Daniel Kehlmann lädt in ein Geisterhaus in den Bergen: Dort sind Stimmen zu hören, und mit den Türen stimmt was nicht.
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Daniel Kehlmann lädt in ein Geisterhaus in den Bergen: Dort sind Stimmen zu hören, und mit den Türen stimmt was nicht.

„Du hättest gehen sollen“

Bei Daniel Kehlmann spukt's im Ferienhaus

  • Michael Kluger
    VonMichael Kluger
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Was immer der Schriftsteller Daniel Kehlmann seit seinem Erfolgsroman „Die Vermessung der Welt“ veröffentlicht, wird von Kritik und Lesern neugierig und aufmerksam registriert. Die jüngste Erzählung „Du hättest gehen sollen“ umfasst nur 95 Seiten, drei davon sind leer. Aber was ist mit den 92 anderen?

Manche Sätze sind unvollständig. Die meisten aber sind artig und schön gebaut, formal nahezu perfekt, mit Hintersinn. Die Grammatik stimmt geradezu streberhaft verlässlich. Der Wortschatz ist von kontrolliertem Reichtum, ein bisschen altmodisch vielleicht. Er deutet es nur an, aber klar ist: Dem Autor stünde, ließe er nach in seiner künstlerischen Strenge, ein barocker Vorrat an seltenen Adjektiven und erlesenen Bildern zur Verfügung. Man ahnt: Wenn Kehlmann (41) wollte, könnte er natürlich Thomas Mann imitieren, viel besser, als Christian Kracht das vermag. Aber Kehlmann will nicht.

Kehlmanns Kunst kann man mit einem Design-Haus in den Bergen vergleichen, errichtet von intelligenten Handwerkern, nach dem raffiniert ersonnenen Plan eines ausgesuchten Architekten – durch und durch Zeugnis stilistischer Könnerschaft und artistischer Souveränität. Das Haus steht irgendwo oben in alpinen Höhen und ragt hinein in eine Luft, die dünner ist als drunten, bei uns Flachlandbewohnern. Der bange Blick geht auf metaphysische Gletscher, doch auch hinab ins Tal, das nur ein Abgrund sein kann, tief, dunkel und unerforschlich.

Optische Täuschung

Das Innere des Hauses ist funktional, ästhetisch kühl. Dort mag es Spiegel geben, aber keine Bilder an den Wänden. Zwar ist das Haus mit Schlaf- und Kinderzimmern ausgestattet, mit Fluren, Bad und Waschraum, gleichwohl ist es ungemütlich, unheimlich, wandelbar, ähnlich spukhaft wie die Geistervillen, die wir aus Filmen kennen – oder aus Disneyworld. Kehlmanns Kunst ist wie das Haus, in dem „Du hättest gehen sollen“ spielt. Und dort ist der Held, ein Drehbuchautor, Anfang 40, mit Frau Susanna (Schauspielerin) und Tochter Esther (4) gerade angekommen.

Er erhofft sich Inspiration für „Allerbeste Freundin II“, die Fortsetzung seines Erfolgsfilms. Der Produzent drängt, die Ideen indes bleiben rar. Die Ehe kriselt. Susanna findet seine Drehbücher banal. Streit entzündet sich – wie in jeder Familie – an den Alltagsroutinen. Auch das Mädchen stört mit seiner natürlichen Fantasie und Lebendigkeit die Kreise des Künstlers. So füllt sich sein Notizbuch mehr mit den Episoden aus dem Ferienhaus, die an wenigen Tagen um einen 6. Dezember spielen, als mit Szenenentwürfen für das Filmskript.

Elf Jahre nach dem Millionen-Seller „Die Vermessung der Welt“, drei Jahre nach „F“, dem lange erwarteten „Meisterwerk“-Roman, der er dann doch nicht wurde, hat Daniel Kehlmann nun diese schlanke Erzählung veröffentlicht, die abermals Motive variiert, die er seit „Ich und Kaminski“ immer wieder aufnimmt: die Übergänge von Fiktion und Wirklichkeit, das Schwankende, Unzuverlässige unserer Wahrnehmung, die Grenzen unseres Bewusstseins, das Zufällige, Wechselhafte unseres Weltverständnisses, die dünnen Fäden, die Kunst und Leben verbinden. Kehlmanns Bücher sind rummelplatzhafte Spiegelkabinette, künstliche Gärten, in denen die Pfade sich verzweigen, Bühnen mit doppelten Böden, komödiantisches Gegaukel mit Illusionen, Sinnkulissen, Anspielungen, Zitaten, es sind Bedeutungslabyrinthe auf allerlei Meta-Ebenen: Budenzauber einer Postmoderne, die nicht vergehen will. Weil sie immer da war? Vielleicht.

Jedenfalls entdeckt der Erzähler in der bündigen Schauergeschichte eines Tages auf dem Handy seiner Frau Kurznachrichten, die auf ihre Untreue hindeuten. Was für jeden Ehemann gewiss ein Schock wäre, verwandelt das unerfreuliche Haus endgültig in eine „Haunted Mansion“. Die Seltsamkeiten, die sich schon am Anfang zeigten, nehmen erschütternde Dimensionen an. Dass eine Spiegelung im Fenster unvollständig ist, gut, das mag verwirren, ist indes noch kein Hinweis darauf, dass die Naturgesetze nicht mehr gelten – und zwar bis in die fernsten Galaxien. Doch jetzt: Geht der schreibblockierte Autor durch eine Tür, landet er wieder im selben Raum, aus dem er soeben getreten ist, blickt er hinaus, sieht er sich selbst in der Kälte stehen, flieht er mit Esther talwärts,kommt er alsbald wieder vor der Haustür an. Bald scheinen die Interferenzen durchs ganze Universum zu zittern. Ist das Ganze am Ende nur ein Traum? Die Halluzination einer verstörten Seele, der die Welt abhanden kommt?

Natürlich weiß der Leser, dass Kehlmann sich in Kunst und Kino auskennt. Sogleich fallen ihm bei der gewissenhaften Lektüre „Shining“ ein, „Inception“, dieser Psychothriller oder jener, Piranesis ausweglose Kerkerlabyrinthe, M. C. Eschers unmögliche Perspektiven, optische Täuschungen und widersprüchliche Realitäten. Es ist, als spielte „Du hättest gehen sollen“ Spiele Eschers und des Kinos weiter, aber mit Worten, schwer wie Ziegel, die nicht tragen, was Filmbilder tragen, mit Literatur, die eigentümlich nach old school riecht.

Am Ende bleiben drei Blätter leer. Der Erzähler kann nicht mehr – nach 92 mittelaufregenden Seiten. Daniel Kehlmann bräuchte vielleicht endlich ein neues Thema.

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