Interview mit „Yello“

„Dieses endlose Rumdudeln ist vorbei“

Dieter Meier und Boris Blank von „Yello“ sind wie Anarchisten im Klangwald. Sie haben Töne für alles, was Musik braucht, ob Hollywood-Filme oder Fernsehserien.

Sie sind Pioniere des Elektro-Pop und der Videokunst: Dieter Meier und Boris Blank alias „Yello“. Die Songs der Zürcher dienten als Soundtrack für Hollywood-Filme mit Steve Martin und Michael J. Fox und Fernsehserien wie „Miami Vice“ und die „Simpsons“. Instrumentalist Blank fuhr früher Brummis, Sänger Meier ist Bankierssohn, Bio-Unternehmer, Gastronom und Investor. Jetzt gibt das ungleiche Duo erstmals in seiner 36-jährigen Karriere richtige Live-Konzerte. Los geht’s vom 26. bis 30. Oktober im Kraftwerk Berlin, wo die Stücke des neuen Albums „Toy“ gespielt werden soll. Es erscheint am 30. September. Olaf Neumann aß mit Dieter Meier (71) und Boris Blank (64) in Hamburg Pommes frites und fragte nach.

Herr Meier, Herr Blank, Künstler sind Menschen, die Trends in der Gesellschaft erkennen. Was beobachten Sie gerade?

DIETER MEIER: Was ich als Trend empfinde, ist, dass die Politik insgesamt am Ende ist. Das sind alles Karrieristen geworden, hoch amoralische, machthungrige Gestalten, die eigentlich zu einer Kaste geworden sind und nur noch in Kategorien der Machterhaltung denken. Auch in der Schweiz denken Politiker primär an ihre Wiederwahl und sind nur sekundär inhaltsbestimmt. Dieser Trend ist grauenhaft.

Und auf der kulturellen Seite?

MEIER: Da sehe ich unglaubliche Aufbrüche. Der Trend geht weg von der ausgelutschten Postmoderne. Dieses endlose Rumdudeln ist vorbei. Auch in der Tanzmusik entstehen neue Welten. Deswegen bin ich so gern in Berlin. Es ist für mich das Weltzentrum des Bodensatzes, aus denen die Sumpfblüten wieder entstehen. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir unser erstes wirkliches Live-Auftreten dort veranstalten.

Herr Blank, wie konnten Sie Ihre Bühnenangst überwinden?

BORIS BLANK: Die habe ich immer noch. Bei mir kommen wöchentlich immer wieder Zweifel auf, ob es wohl auch etwas wird. Aber je mehr Licht ich am Ende des Tunnels sehe, desto mehr bekomme ich eine gewisse Sicherheit. Ich bin jetzt mit Backingvokalistinnen, Brass-Sets und Perkussionisten im Gespräch. Ich glaube, das wird sehr gut werden. Es ist wichtig, dass „Yello“ jetzt mal ein Live-Erlebnis mit all diesen Fans teilt, die sich das schon seit langem wünschen. Noch sind wir jung und dynamisch auf der Bühne.

Was steht auf dem Programm Ihrer Konzerte?

BLANK: Nicht nur die neuen Stücke, sondern auch Klassiker wie „The Race, „Oh Yeah“ . . . was ist da noch alles dabei?

MEIER: „Bostich“ zum Beispiel. Boris hat all diese Stücke, die uns immer noch sehr am Herzen liegen, neu instrumentiert. Sie sind von einer unglaublichen Transparenz, Frische und Kühnheit. Das ist, als würde man ein Bild restaurieren und die Farben noch mehr hervorbringen. „Yello“ reloaded sozusagen.

BLANK: Die Stücke sind sehr dynamisch gemacht, klanglich bleiben sie aber authentisch. Ich verändere sie nicht so sehr, dass man sie nur noch abstrakt erkennen würde. Dazu kommen viele visuelle Elemente. Wir wollen das ganze „Kraftwerk“ mit einbeziehen. Mit uns stehen bis zu 14 Musiker auf der Bühne.

Werden Sie anschließend auf Tour gehen?

MEIER: Wenn wir Spaß haben, werden wir das machen. Im Lauf der Jahre bekamen wir immer wieder Angebote für Konzerte, es standen sogar schon Bühnenbilder. Aber Boris fand das immer unlauter, weil er in seiner Rolle nicht in Dialog treten kann mit dem Publikum. Das ist jetzt anders.

Wollen Sie mit Ihrer Musik die Zukunft einfangen?

MEIER: Wie bei aller Kunst geht es bei „Yello“ darum, sich selber zu finden und zu erfinden. Boris denkt nie daran, was er jetzt machen muss, um irgendetwas mit dieser Musik zu erreichen, die Zukunft vorwegzunehmen oder einer bestimmten sozialen Schicht zu gefallen. Ihm geht es um das Freilegen der eigenen Fantasie. Was dann damit passiert, ist eigentlich eine ganz andere Abteilung. Wir haben nie Kompromisse gemacht. „Toy“ ist der Versuch eines erwachsenen Menschen, zu werden wie ein Kind. Boris überrascht sich mit jedem Stück selbst aufs Neue.

Herr Blank, wollen Sie auch Dieter Meier überraschen?

BLANK: Klar. Schon als Kind habe ich anderen imponieren wollen. Wenn ich Dieter etwas präsentiere, spüre ich schon nach drei Takten, ob er das mag oder nicht. Wenn nicht, wird es halt ein Instrumental, oder ich überlasse den Gesang einer Dame.

Album: „Toy“, Universal, vom 30. September an. Konzerte: „Kraftwerk“, Köpenicker Straße 70, Berlin. 26. bis 30. Oktober, 21 Uhr (ausverkauft). Telefon (030) 23 00 51 00. Internet

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