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Der britische Musiker David Byrne (2. von links) hat mit ?American Utopia? ein neues Solo-Album herausgebracht. Das Foto zeigt den Künstler zusammen mit der Amerikanerin Annie Erin Clark bei einem Auftritt in Madrid.

Interview

David Byrne: „Was ist so schlimm am Träumen?“

Er war der Kopf einer der besten Bands aller Zeiten, der „Talking Heads“. Nun hat David Byrne ein neues Soloalbum gemacht. „American Utopia“ soll Hoffnung auf eine schönere Welt wecken – und Lust zum Tanzen.

Eine Unterhaltung mit David Byrne (65) ist eine launige Angelegenheit. Der an so gut wie allem interessierte, gedanklich etwas sprunghafte Künstler gibt keine Antwort ohne begleitendes Gelächter. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre waren die „Talking Heads“ („Road To Nowhere“) für viele die beste Band der Welt. Ihre brodelnde Mixtur aus Post-Punk, Funk, Avantgarde-Pop und World Music klang beispiellos mitreißend. Zehn Jahre später löste Frontmann David Byrne das virtuose Quartett auf, um sich einer Karriere unter eigenem Namen zu widmen – als Musiker, aber auch als Filmkomponist, Buchautor, Fotograf, Kolumnenschreiber für die „New York Times“. Nun hat er sein erstes echtes Soloalbum nach 14 Jahren herausgebracht. Musik als Seelenbalsam für Verängstigte und politisch Frustrierte, als Quelle für neuen Optimismus. Tatsächlich zieht der Rock-Intellektuelle Byrne auf „American Utopia“ die Lebensfreude der Düsterkeit vor, mit tanzbaren Songs, einer bunten Mischung aus exotischen Klangfarben, unverbrauchten, doch zugänglichen melodischen Einfällen sowie vielen raffinierten Rhythmen. Schon das Groove-Gebräu der „Talking Heads“ – berühmt spätestens seit Jonathan Demmes epochalem Konzertfilm „Stop Making Sense“ (1984) – war so ein Aufputschmittel. Steffen Rüth traf David Byrne in Berlin zum Interview.

Bringen wir es hinter uns, Mr. Byrne: Wird es noch eine Wiedervereinigung der „Talking Heads“ geben?

DAVID BYRNE: Ach, das kann ich nur bezweifeln. Ich stecke voll drin in alldem, was ich aktuell tue. Was Nostalgie angeht, bin ich sehr skeptisch. Immer schon gewesen. Sie führt zu nichts. Die Zukunft ist für mich spannender als die Vergangenheit.

Sie besitzen seit 2016 neben der britischen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Warum wollten Sie unbedingt Amerikaner werden?

BYRNE: Die eine Hälfte meiner Bekannten denkt, ich hätte das irgendwie aus einer antizyklischen Laune heraus gemacht. So nach dem Motto: Wenn hier in diesem Land, in dem ich den Löwenanteil meines Lebens verbracht habe, schon alles den Bach runtergeht, dann werde ich doch schnell noch Mitglied. Und die andere Hälfte glaubt, ich hätte mithelfen wollen, Trump zu verhindern.

Ist aber nicht so?

BYRNE: Nein, ist nicht so. Weder das eine noch das andere. Ich wollte in Wahrheit schon bei der vorletzten Wahl Amerikaner werden, um Barack Obama zu wählen. Also ganz offiziell.

Anstelle von inoffiziell?

BYRNE: (lacht laut): Ganz genau. Ich habe mich schon oft in den USA an Wahlen beteiligt, aber das war dann halt stets ein illegaler Akt. In den Wahlbüros habe ich immer bloß meinen Führerschein gezeigt. Irgendwann meinte dann doch mal jemand: „Sie sind überhaupt kein Staatsbürger, Sie haben nur eine Green Card“. Ich: „Stimmt“. Anschließend habe ich mich um meine reguläre Einbürgerung bemüht.

Gab es Ärger?

BYRNE: Nö, überhaupt nicht. Ich habe das auch längst wiedergutgemacht, indem ich vor zwei Jahren in Charlotte (North Carolina) dafür warb, dass sich die Menschen in Wahllisten eintragen, um die Geschicke ihres Landes mitzubestimmen. Und ich habe mich mit dem Bürgermeister von New York getroffen, um mit ihm darüber zu sprechen, wie immens wichtig Kunst und Kultur für ein Gemeinwesen sind, ganz besonders in den benachteiligten Vierteln. Man kann das an Zahlen belegen: Ein gutes kulturelles Angebot senkt die Kriminalitätsrate, es verbessert die Schulnoten der Kinder, ja es werden sogar weniger Jugendliche fettleibig. Die haben dann einfach mehr Möglichkeiten, ihre Freizeit zu verbringen, als vor dem Fernseher. Kunst ist nicht nur Unterhaltung. Sie hat einen tieferen Effekt.

Ihr neues Album heißt „American Utopia“. Sind Sie ein Utopist? Gar ein Träumer?

BYRNE: Was wäre so schlimm und so falsch daran zu träumen? Amerika ist ja aktuell der letzte Ort, von dem man denken würde, dass sich dort die Utopien verbreiten. Aber ich versuche, optimistisch zu sein und an eine gute Zukunft zu glauben. Es ist ein stetiger Kampf.

Haben Sie je Donald Trumps Bekanntschaft gemacht?

BYRNE: Nein, nie. Muss auch nicht sein. Ich halte ihn auch nur für ein Symptom, er ist nicht die Ursache. Trump ist sicher ziemlich verrückt, aber gefährlicher finde ich es, wie viele republikanische Parteifreunde ihm blindlings folgen, nur um sich an der Macht zu halten.

Der heiterste Song auf „American Utopia“ heißt „Everyday Is A Miracle“ und klingt fast wie ein Kinderlied. Überziehen Sie Kritik mit Zuckerguss, damit sie verdaulicher wird?

BYRNE: Hey, genau so mache ich das! Mein Album sollte angenehm und einladend klingen, doch es sollten auch kleine Häkcken enthalten sein, an denen man hängenbleibt. Nur Zucker ist langweilig, und nur Ernsthaftigkeit ist ermüdend. Also mache ich: Pop. Ich will nicht zulassen, dass Ärger, Frust und Verzweiflung die Oberhand bekommen.

„Bullet“ ist aber ein recht düster Song. Oder hat der auch einen doppelten Boden?

BYRNE: Hat er, aber ungewollt. Ich schrieb das Lied aus der Perspektive einer Pistolenkugel, die sich den Weg durch einen menschlichen Körper bahnt und diese Person tötet. Jetzt denken aber alle, auch hätte das Lied als Reaktion darauf geschrieben, dass Polizisten in den USA mehrere unbewaffnete Schwarze erschossen haben. Man kann das tatsächlich so interpretieren, auch wenn es nicht meine Absicht war.

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