Darmstädter Inszenierung von Shakespeares „Sturm“

Eine Insel ohne Willkommenskultur

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Christian Weise überschreitet bei seiner Darmstädter Inszenierung von Shakespeares „Sturm“ die Grenzen des Spiels, aber auch die zum Klamauk.

Den „Sturm“ auf der Bühne neu zu entfachen, ist kein leichtes Unterfangen. Doch was die Naturgewalt selbst angeht, beweist Regisseur Christian Weise in seiner Inszenierung für das Darmstädter Staatstheater ein glückliches Händchen. Jens Dohle und Falk Effenberger haben dafür extra eine Sammlung ungewöhnlicher Instrumente kreiert. So ächzt und stöhnt, seufzt und bläst es, als würde man wirklich auf dem Meer dabei sein, als erst Prospero (Bernd Grawert) samt seiner Tochter Miranda (Christoph Bornmüller) und später diejenigen, an denen der aus seiner Heimat Vertriebene Rache zu nehmen gedenkt, mit den Wellen kämpfen. Die Bilder dazu liefert ein Miniaturtheater im Hintergrund der von einer schrägen Rampe dominierten Bühne. Der Luftgeist Ariel lässt dort kleine Schiffe auf den Wellen tanzen – wie von Prospero befohlen, der bei diesem Spiel alle Fäden in der Hand hält.

Die Idee vom

Theater im Theater

ist nicht neu. Doch Weise treibt sie vor der mystisch anmutenden Kulisse, in der aufgespießte Köpfe mit rot funkelnden Augen für Grusel sorgen, auf die Spitze. Da hängen die Gestrandeten in unförmigen Kostümen (Jana Findeklee, Joki Tewes) wie Marionetten an Seilen, dürfen bei Mirandas Hochzeit prominente Köpfe von John Lennon bis Che Guevara aus dem Untergrund der jetzt etwas größeren Puppenbühne wiederauferstehen und lässt sich der seines Vergeltungsdrangs müde gewordene Prospero beim Textlernen zusehen.

Diese aufdringliche Ballung an Hinweisen wäre noch erträglich, würde das Spiel nicht immer wieder und zu lange die Grenzen zum Klamauk überschreiten. Im Bemühen um Regionalität und Aktualität werden aus dem Spaßmacher Trinculo und seinem betrunkenen Kumpan Stephano Angehörige der Heppenheimer Winzergemeinschaft, die auf fremdem Terrain eine Willkommenskultur anmahnen – eine Anspielung auf die Flüchtlingsproblematik, die sich anbietet, aber gezwungen daherkommt. Das karnevaleske Gefasel vermag kaum komische Akzente zu setzen.

Überhaupt verliert sich das Stück in Belanglosigkeiten und lässt ein stringentes Voranschreiten vermissen. Allein Catherine Stoyan als Luftgeist sorgt für Frische in der Düsternis, umwirbelt in leuchtendem Türkis und mit blonder Löwenmähne die trübe Szenerie und lässt mit schriller Stimme und motzig-trotziger Gehorsamkeit die magische Kraft ihres Herrn walten.

Bemerkenswert ist, dass der zweieinhalbstündige Abend von nur vier Schauspielern und zwei Musikern getragen wird, die in alle Rollen schlüpfen und die Insel hörbar machen. Auch das bietet Gelegenheiten, die Ebenen aufzubrechen. So muss Sklave Caliban (Stefan Schuster), ein bösartiger Verwandter Quasimodos ohne Buckel, mit seinem Werkzeug ran, wenn eines der Instrumente verstimmt ist. Dabei verlässt er das finstere Herrschaftsgebiet seines verhassten Maestros, wird im grellen Licht des Abseits aber nur weiter herumkommandiert. Das erregt ein wenig Mitleid mit dem Misshandelten, ein Sturm der Gefühle vermag nicht aufzukommen. So wankt das Spiel im Spiel weiter seinem Ende zu.

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