Kunstsammlung der Frankfurter DZ-Bank

Aus Comics werden Farbwolken

Im Art-Foyer der Frankfurter DZ-Bank drehen sich rund 60 Fotos um die Digitalisierung und ihre Folgen. Darunter sind Werke von Andreas Gursky und Johannes Franzen.

Rasant wirbeln die Finger auf der Computermaus herum, klicken links oder rechts und ruckeln zwischendurch an der Maus. Sonst ist nichts zu sehen, nur noch der Oberarm des Computernutzers. Die Szene ist abwechselnd in blaues oder rotes Licht getaucht, das vom Bildschirm stammt. Auch der Raum, in dem das Video läuft, liegt im Dunkeln. So entdeckt der Betrachter erst nach einer Weile an den Wänden die sieben großen Fotoporträts von jungen Menschen, die völlig versunken erscheinen. Offensichtlich handelt es sich bei den Porträtierten um die Virtuosen der Computermaus.

Diese eindringliche Studie über die computersüchtige Jugend stammt von dem 34-jährigen Fotografen Joscha Steffens und ist jetzt in der Kunstsammlung der Frankfurter DZ-Bank zu sehen. „Chip vs. Chemie“ heißt die neue Ausstellung, die etwa 60 Werke von zwölf Künstlern bis 3. Dezember zeigt. Ging es in der vorigen Schau, wie Sammlungsleiterin Christina Leber erläutert, „um das Überleben der analogen Fotografie“, so wird jetzt „die Zukunft der digitalen Fotografie in Frage gestellt“.

Denn ausschließlich digital erzeugte Fotos können in zehn Jahren ganz anders aussehen, wenn etwa die Chips verändert werden und damit automatisch das Bildformat angepasst wird. Und wenn die Monitore mit der Zeit immer leistungsfähiger werden, ändern sich auch die ursprünglichen Farben der Bilder. Was macht man dann mit diesen veralteten Fotos? Derlei Fragen häufen sich.

Vielleicht deshalb setzen sich viele Fotografen eher kritisch mit der digitalen Arbeitsweise auseinander, andere nutzen sie mit großer Distanz. Für sie ist die digitale Fotografie nur ein „Werkzeug zur Erreichung ihrer Bildvorstellungen“, meint Christina Leber. So thematisieren die Künstler all die Ängste vor der Übermacht des Computers, sie widmen sich aber auch dem gigantischen, allzeit verfügbaren Bilderberg im Internet.

Die Kritik an der Digitalisierung ist schon alt, wie die früheste Arbeit der Ausstellung von 1983 zeigt. Astrid Klein bildet eine Computerplatine ab, auf der weiße Zahlen aufgemalt sind, aber auch eine Figur, die vor den Zahlen flüchtet oder von ihnen vertrieben wird. Ein analog entstandenes Bild, ein Fotogramm, dem Astrid Klein den sprechenden Titel „Gedankenchips“ gab.

Eines der bekanntesten Werke der Sammlung ist Andreas Gurskys großformatiges Farbfoto der Börse in Singapur von 1997. Freilich ist dieses dokumentarisch erscheinende Bild von der geschäftig umherwuselnden Menschenmasse bereits digital bearbeitet, damit die Farben besser zur Geltung kommen. Gurskys Kollege Thomas Ruff, auch er aus der berühmten Becher-Schule stammend, treibt das noch weiter voran. Er hat Fotos aus dem Internet von japanischen Manga-Comics so lange bearbeitet, bis sich die Motive in abstrakte, aber hochästhetische Farbwolken auflösen.

Beate Gütschows Stadtlandschaften hingegen sind noch gut erkennbar, obwohl sie aus 50 bis 100 Bildern montiert sind. Eine genauere Zuordnung ist aber nicht möglich. Dafür entstehen eher kahle, fast kühle Szenarien von übermächtigen, auch funktionslos erscheinenden Bauten, in denen der Mensch nur am Rand vorkommt. Auch wenn diese Bilder seelenlos wirken, ist doch eine künstlerische Handschrift zu entdecken, eine Übersetzung oder Verwandlung des Digitalen.

Nur noch von Logarithmen bestimmt ist die Bildästhetik bei Johannes Franzen. Die 16,7 Millionen Farbpixel eines Monitors hat er so programmiert, dass jede Sekunde eine neue Kombination erscheint. Franzen führt die Fotografie auf die reine Anordnung von Farbpixeln zurück. Das ist aber nur die technische Seite, unter Vernachlässigung des Inhaltes, der noch immer die Hauptrolle spielt – Digitalisierung hin oder her.

Ein Automat erfasst schließlich eine Szene ganz anders als ein Mensch. Das führt uns Viktoria Binschtok eindrucksvoll vor Augen. Zuerst erkundete sie New York mittels Google Street View und wählte einige der digitalen Schwarz-Weiß-Bilder aus, die aus dem vorbeifahrenden Auto entstanden sind. Dann flog sie nach New York und machte von den Orten eigene, aber analoge Farbfotos. Diese ungleichen Paare sind nicht leicht zu erkennen. Auf Binschtoks Foto aus einem Fenster etwa prangt ein aufgemaltes Auto, das man erst nach einigem Suchen auch auf dem kleinen Google-Foto entdeckt, freilich von der anderen Seite aus geknipst, von der Straße. Binschtok greift ein für das Google-Projekt unwichtiges Detail auf und erklärt es zum Hauptmotiv – der subjektive Blick ist eben allemal reizvoller.

So verlässt der Besucher das Art-Foyer sehr nachdenklich, angeregt von verschiedenerlei Positionen für oder wider die Digitalisierung. Diese Ausstellung, eine der besten der DZ-Sammlung, die Christina Leber bisher mit ihrem Team betreut hat, sollte man unbedingt gesehen haben.

Art-Foyer DZ-Bank Kunstsammlung, Frankfurt, Cityhaus I, Friedrich-Ebert-Anlage. Bis 3. Dezember. Geöffnet dienstags bis samstags 11–19 Uhr. Freier Eintritt. Telefon (069) 74 47 23 86. Internet

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