Bob Dylan live

Bob Dylan in Mainz: Noch einmal mit Gefühl

  • schließen

Nochmal mit Gefühl: Altmeister Bob Dylan (74) verblüffte beim Start seiner Europa-Tournee mit beseeltem Gesang und überraschender Liedauswahl.

Wer seiner Zeit so oft voraus war wie er, darf die Fans getrost auch mal warten lassen: Mit halbstündiger Verspätung startet „His Bobness“ das Konzert im Mainzer Zollhafen. Es ist der Beginn der Europatournee.

Der pointierte Shuffle „Things Have Changed“ fließt lässig daher wie der nur einen Steinwurf entfernte Rhein. Kühle Abenddämmerung umhüllt die Bühne, auf der die Musiker, gewandet im Zwanziger-Jahre-Zwirn und gebadet im goldgelben Scheinwerferlicht, wie Schauspieler am Set eines alten Gangsterfilm-Drehs wirken.

Wie schlaumeierten doch vor dem Konzert noch die „Bobcats“ genannten Experten in den Fan-Foren? Dylan sei in prächtiger Form und Spiellaune, gewiss, klebe aber leider sklavisch an einer seit Monaten unveränderten Abfolge der gleichen Songs.

Dylan strafte sie an diesem Abend lustvoll Lügen. Der Meisterkoch servierte den etwa 4000 Zuschauern auf der Nordmole im Mainzer Zollhafen ein Festbankett, bei dem er die Menü-Karte in letzter Minute völlig durcheinander wirbelte. Nicht nur die Zuschauer sind überrascht: Den alten Bühnenhaudegen und langjährigen Wegbegleitern wie dem Bassisten Tony Garnier verrutschte mehrfach das Pokerface, wenn der Chef das nächste Überraschungslied anklimperte: Was in aller Welt will er jetzt spielen? Seine unselige Kirmesorgel hat Dylan übrigens verschrotten lassen, sitzt jetzt am edlen Baby-Grand-Piano. Klavier spielen kann er immer noch nicht.

Erste Delikatesse des denkwürdigen „Blind Dinners“: Die Welturaufführung seiner Version von Frank Sinatras „Full Moon And Empty Arms“ vom aktuellen „Shadows In The Night“, ein Album voller Lieder, die „Ol’ Blue Eyes“ gesungen hat. Neben der Songauswahl verblüffte Dylans Stimme: Derart inbrünstig flehend schluchzte er mit Donnie Herrons Steel Guitar um die Wette, dass man meinte, der Mainzer Mond müsse sich jeden Moment erbarmen und hinter den dunklen Wolken hervorkommen. Nächste Seite:

Onkel Bobbies Wundertüte

Engagierter und gekonnt phrasierter Gesang: Das ist neu bei einem der notorischsten Nuschler und Nöler der Rockgeschichte. Nicht minder seelenvoll gerieten dem Meister die Mundharmonika-Soli, etwa bei der Reise-Saga „Tangled Up In Blue“ (mit neuer Strophe) und dem Klassiker „Ballad Of A Thin Man“, die den ignoranten Spießer eindringlicher denn je vorführte: „Something is happening, and you don’t know what it is. Do ya, Mister Joooones?“

Doch damit nicht genug der Preziosen aus

Onkel Bobbies Wundertüte

: „Sad Songs And Waltzes“ kredenzt er dem Generationen umspannenden Publikum, ein übersehener Country-Klassiker seines Freundes Willie Nelson von dessen 1973er-Album „Shotgun Willie“. Auch der von Dylan nie zuvor gespielt. Selbst ein früher Klassiker aus Folktagen wie „To Ramona“ wird neu erfunden: Das zeitlos-kluge Trostlied für eine Freundin hat das sparsame Folk-Kleidchen abgelegt und grooved im üppig-düsteren Rumba-Gewand. Spätestens bei „’Til I Fell In Love With You“ vom grandiosen „Time Out Of Mind“ (1997) hat es auch der verschnarchteste Mister Jones kapiert: Hier und heute Abend passiert Großes.

Welten entfernt ist dieser Dylan von jenem Mann, der Anfang der 90er Jahre merkwürdige Dinge tat, wie vor dem Papst und einer Militärakademie aufzutreten oder für Damenwäsche-Werbung zu singen; ein „Kenn-ich-nicht,-wasch-ich-nicht“-Zausel, der wirre Dankesreden bei Preisverleihungen hielt, Kinderlieder über heiratswütige Frösche aufnahm, auf Konzerten angeschickert über die Bühne irrlichterte und die Lieder ausspuckte wie geschmacklose Kaugummis.

Ein Fremdschäm-Elend war’s über Jahre für jeden mitfühlenden Fan, doch gottlob: Dylan hat sich mal wieder neu erfunden: Things have changed.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare