedrich Joloff). Auch Cliff McLane legte sich häufig mit den Kriegstreibern aus dem Ministerium an und verhandelte auf eigene Faust einen Friedensvertrag mit der Anführerin des Amazonen-Planeten Chroma.

Der Rhetorik des Kalten Krieges setzte „Raumpatrouille Orion“ die Vision einer vereinten Welt entgegen, in der es keine Nationalstaaten mehr gibt und der Meeresboden als Wohnraum für alle erschlossen ist. Russen und Amerikaner arbeiteten in dieser pazifistischen Utopie nicht nur Hand in Hand – sie küssten sich in Gestalt von Cliff und Tamara. Das hat es bei den „Enterprise“ Kollegen nie gegeben. Auch die Frauen hatten an Bord der „Orion“ mehr zu sagen. Es gab sogar eine interplanetarische Ursula von der Leyen: Generalin Lydia van Dyke (Charlotte Kerr) befehligte die schnellen Kampfverbände. „Wir stellten dar, was sich die Frauen im realen Leben wünschten“, erinnerte sich Eva Pflug. „Im Beruf gleichberechtigt neben den Männern zu sein und sich auch mal gegen sie durchsetzen.“

Zum Leidwesen der Schauspieler und Autoren war am 10. Dezember 1966 Schluss mit Frauen-Power. Nach nur sieben Folgen wurde die „Raumpatrouille“ abberufen. Angesichts der extravaganten Themen und Produktionskosten von 360 000 Mark pro Folge hatte die Fernsehdirektoren der Mut verlassen. Nur in Taschenbuch-Form durften McLane und seine Leute noch einige neue Abenteuer erleben. Im Jahr 2003 wurde ein Zusammenschnitt mehrerer Folgen als Kinofilm veröffentlicht. Rechteinhaber Bavaria Film geht seit einiger Zeit mit einem Remake schwanger, doch das Projekt steht noch in den Sternen. „Wenn ich mir den Schnick-Schnack von heute ansehe, muss ich sagen, dass wir besser waren“, urteilte der 1996 verstorbene Claus „Hasso“ Holm. In der Tat werden wagemutige „Märchen von übermorgen“, wie es im Vorspann der Serie hieß, schmerzlich vermisst. Im Vergleich zum aktuellen Programm ist Briefmarkensammeln aufregender – eine Gedenkmarke mit dem Bild der Orion-Crew ist seit dem 1. September erhältlich.

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