Hippie-Open-Air

„Burg Herzberg Festival“ wird 50 Jahre alt

Ganz Deutschland wird über den Sommer von Open-Air-Mega-Events überschwemmt. Ganz Deutschland? Nein! Ein von Love & Peace erfüllter Ort nahe dem osthessischen Breitenbach hört nicht auf, dem reinen Kommerz Widerstand zu leisten. Vom 26. bis 29. Juli feiern Veranstalter, Musiker und 10 000 Fans das 50. Jubiläum des Burg Herzberg Festivals und den unerschütterlichen Hippie-Kult.

Vergesst Woodstock! Konkret kann man diese Aussage Patti Smith nicht zuordnen. Aber als der US-Star 2017 als Headliner auf der Mainstage auftrat, hatte er vorher die Atmosphäre auf dem Gelände in sich aufgesogen und so richtig genossen. Hinterher soll Smith vom Festival als einem „Raum mit lauter Außerirdischen“ geschwärmt haben. „Dies ist das Festival mit der schönsten Stimmung, die ich je erlebt habe“, hat sie den Veranstaltern ins Stammbuch geschrieben.

Frank Schäfer, als Jahrgang 66 gerade mal zwei Jahre vor der Burg-Herzberg-Premiere geboren, erinnert sich nur zu gerne an seinen ersten Besuch auf dem Gelände mit Festival-Wiese und Freak-City. Das Rolling-Stone-Magazin hatte ihn für eine Berichterstattung zum 40. Geburtstag ins Osthessische geschickt. „Ich erzähle immer gerne die Anekdote meiner ersten Amtshandlung. Ich komme also auf den Platz hinauf, drehe mich um, muss mich erst mal orientieren, habe dann wohl meine Stirn krausgezogen und prompt kommt eine gutaussehende Mittfünfzigerin auf mich zu, streichelt mir die Hand, sagt ,Komm doch erst mal an, du siehst so verspannt aus‘“, lacht der Journalist. „Da fühlt man sich doch gleich aufgehoben, das ist doch großartig. Du kommst mit allen gleich ins Gespräch. Auf dem Herzberg herrscht eine entspannte, zugewandte Atmosphäre.“

Bevor er das hautnah kennenlernen durfte, hatte der Braunschweiger schon ein Buch über Woodstock geschrieben. „Mich hat schon immer die Musik und diese Zeit interessiert“, erläutert Schäfer. „Vielleicht weil ich sie schon im Mutterleib gehört habe, sie auch nach meiner Geburt um mich herum war. So stellt sich eine Verbindung her.“ Seit 2008 war er häufiger in Breitenbach, und als das runde 50. Jubiläum immer näher rückte, reifte die Idee, dem Festival-Phänomen ein Buch zu widmen.

Das ist rechtzeitig zum Geburtstag, der vom 26. bis 29. Juli gebührend gefeiert wird, im Verlag Reiffer erschienen; es heißt – wie das Motto auf der Website des Open Airs – schlicht „Burg Herzberg Festival – since 1968“ und versammelt auf 256 prallvollen und dem Thema gerecht werdenden regenbogenbunten Seiten Fotos und Anekdoten aus einem halben Jahrhundert.

Dabei macht der Autor auch keinen Hehl daraus, dass ihn auch der „urdemokratische Charakter“ dieser Veranstaltung von Anfang an begeisterte. „Grandios ist ja auch, dass Leute, die selber Bock hatten Musik zu machen, sich eine eigene Bühne erobert haben. Die haben da Mucke gemacht und den Veranstalter irgendwann gefragt, können wir statt einen Generator laufen lassen zu müssen, nicht einen Stromanschluss bekommen?– Inzwischen ist der ,Höllenschuppen‘ (so heißt die Bühne) sogar ins offizielle Festivalprogramm aufgenommen worden.“ Über mangelnde Aufmerksamkeit konnte sich die Geschäftsführung der Herzberg Festival GmbH mit Katja Schmirler, Hans Cath, Norbert Geier und Gunther Lorz in den letzten Wochen wahrlich nicht beschweren, denn wegen der 50 Jahre rannten die Medien den Veranstaltern die Bude ein. Was aber bedeutet das dem Team, was macht dieses runde Jubiläum so besonders? „Dass wir damit hausieren gehen können, dass wir ein Jahr älter sind als Woodstock. Das war auch der erste Satz in meinem Presseanschreiben“, sagt Lorz mit einem Augenzwinkern.

Die damals erfolgreiche hessische Beatband „The Petards“ (Hit: „Pretty Liza“) aus Schrecksbach hatte die Burg als Location entdeckt. „Das war zunächst nur als deutschlandweites Treffen der ,Petards‘-Fans geplant“, erzählt Ex-Bassist Rüdiger Waldmann (72). Dazu lud man andere Krautrocker ein. 1300 Jugendliche kamen. „Alle spielten über eine Anlage, es gab keine Schlägerei und keine Security. Es waren viele bunt angezogene Menschen da, auch schon Hippies.

Heute kommen 10 000 Menschen aus ganz Europa zum Fuß der Burg. Und die sind nach wie vor friedlich.“ Genau das unterstreicht auch Lorz. „Meine ideale Zielgruppe sind ja Familien mit zwei Kindern, die zu Hause noch einen Plattenspieler haben. Friedliche, nette Menschen, die einfach nur ihren Spaß haben wollen.“

Neben der Prog-Rock-Legende Arthur Brown („Fire“) und den norwegischen Psychedelic Rockern „Motorpsycho“ wurden viele junge Gruppen wie „Love Machine“ und „Orango“ eingeladen. Denn auch wenn die alten Hippies sich das wünschen: Eine Oldies-Veranstaltung soll es nicht sein. Wer genau hinhört: Die Youngsters spielen schließlich im Geiste der 60er und 70er.

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