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Die US-Band „Kiss“ ist eine moderne Pop-Ikone: Die Mutter von Sänger Paul Stanley (vorne, Mitte) war Berlinerin und musste vor den Nazis fliehen.

Letzte Tour in 2019

Interview mit der Rockgruppe Kiss: „Diese Band ist ein Lebensgefühl“

„Kiss“ zählen mit über 100 Millionen verkauften Tonträgern zu den erfolgreichsten Bands überhaupt. Das Quartett aus New York heimste nach den „Rolling Stones“ und den „Beatles“ weltweit die meisten goldenen Schallplatten ein und hat das Merchandising im großen Stil erfunden. Von den maskierten Rockern gibt es Halloween-Kostüme, eine eigene Kaffeehauskette und sogar Särge. 2019 geht „Kiss“ zum letzten Mal auf Tour. Zwischen Mai und Juni sind sie in Deutschland. Der deutschstämmige Frontmann Paul Stanley (66) erzählte Olaf Neumann, warum er nach 45 Jahren keine Lust mehr auf Schminke und Plateausohlen hat.

Mr. Stanley, die Abschiedstournee von „Kiss“ steht unter dem Motto: „The One Last Kiss: End Of The Road World Tour“. Fällt es Ihnen leicht, aufzuhören?

PAUL STANLEY: Ja, doch. Ich möchte aber nicht so weit gehen und es als Befreiungsschlag bezeichnen. Es war natürlich eine große Entscheidung, zu sagen, dass wir ein letztes Mal auf Welttour gehen wollen mit allen Hits und weiteren Songs, die wir in unserer Karriere gemacht haben. Wir möchten uns bei unseren Fans bedanken mit der fettesten Show überhaupt. Die Alternative wäre gewesen, ganz normal weiterzumachen und langsam dahinzuschwinden. „Kiss“ ist aber keine Band, die einfach verrauscht.

Was genau meinen Sie mit der größten Show aller Zeiten?

STANLEY: Es ist eine komplett neue Show. Sie hat nichts mit den Bühnen aus der Vergangenheit zu tun. Sie ist bombastisch. Es gibt noch mehr von allem. Wir werden auch länger spielen als sonst – ein großer Unterschied zu den Tourneen in den letzten Jahren.

Bei „Kiss“ gab es sogar schon fliegende Untertassen auf der Bühne. Lässt sich solcher Gigantismus überhaupt noch steigern?

STANLEY: Ja, bei dieser Tour geht es nicht nur um eine staunenswerte Bühne, um Technik und die Songs, sondern vor allem um die Atmosphäre, die Umstände und die Feier eines Klassikers. „Kiss“ ist ein Lebensgefühl.

Haben Sie vor, sich ganz von der Musik zurückzuziehen und nur noch zu malen oder zu designen?

STANLEY: Ich will alles machen! Für mich gibt es viele Möglichkeiten, kreativ zu sein. Musik ist mir natürlich sehr wichtig, aber die Kunst nimmt auch einen großen Teil meines Lebens ein.

Wird es noch „Kiss“-Alben geben?

STANLEY: Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Ich habe in meinem Leben ein paar ganz gute Songs geschrieben, selbst auf jüngeren Alben wie „Sonic Boom“ und „Monster“ sind Stücke drauf, die mit unseren besten Sachen mithalten können. Der Unterschied ist, dass viele Menschen mit den neueren Platten nicht so viele Erinnerungen verbinden wie mit „Alive!“. Songs werden zu Klassikern, weil die Menschen mit ihnen persönliche Erlebnisse verbinden. Das funktioniert nicht von heute auf morgen. Die Leute freuen sich immer über neue Songs von den „Rolling Stones“, aber bei ihren Konzerten wollen alle nur „Brown Sugar“ hören.

Kennen Sie „I Was Made For Loving You“ in der Version der deutschen Technoband „Scooter“?

