Ausstellung in der Frankfurter DZ-Bank

Ab in die Dunkelkammer!

Im Art Foyer des Frankfurter Finanzinstitutes drehen sich rund 60 Bilder um allerlei technische und chemische Experimente von neugierigen Fotokünstlern.

Von CHRISTIAN HUTHER

Der Raum ist komplett dunkel. Erst jetzt hebt Helena Petersen ihre Waffe und schießt. Doch der jungen Frau ist nicht die Trefferquote wichtig, sondern der Prozess zwischen Kontrolle und Zufall. Denn Petersen ist Fotografin, aber ohne Kamera. Sie benutzt das Feuer der Schusswaffe als Lichtquelle, das auf dem Fotopapier seine Spuren hinterlässt. So entstehen im abgedunkelten Schießstand sehr malerische Bilder mit großen und düster verschmauchten Zonen oder kleinen roten und gelben Strahlenkränzen. Natürlich bleiben von den Einschüssen auch sicht- und tastbare Risse oder Löcher.

Die 29-jährige Helena Petersen zählt zu der jungen Szene von Fotografen, die bereits seit einiger Zeit alle Möglichkeiten der analogen Fotografie erkundet und intensiv mit den Materialien spielt. Petersens regelrecht geschossene Fotos sind jetzt in der Kunstsammlung der Frankfurter DZ-Bank zu sehen, mit etwa 60 weiteren Bildern von 14 Künstlern. Für alle Beteiligten gilt: Das Material ist wichtiger als das Motiv, das Experimentieren mit Entwicklerflüssigkeiten, Farbfiltern, Lichtquellen und Räumen allemal reizvoller als das dokumentarische Abbilden.

Offensichtlich spielt im digitalen Zeitalter die Dunkelkammer wieder eine große Rolle, besonders für die junge Generation. So beschäftigt sich Sammlungsleiterin Christina Leber in diesem Jahr mit der Zukunft der Fotografie. Die folgende Schau vom Herbst an soll den digitalen Fotos gelten, die jetzige Ausstellung widmet sich der analogen Lichtbildkunst mit ihren vielfältigen Spielarten. „Zurück in die Zukunft der Fotografie“ heißt die bis 27. August dauernde Schau. Tatsächlich ist es für den Ausstellungsbesucher fast eine kleine Zeitreise, auch wenn keine alten Aufnahmen auf Glasplatten zu sehen sind.

Zumindest aber sind wohl alle Arten von Lichtbildern vertreten, die auf technischen oder chemischen Weg möglich sind. Doch der Betrachter muss nicht immer die komplizierte Herstellung bis ins Detail verfolgen, um die Bilder zu verstehen. Die Fotos von Helena Petersen etwa hängen im Bereich der Abstraktion, gegenüber von Karl Martin Holzhäusers Bildern, für die er eigens eine Maschine entwickelt hat, die er als „Lichtpinsel“ bezeichnet. Es handelt sich um einen Kasten mit einer kleinen Lichtquelle und einigen Löchern, in die Farbfilter wechselweise eingelegt werden können. So entstehen abstrakte Farbaufnahmen von Rechteck und Kugel.

Unter den Landschaften, die auch im Kapitel der Abstraktion hängen könnten, fallen Timo Kahlens Bilder vom nachglimmenden Phosphor auf, die er bereits vor mehr als 20 Jahren angefertigt hat. Raphael Hefti hingegen beschäftigt sich erst seit kurzer Zeit mit Schlangenmoos, das er auf Fotopapier legt und anzündet. Ähnlich wie bei einer Wunderkerze kommt es dabei noch zu weiteren kleineren Explosionen, die auch mit ihrem Licht auf das Papier ausstrahlen. Da jedes Feuer anders verläuft, handelt es sich bei diesen Fotos um Unikate.

Der Amerikaner Jeff Cowen wiederum taucht seine Abzüge nicht in die Entwicklerflüssigkeit, sondern bestreicht sie damit. So entstehen Unschärfen, als hätte ein Maler die Bilder noch ein zweites Mal bearbeitet. Nur schwer zu erkennen sind auch die zwei monumentalen Schwarz-Weiß-Porträts, die Thomas Ruff 1994 geschaffen hat. Die „Anderen Porträts“, so der Titel der Serie, entstanden mit einem Fotomontagegerät, das in den 70er Jahren für Phantombilder genutzt wurde. Ruff montierte je ein Porträt eines jungen Mannes und einer jungen Frau übereinander, aber leicht verschoben und damit konturenlos.

Damit stellt Thomas Ruff nicht nur die Wahrnehmung in Frage, sondern auch die Fotografie selbst als abbildende Instanz – eine kühne Abkehr von seinen Lehrern Bernd und Hilla Becher mit ihrem streng dokumentarischen Ansatz. Spannend bleibt es auch im vierten und letzten Kapitel der Schau, das den Raum selbst als große Kamera nutzt. Susa Templin etwa geht der Frage nach, wie viel Licht ein Negativ benötigt, bis ein Bild entsteht – eindrucksvoll zu verfolgen an einer 18-teiligen Fotoserie zwischen sattem Nachtblau und wässrigem Hellblau.

Art Foyer, DZ-Bank Kunstsammlung, Frankfurt, Cityhaus I, Friedrich-Ebert-Anlage. Bis 27. August. Geöffnet dienstags bis samstags 11–19 Uhr. Freier Eintritt.

Telefon (069) 74 47 23 86.

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