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Gerade noch hat „Florentin“ die beiden Mädchen im Puppenstubenambiente fröhlich in die Luft gewirbelt, jetzt liegt er tot vor ihren Füßen.

Ausstellung in Frankfurt

Wüste Obsessionen: Schirn zeigt animierte Filme von Nathalie Djurberg und Hans Berg

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Im Titel der Schau verspricht die Kunsthalle, frei übersetzt, eine Reise durch Schmutz und Konfusion – mit ziemlich kleinen Momenten zum Luftholen.

Frankfurt - Sehr schräg und wirklich funny, denkt man, sobald man in diese Ausstellung eintaucht, die auf Englisch „A journey through mud and confusion with small glimpses of air“ heißt. Ist es nicht zum Beispiel sehr lustig, wie sich dieser krokodilartige Drache eine Kippe zwischen die riesigen Hauer steckt und einen dabei mit seinen Glupschaugen so listig und verschlagen anguckt? Obwohl – so lustig ist das nun auch nicht. Irgendwie sogar ein bisschen unheimlich. Und so, wie es einem mit dem Drachen geht, läuft es dann immer wieder.

Das strotzende Leben

Die beiden Schweden Nathalie Djurberg, die aus Knetfiguren bunte Filme in Stop-Motion-Technik dreht, und Hans Berg, der eine Jean-Michel-Jarre-artige Sphärenmusik dazu komponiert, wurden im Jahr 2009 bekannt, als die venezianische Biennale ihr suggestives Filmwerk mit einem Silbernen Löwen ehrte. Für die Schau, die zuvor in Stockholm und in Trient zu sehen war, hat die Schirn einen langen Hallenriegel freigeräumt, den sie jetzt mit mehr als 40 Filmen bespielt.

Zu sehen sind diese Werke aber nicht in aseptischen Kammern, sondern eingebettet in eine überwältigend Farb- und Formwelt zwischen Verfall und schauererregender Blütenpracht: Dutzende farbenprächtiger Riesenvögel und vor Fruchtbarkeit strotzende Urwaldpflanzen breiten sich in den langgestreckten Räumen aus, und allenfalls das schnöde Parkett bewahrt einen davor, sich in der Illusion zu verlieren, sich leibhaftig in einer Welt zwischen Zauberreich und Alptraum zu befinden. Tatsächlich ist hier viel mehr Alptraum als kindliche Märchenglückseligkeit zu sehen. Bis man das aber merkt, dauert es eine Weile, zu überwältigend sind der explosive Farbrausch und die geradezu orgiastische Lust an der Naturübertreibung, mit der die Künstler den Betrachter einlullen.

Ein farben- und formenprächtiger Pflanzendschungel, an den Wänden laufen drei Filme: Hinten tun kirchliche Würdenträger übrigens nichts Gutes mit nackten Frauen unterm Ornat. Abb.: Norbert Miguletz / Schirn

Dann aber bleibt man stehen und reibt sich die Augen: Denn all die Schönheit verkehrt sich mit einem Mal in ihr grässliches Gegenteil. Etwa wenn man in eine begehbare Kartoffel hineinkriecht und dort einen Film sieht, in dem drei Kinder mit aller Gewalt versuchen, den Geburtsvorgang rückgängig zu machen und in den Mutterleib zurückzukriechen. Welch eine bizarre Vorstellung! „The Potato“ (2008), „The Experiment (2009) oder „The Parade“ (2011) heißen diese Gesamtkunstwerke aus Film, Umgebung und Komposition, die in einem aufwendigen Bilder-Aneinanderreihungsverfahren ganz ohne Skript entstehen.

Schauerlich und schön

Quasi von Bild zu Bild entwickeln sie sich fort, krude Szenen und bizarre Fantasien, in denen Lachen und Lust und Scham und Ekel sich munter die Hand reichen zu einem Lebenstanz, von dem man nie weiß, ob er einen magisch anzieht oder nicht doch zutiefst abstößt.

Es gibt da ein nacktes Mädchen, das sich den Hintern von einem Tiger lecken lässt, katholische Würdenträger, die eine nackte Frau immer wieder unter ihre Talare zerren, es gibt Männer, die kleine Rockmädchen in die Lüfte werfen und zum Schluss erschlagen in ihrem eigenen Blut auf dem Boden liegen. Es gibt eine Drachenmutter, die einen Nervenzusammenbruch hat, und ein Baby, das dieser mütterlichen Hilflosigkeit hilflos ausgeliefert ist. Es sind tumultuöse Szenen. Sexuell aufgeladen ist in ihnen fast alles. Eine abstrakte Filmarbeit gibt es, in der Djurberg Bläschen- und Plasmabilder zu Bergs Musik entwarf, und eine 3-D-Ecke ebenfalls, in der man, mit Brille versehen, ein virtuelles Hexenhäuschen betreten kann – für alle, die schon immer mal wissen wollte, wie es sich anfühlt, einem Wolf im Schaukelstuhl ein Päckchen Zigaretten zu reichen.

Gleich unter der Oberfläche lauern stets Chaos, Wahnsinn, Gewalt und Schmerz. Tief tauchen Djurberg und Berg ein in eine Welt der Begierden. In ihr regiert der Trieb zu leben mit aller Grausamkeit und Kälte – und jenseits jeder Moral. Kaum weiß man je, wohin man schauen, kaum, wie man fühlen soll. „Mud and confusion“, Schmutz und Durcheinander, fleischige Blumen und fette Würmer: Je praller das Leben, desto schwärzer der Abgrund. Djurberg und Berg bieten eine Art „Wallace & Gromit“ für beziehungsgestörte Zwangsneurotiker im Dschungel der Triebe und Begierden. Und wer die Ausstellung verlässt, weiß: Letztlich sind das wir alle.

Nathalie Djurberg & Hans Berg

Bis 26. Mai, Kunsthalle Schirn am Römerberg, Frankfurt. Geöffnet Di–So 10–19, Mi und Do bis 22 Uhr. Tel.: (069) 2 99 88 22 40. Eintritt 12 Euro.

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