Wird am 7. April mit dem Frankfurter Musikpreis geehrt: Geiger David Garrett.
+
Wird am 7. April mit dem Frankfurter Musikpreis geehrt: Geiger David Garrett.

Star-Geiger erhält den Frankfurter Musikpreis

David Garrett: Tschaikowsky im T-Shirt

  • VonAndreas Bomba
    schließen

An David Garrett scheiden sich die Geister, obwohl er sein Publikum begeistert. Nicht nur, aber auch mit klassischer Musik.

Manchmal sind sich alle einig. Ja, Georg Solti hat den Frankfurter Musikpreis verdient. Ludwig Güttler und Tabea Zimmermann und Anne-Sofie von Otter auch. Sogar nicht-klassische Musiker wie Albert Mangelsdorff, Peter Gabriel, Udo Lindenberg und zuletzt, ein Jahr vor seinem Tod, Al Jarreau. Aber David Garrett? Diese Reizfigur des Musikgeschäfts? Von einem blonden „Musikmodel, das seine Showauftritte mit verballhornter Klassik verziert“ konnte man sogleich in einem Internet-Portal lesen, anonym natürlich. Garrett, ein „Meister verpoppter Häppchenkultur, der kein Violinkonzert mehr auf die Reihe kriegt“! Am 7. April, während der Frankfurter Musikmesse, wird der 36-Jährige die Auszeichnung in der Paulskirche erhalten und sich auf der Geige dafür bedanken.

Urlaub für die Seele

Rasch wird nun die Aura klassischer Kunst ins Feld geführt, werden Inhalte und Werte in Stellung gebracht gegen einen Künstler, der nichts anderes will, als sein Publikum zu unterhalten, und dabei die Barriere (er sagt: Hemmschwellen) zwischen Klassik und Pop nicht anerkennt. „Ich möchte den Menschen zwei schöne Stunden schenken“, sagt er, und: „Musik ist Urlaub von Problemen, auch für die Seele.“

Da reiben sich also musikalische Welten aneinander, scheinbar unversöhnlich. Klar: Die Frankfurter Musikmesse, die zusammen mit dem Bundesverband deutscher Musik-Instrumenten-Hersteller diesen Preis auslobt, bekommt, was sie möchte: Publicity, Stadtgespräche, ästhetische Kontroversen. Der Preis soll „Persönlichkeiten für außergewöhnliche Leistungen in der Interpretation, Komposition, Musikwissenschaft, Lehre und Förderung des Musizierens“ ehren, und Garrett fühlt sich mit fast allen Kriterien angesprochen. Als Interpret turnt er mit Band und einer Menge Lautsprecher im Hintergrund über die Bühne, aber das Frankfurter Publikum konnte ihn auch schon zweimal im Museumskonzert erleben, wo er „unplugged“ die Konzerte von Brahms und Tschaikowsky mit richtigem Orchester spielte.

Als Komponist und Arrangeur bedient er sich bisweilen der Ideen längst verblichener Kollegen, wissend, dass diese es oft nicht anders taten. Und dass er der Musik ein neues Publikum erschließt, dass vorwiegend junge Leute seine Konzerte besuchen, muss jeder anerkennen. Einziger Unterschied: Den Newcomern zeigt er sich im T-Shirt, fürs gesittete ältere Publikum wirft er sich eine schwarze Anzugjacke drüber. „Ich spiele immer gleich, ob im Anzug oder im T-Shirt“, betont er, „ein Anzug allein macht die Musik nicht besser, und auch nicht den Interpreten“. David Garrett pflegt eine unprätentiöse Haltung gegenüber der klassischen Musik. „Gute Musik wird immer die Herzen erreichen“, sagt der Geiger. Dieses Instrument wollte der gebürtige Aachener spielen, als sein älterer Bruder damit begann, und, weil im Plattenschrank seiner Eltern (die amerikanische Mutter Ballett-Tänzerin, der Vater großer Musikliebhaber) viele LPs mit den Aufnahmen der goldenen Geiger-Generation standen – Oistrach, Menuhin, Szeryng, Stern.