STANLEY: Ja. Es kommt immer wieder vor, dass meine Songs gecovert werden. Das gefällt mir, egal, ob ein Cover gut oder schlecht geworden ist.

Ein deutscher Schlager behauptet, das Leben fange mit 66 Jahren erst an. Wie fühlen Sie sich?

STANLEY: Manchmal glaube ich, den Verstand zu verlieren, weil ich mich immer noch wie 26 fühle. Wenn das Leben wirklich erst mit 66 beginnt, dann habe ich noch einen langen Weg vor mir.

Wann ist man zu alt für Rock ’n’ Roll?

STANLEY: Jeder Mensch hat das Recht, das weiterzuverfolgen, was ihm Freude bereitet. Das kann einem niemand verbieten. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie lange er etwas macht.

Es ist nicht das erste Mal, dass „Kiss“ sich verabschiedet. Meinen Sie es diesmal wirklich ernst?

STANLEY: Die Umstände sind diesmal ganz anders. Dass wir vor 19 Jahren beschlossen, auf Abschiedstournee zu gehen, hatte etwas mit der damaligen Bandbesetzung zu tun. Es war kein Abschied von der gesamten Band, sondern nur von ein paar Mitgliedern. 19 Jahre später können wir mit Fug und Recht behaupten, nie mehr Spaß gehabt zu haben als heute. In diesem Moment sollte man aufhören.

Für viele Ihrer Fans sind Sie mehr als ein Idol: nämlich ein Rock-Gott. Wie fühlt sich das an?

STANLEY: Wenn ich jemanden inspiriere oder für ihn ein Idol bin, dann finde ich das okay. Ich bin aber kein Prediger, der auf einem Sockel oder Altar steht und Leuten sagt, was sie tun oder lassen sollen. Mir hören Leute zu, weil ich nicht viel anders bin als sie selbst. Vielleicht habe ich in meinem Leben ein paar weise Entscheidungen getroffen und habe ein tolles Leben, aber ich sage niemandem, wie man das erreichen kann. Ich bin eher hier, um Stimmung zu machen und Menschen anzuschubsen.

Sie leben den amerikanischen Traum. Was ist vom „American Dream“ geblieben?

STANLEY: Alles! Trotz des Aufruhrs, der in meinem Land zurzeit herrscht und in der Vergangenheit öfter geherrscht hat, gibt es diesen Traum noch. Das Leben hier kann sein wie eine Fahrt auf der Achterbahn, aber es geht sehr oft gut aus.

Was würden Sie als erstes tun, wenn Sie Präsident der USA wären?

STANLEY: Zurücktreten!

Warum?

STANLEY: Weil es ganz wichtig ist, zu wissen, wozu man persönlich fähig ist und wozu nicht. Wir müssen unsere Stärken und Schwächen kennen. Ich wünschte, mehr Menschen könnten ihre Fähigkeiten besser beurteilen. Dann wäre die Lage viel entspannter.

Ihre Mutter wurde in Berlin geboren, Ihr Vater in Polen. Viele Ihrer jüdischen Vorfahren wurden von den Nazis ermordet. Mit welchen Gefühlen sind Sie anfangs nach Deutschland gekommen?

STANLEY: Viele der Freunde meiner Eltern hatten eintätowierte Nummern auf dem Unterarm. So brutal tätowierte die SS KZ-Häftlinge. Meine Mutter ist mit ihren Eltern aus Berlin nach Amsterdam geflohen, sie konnten nur ihr nacktes Leben retten. Aber sie mussten auch aus Amsterdam fliehen. Mein Verhältnis zu Deutschland war sicher nicht positiv. Mit der Zeit habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass es in Deutschland eine neue Generation gibt. Die Dinge haben sich total geändert. Die Gräueltaten der Nazis können zwar nicht ausradiert werden, aber man soll Menschen nach ihren eigenen Handlungen beurteilen, nicht an denen ihrer Eltern. Mein Verhältnis zum heutigen Deutschland ist fabelhaft.

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