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Mary J. Blige

Mary J. Blige in der Frankfurter Jahrhunderthalle

Diese Lady elektrisiert die Seele

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Bei ihrem zweiten Deutschland-Gastspiel ließ Neo-Soul-Queen Mary J. Blige in der Frankfurter Jahrhunderthalle die Seele bluten.

Wenn exaltierte R-’n’-B-Diven wie Beyoncé oder Rihanna hierzulande Arenen füllen, dann reisen sie im Riesentross: kostspielige Kulissen, Designerroben und Tänzertruppen. Gesangstöne kommen mitunter aus der Konserve. Nichts von all dem Pomp, Prunk und Protz findet sich bei Mary J. Blige: Vom ersten bis zum letzten Takt des mit effizientem Begleitseptett – darunter auch drei herrlich gospelnde Chordamen – unterfütterten 90-minütigen Sets in Frankfurt steht alleine die Musik im Mittelpunkt. Passioniert präsentiert von der 44 Jahre alten Sanges- und Komponistenkoryphäe aus der New Yorker Bronx.

„Just Fine“ lautet unaufdringlich die Botschaft zum Auftakt – und schon da macht die in klassische Eleganz gehüllte Blige ihrem Ruf, mit beseelten Göttinnen wie Bessie Smith, Billie Holiday, Etta James, Aretha Franklin, Gladys Knight und Patti Labelle in einer Reihe zu stehen, alle Ehre. Seit einem Vierteljahrhundert liefert Mary J. Blige, die zuletzt 2006 in der Alten Oper gastierte, künstlerisch Hochwertiges im weiten R-’n’-B-Spannungsfeld – selbst, wenn sie zeitweise im Privaten durch Drogen, Depressionen, Steuer- und Kreditschulden arg ins Schleudern geriet.

Doch seit seligen Tagen der Blues-Wehklagen im Mississippi-Delta wissen wir: Es gibt keine bessere Inspiration als persönliches Leid. Blige verpasst ihrer Fangemeinde, die schon beim instrumentalen Intro wie elektrisiert von den Sitzen gerissen wird, das komplette emotionale Rundum-Paket: Mit ungeheurer Leidenschaft liebt, genießt, croont, schwelgt, rappt, schmollt, leidet und hasst sie sich durch eine Palette an Klassikern wie „Real Love“, „Love No Limit“, „Be Happy“, „Enough Cryin’“ und „You Bring Me Joy“. Nach ekstatischem „Don’t Mind“ brandet ein Applaussturm auf. Vom blauen ins karmesinrote Outfit wechselt sie mit „My Life“. Recht kurz gerät der Einblick (u.a. „Therapy“, „Doubt“) in ihre letztjährige Produktion „The London Sessions“. Rose Royces Klassiker „I’m Going Down“ fehlt im letzten Drittel ebenso wenig wie „Not Gon’ Crying“ und „No More Drama“.

Mary J. Blige verausgabt sich bis zur Erschöpfung, geht – hoffentlich nur gespielt – zu Boden. Bei so viel Seelenbluten gerät das Publikum geradezu in hysterische Raserei. Ein Rätsel bleibt allerdings, warum bei so einem Glanzpunkt der Konzertsaison die Halle nur zu zwei Dritteln gefüllt war.

(Köh)

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