Wolfgang Koch als (fehlbesetzter) Wotan und Catherine Foster als Brünnhilde in der "Walküre".
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Wolfgang Koch als (fehlbesetzter) Wotan und Catherine Foster als Brünnhilde in der »Walküre«.

Festspiele Bayreuth

Diesen Walküren will man lieber nicht begegnen

  • vonAxel Zibulski
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Nach einem turbulenten Vorabend beruhigt sich Frank Castorfs Bayreuther Sicht auf Wagners „Ring des Nibelungen“ in der „Walküre“ wieder bis zur Regieverweigerung.

Der Parkettsitz nebenan, der im „Rheingold“ noch frei geblieben war und im Festspielhaus ungekannte Bewegungsfreiheit verschafft hatte, ist nun besetzt. Die neue Nachbarin in luftiger Sommerkleidung erzählt, dass ihr Mann („Wissen Sie, der ist Musikkritiker bei einer großen Zeitung!“) kurzerhand diesen Platz für sie ergattert habe. Für 240 Euro, was sie heftig findet, zumal sie doch erkältet sei. Aber diese Gelegenheit, zum ersten Mal in Bayreuth. . .

Das Wuchten größerer Kapitaleinsätze passt gut zum „Ring des Nibelungen“, den Frank Castorf nach dem Videoflimmern und Route-66-Flair mit Westküsten-Tankstelle und glitschigem Straßenmotel des „Rheingolds“ in der „Walküre“ so viel braver und betulicher fortsetzt. In mehr oder weniger triftigen Raum-Zeit-Verwirbelungen geht’s zurück in die Gründerjahre der Ölmagnaten, mit Fabrikschuppen und Förderturm, die freilich bald von rotem Stern und kyrillischen Buchstaben von der anderen Seite des einstigen Eisernen Vorhangs markiert werden.

Er will das Ende

Es menschelt immer wieder arg in der „Walküre“, und damit kann Castorf, der antipathetische Systemfragensteller, überhaupt nichts anfangen. Das führt im ersten Aufzug zu einer von Ideen, Licht und Personenführung weitgehend ungetrübten Begegnung der Geschwister Siegmund und Sieglinde vor der Hütte ihres Gatten Hunding. Wie schade, dass Anja Kampe und Johan Botha als Träger des inzestuös zur Siegfried-Zeugung zusammenkommenden Wälsungenbluts sich erst beim Schlussapplaus, der für beide verdient riesig ausfällt, haltlos in die Arme fallen. Die Anspannung Kampes, der wenige Wochen vor Festspielbeginn aus der Hauptpartie des Premierenabends mit „Tristan und Isolde“ hinauskomplementierten Sopranistin, löst sich sichtlich in ihrer Umarmung des kolossalen Johan Botha, den man für seinen Siegmund einfach lieben muss: Was für ein schöner, kultivierter, geschmeidiger Tenor, der uns sogar seine „Wälse“-Rufe lange, aber ganz ohne Testosteron-Überschuss entgegensingt. Wunderbar auch Kampes vokal glühende Sieglinde: Beiden, und dazu Kwangchul Youns finster-feinem Hunding, bereitet Dirigent Kirill Petrenko mit dem Festspielorchester ein akustisch subtiles Wagnerfest. Was für Streicherschattierungen! Welche beredten Holzbläser-Ranken! Wie duftet das Blech!

Die Nachbarin plagen fürchterliche Hustenkrämpfe. Sie war zum zweiten Aufzug wiedergekommen. Bevor Wotan „Nur eines will ich noch: das Ende“ singt, säuselt sie: „Ich muss hier raus“. Das geht in der Bayreuther Enge allerdings schlecht und wirkte auch wie Verschwendung, nachdem die Karten so mühsam ergattert worden waren. Die scharfen Ingwerbonbons der Engländer in der Reihe hinter uns sorgen für Beruhigung. Womöglich verstehen die beiden Catherine Fosters Brünnhilde mit ihrem kräftigen Akzent besser als wir.

Beruhigung gibt es auch vorne auf der Bühne, und davon viel zu viel. Den langen Wotan-Monolog singt der evident fehlbesetzte Wolfgang Koch ohne tiefe Farben, ohne Geheimnisse, ein wenig blutleer, ein wenig ungehobelt und ziemlich lustlos. Dass Catherine Foster von den akustisch ungünstigen Höhen der Ölförderanlage Siegmund den Tod zu verkünden sich anschickt, hätten die, die Ahnung von Musik haben, dem hier ohnehin ideenlosen Regisseur besser ausgeredet.

Im dritten Aufzug ist der Platz nebenan dann leer. Mit dem netten CD-Produzenten aus Regensburg lässt sich die frei gewordene Fläche schnell für die Jacketts aufteilen. Vorne wieder Video: gefallene Helden (wie in Walhall!), Arbeiter, Nebel, Walküren, denen man nicht im Dunklen begegnen möchte. Kyrill Petrenko fordert sie akustisch elegant und präzise zum Ritt auf und zaubert am Ende mit den Harfen und dem ganzen Festspielorchester Wotans Abschied von Brünnhilde und einen Feuerzauber so gelöst und ergreifend hervor, wie wir das selten gehört haben. Die Augen müssen sich mit einer großen, brennenden Öltonne begnügen.

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