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Katharina Persicke als Kindsmörderin Margarethe in der Darmstädter ?Faust?-Inszenierung der Gounod-Oper.

Packende Premiere am Staatstheater Darmstadt

Charles Gounods „Faust“-Oper: Das Blut klebt noch am Kleid

Dem Darmstädter Intendanten Karsten Wiegand ist mit seiner Neuinszenierung von Gounods „Faust“ eine kluge Sicht auf den Goethe-Stoff gelungen.

Weil Goethe in deutschen Landen ein nationales Heiligtum ist, hat es sich eingebürgert, dass Charles Gounods einzige Oper, die es zuverlässig auf große Bühnen geschafft hat, hierzulande als „Margarethe“ auf dem Programm steht. Zugeben muss man allerdings, dass sich Gounod von jeher mehr für die Geschichte des gefallenen Mädchens Marguerite interessierte als für faustische, gelehrte Grübeleien. Am Staatstheater Darmstadt, wo das Werk 1861 seine deutsche Erstaufführung erlebte, titelte der regieführende Intendant Karsten Wiegand nun selbstbewusst „Faust (Margarete)“. Ein Versprechen allerdings, das er nicht einlöste. Denn auch in seiner klug durchdachten Inszenierung dreht sich alles um die naive Unschuld und verstoßene Kindsmörderin. Für ihre Entfremdung und Zurückweisung in einer Welt, die in kirchlicher Machtausübung, Sex und Konsum schwelgt, findet er berührende Bilder.

Das ist insofern eine nicht zu unterschätzende Leistung, als Faust und Marguerite aus heutiger Sicht blass erscheinen. Er ein nachträglich Pubertierender mit deftigem Triebstau, sie ein naives, zutiefst frömmelndes Wesen, das nicht weiß, wo plötzlich das Kind im Bauch hergekommen ist. Wiegand und seine Kostümbildnerin Ilse Welter-Fuchs nehmen die beiden einfach, wie sie sind, und das tut den beiden einfältigen Geschöpfen gut. So heutig sie bei Wiegand wirken, so himmlisch singen sich Philippe Do als Faust und Katharina Persicke als Marguerite in die Herzen der Zuschauer. Philippe Do steht ein eleganter, klangschöner und präzis artikulierender Tenor zur Verfügung, während er gleichzeitig seine fast kindliche Abhängigkeit von Méphistophélès bis hin zur überdrehten Parodie zu beglaubigen weiß. Schnell ist klar: Egal, wie sehr Faust die Freuden und Nöte seiner amourösen Wirrungen allein meistern möchte, ohne den Teufel läuft einfach nichts. In Adam Palka als abgründigem Mephisto, der mit dunkler Sonnenbrille, Glitzer-Jackett und hohen Absätzen deftigen Zuhältercharme versprüht, haben die Darmstädter einen eleganten Teufel, dessen kräftiges Baritontimbre perfekt zur verführerischen Rolle passt. Sängerisch sehr gut besetzt auch die raffinierte Schwerenöterin Marthe Schwerdtlein alias Ingrid Katzengruber und Jana Baumeister in der klangschönen Hosenrolle des treuen Siébel.

Karsten Wiegand und seine Bühnenbildnerin Bärbl Hohmann umkreisen das „Faust“-Personal konsumkritisch mit abweisenden, silbrig glitzernden Wänden. In dieses Ambiente stellt Hohmann Marguerites naiv bemaltes Gartenhäuschen voll Kopffüßler-Zeichnungen der verstorbenen Schwester.

Erst als die Kindsmörderin im Schlusschor nach gut drei Stunden nicht „gerichtet“, sondern „gerettet“ werden soll, fährt der silberne Kubus auseinander und zeigt den Himmel als großes VIP-Dinner, in dem die

Stützen der Gesellschaft

bei leiblichen Genüssen herzhaft zulangen. Auch an das letzte Abendmahl muss man denken, nur, dass der schwarz gekleidete Mephisto an zentraler Stelle Platz genommen hat.

Während die erste Hälfte vom Darmstädter „Faust“ aus der Sicht der Hauptfigur erzählt ist, widmet Wiegand den zweiten Teil ganz den emphatisch nachempfundenen Abstiegsstationen des gefallenen Mädchens. Hier gelingen dem Intendanten seine beklemmendsten Szenen: Wie er sie anfangs zwischen hektisch einkaufenden Fremden allein lässt, wie er sie in der Kirche vom bigotten Chor immer wieder zurückweisen lässt, wie er sie schutzlos, samt ihrem blutenden Kind, den zurückkehrenden Soldaten und dem Fluch des Bruders ausliefert, dabei immer auf Gounods sensible Modulationen eingehend, ist überragend gelungen. In Katharina Persicke steht ihm allerdings auch eine ideale Marguerite zur Verfügung, die mit ihrem Sopran nicht nur lyrisch-innig intoniert, sondern ihre schwierige Rolle glaubhaft auszufüllen vermag.

Warum es nicht nur Bravos, sondern auch etliche Buhs am Ende des langen Premierenabends gab, dürfte an zwei Dingen liegen. Einmal am Opernchor und Extrachor, der besonders anfangs bei den Kirmesszenen deutliche Probleme hatte, den rhythmischen Vorstellungen des hervorragenden Dirigats von Michael Nündel zu entsprechen, und an Wiegands durchaus sinnigem Einfall, die heimkehrende Soldateska mit posttraumatischen Belastungssymptomen in Form von Zuckungen auszustatten.

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