?Leonce und Lena?, kunterbunt mit (von links): Oliver Kraushaar, Isaak Dentler und Linda Pöppel.
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?Leonce und Lena?, kunterbunt mit (von links): Oliver Kraushaar, Isaak Dentler und Linda Pöppel.

„Leonce und Lena“ am Kammerspiel Frankfurt

Die Bühne ist ganz zugerümpelt

  • vonAstrid Biesemeier
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Jürgen Kruse zeigt in seiner Inszenierung von „Leonce und Lena“ am Kammerspiel Frankfurt auch das Politische an Büchners Lustspiel.

Zwischen der mit Sitzmöbeln, Jukebox, Lüstern, Alkoholflaschen und anderem Zeugs zugerümpelten Bühne (Entwurf: Daniel Wollenzin) hängen auch zwei Globen von der Decke, und an einer Wand klebt eine Weltkarte. Dennoch scheinen die, die da auf der Bühne sind, nicht so ganz von dieser Welt und etwas orientierungslos. Im Bühnengrund dreht sich ein psychedelischer Kreis, Whisky- und Absinth-Flaschen kursieren und werden geleert. In vielen der eingespielten Songs ist von Traum die Rede.

Auch wenn viel gelacht wird: Ein helles Lustspiel, bei dem sich zwei junge, wohlsituierte Menschen irgendwann nach Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll im sonnigen Italien finden, verlieben und schließlich heiraten, ist etwas anderes. Hier ist es eher dunkel, das Licht ist manchmal reichlich schummrig, Leonce (Isaak Dentler) und Lena (Linda Pöppel) tragen sogar Schwarz.

Zwar zeigt Regisseur Jürgen Kruse immer wieder, wie Leonce, Lena und auch deren Entourage sich bemühen, zu leben: Sie saufen, feiern Party, versuchen es mit der Liebe. Aber eigentlich taumeln sie zwischen Exzess und Katerstimmung – in einem Land, das von einem dementen und reichlich debilen König regiert wird (Alexej Lochmann). Nicht mal die Liebe kann dem Leben einen Sinn schenken. Das kündigt sich mit dem schwarzen Brautkleid, in dem Lena wie ein Gruftie- oder Gothicgirl aussieht, an. Und setzt sich fort bis zu einem schön inszenierten Schattenspiel, in dem Leonce und Lena sich küssen, bis Blut über das weiße Tuch rinnt, unter dem sie stecken.

Und bei der Hochzeit, wenn von den Automaten die Rede ist, erscheinen beide sogar teilweise in Plastik eingehüllt. Schon weil Dentlers Bart hier noch länger geworden ist und er eine Augenklappe trägt, erinnern die beiden an die Cosplayer genannten Menschen, die Comicfiguren nachstellen und in andere Leben schlüpfen. Dentler spricht mit Woyzeck von der „schönen Leich“, und zu den Hochzeitsfeierlichkeiten tickt ein Metronom, das an die tickenden Totenuhren in der Wand denken lässt, von denen vorher die Rede war.

Im Weltschmerz suhlt sich Kruses Inszenierung keineswegs. Mit nach Kruse’scher Manier eingespielten Rock- und Popsongs oder Schlagern, Kalauern und Fremdtexten schafft der Regisseur nicht nur immer wieder humorvolle Brechungen und Partystimmung, sondern auch einen weiten, vieldeutigen Assoziationsraum. Und zwar ohne, dass die Inszenierung zerfasert oder sich Kruse samt seinem Ensemble in den vielen Assoziationen und Anspielungen verheddert. Außerdem fängt er auch den politischen Unterton in Büchners „Leonce und Lena“ ein: Italien ist ein Pizza-Ofen, über dem das Schild „Der hessische Landbote“ prangt. Dentler zieht sich schwarze Bänder um den Kopf, auf denen „Woyzeck“, „Robespierre“ oder auch „Danton“ steht. Und die Wortspiele, mit denen Regie und Schauspieler Büchners Wortakrobatik aufnehmen (wenn auch nicht immer geglückt weitertreiben, doch geschenkt): Da ist von Hohlheiten statt Hoheiten die Rede oder gibt es Müßiggängster in einem Satz, in dem vorher „RAF“ betont wurde, oder ist Kraushaars Valerio kurz davor, mit Schiller Gedankenfreiheit einzufordern.

Und am Ende dieser tollen Inszenierung mit ihrem wunderbaren Rhythmus zwischen Party und Vergeblichkeit und den durchweg eindrucksvollen Schauspielern besingt Wolf Biermann die fehlende Revolution und einen gefährlich kalten Frieden. Auf einer Fahne prangen die Sterne der EU-Fahne, fischähnliche Wesen bevölkern die Bühne, und Comic-Bilder werden auf die Szene projiziert.

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