Hoher Erlebnis-Faktor

Von ihnen schwärmt er noch heute: „Die hatten einen unverwechselbaren Ton. Persönlich, wie Sänger und ihre Stimmen“. Und genau diese Künstler nimmt er sich zum Vorbild. Immerhin hatte auch Jascha Heifetz Musicals komponiert und Fritz Kreisler unsterbliche Salonstückchen. „In jedem Musiker“, sagt Garrett, „schlummert mehr als ein Interpret. Nur trauen sich viele nicht, das zuzulassen.“ Hier spricht er einen durchaus wunden Punkt an: Wenn Musik zu einer Art Religion wird, mit strengen Ritualen und gesellschaftlichem Habitus, der, sagen die einen, die Konzentration aufs Hören fördert, jedoch, so die anderen, zwanghaft wirkt und keine Freude bereitet.

In der Jury des Frankfurter Musikpreises sitzen auch Vertreter der deutschen Musikhochschulen und des Deutschen Musikrats. Diese Institutionen müssen es ja wissen, wenn sie den „hohen Erlebnis-Faktor“ von Garretts Live-Konzerten loben. Darüber freut sich der Künstler am meisten, denn obwohl er schon 2,5 Millionen CDs verkauft hat und Alben wie „Rock Symphonies“ monatelang die Charts zierten, ist er vor allem auf der Bühne in seinem Element. Eher eine Ausnahme wird sein Dasein als Filmdarsteller bleiben. Vor ein paar Jahren spielte er jenen als „Teufelsgeiger“ bewunderten Virtuosen, der zu seiner Zeit eigentlich nichts anderes machte als Garrett heute: die Menschen mit Kunststücken und vor allem mit populärer Musik zu begeistern. Niccolò Paganini!

Die Frage damals war, so erinnert sich Garrett, ob man für den Film einem begnadeten und bekannten Schauspieler das Geigespielen beibringt oder einen bekannten Geiger ranlässt. Auch hier konnte David Garrett er selbst sein. Authentizität, das merkt man im Gespräch, ist ihm viel wert, auch wenn die moderne Marketingwelt unter diesem Begriff oft ein gestyltes Kunstprodukt versteht und allzu schnell auch ins Privatleben eingreift, wo der Künstler vor einiger Zeit mit einer unappetitlichen Affäre viel Lehrgeld zahlen musste.

Lieber als darüber macht der Geiger sich Gedanken über den zentralen Begriff seines Tuns: „Crossover“. Was ist Crossover? Die Kreuzung verschiedener Musikrichtungen? Das Nebeneinanderstellen, Vermischen oder Konfrontieren? Genau an diesem Punkt setzen, nicht zu Unrecht, die Verlustängste der Klassik-Verfechter ein. Vierminuten-Häppchen statt ganzer Sonaten findet Garrett jedoch als Einstieg vertretbar – nicht selten spielt er in seinen Konzerten dann auch „ganze Stücke“, in der Alten Oper sogar mal eine halbstündige Brahms-Sonate vor Leuten, die eigentlich etwas ganz anderes hören wollten. Sie nahmen ihm das ab. Was aber sagte die Kritik? Das könne er nicht mehr gut und richtig, eben der vielen Pop-Musik halber.

Ähnliches vernahm man auch einst bei Wagner-Tenor Peter Hofmann oder beim Mozart-Pianisten Friedrich Gulda. Wenn hingegen Keith Jarrett Bach spielt oder Sting Lautenlieder singt, dann werden daraus „interessante Annäherungen“ . . .

Für junge Leute

„Mit Geschmack macht man etwas Besonderes noch besser“, ist David Garrett überzeugt. Der Umgang mit dem Besonderen regt seine Kreativität an. Musik lebt von Veränderungen, sagt er, für den Crossover eine eigene Musikrichtung ist, die jedem Hörer und Konzertbesucher jeweils neue Erlebniswelten öffnet. Mit dieser Vision ist der Geiger („Ein Musiker hat den tollsten Job der Welt“) oft wochenlang auf Tourneen unterwegs und begeistert weltweit sein Publikum. Während andere meinen, er könne zwar viel, aber nichts so richtig, geben die vollen Säle und die Begeisterung gerade junger Leute ihm recht.

Mit der Verleihung des diesjährigen Frankfurter Musikpreises gewinnt die Musik jedenfalls für einen Augenblick die Aufmerksamkeit, die ihr eigentlich immer gebührt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare