1. Startseite
  2. Kultur

Eine Kralle wird zum Monster

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Auch ein Maschinenteil wie die ausfahrbare Kralle eines Baggers kann eine zerstörerische Kraft entfalten: So jedenfalls sieht es der Italiener Arcangelo Sassolino, dessen unbetitelte Installation von 2006/07 im Frankfurter Kunstverein einen prominenten Platz einnimmt.
Auch ein Maschinenteil wie die ausfahrbare Kralle eines Baggers kann eine zerstörerische Kraft entfalten: So jedenfalls sieht es der Italiener Arcangelo Sassolino, dessen unbetitelte Installation von 2006/07 im Frankfurter Kunstverein einen prominenten Platz einnimmt. © FKV

Regina José Galindo aus Guatemala beschäftigt sich mit der Gewalt von Menschen, der Italiener Arcangelo Sassolino mit der Gewalt von Objekten.

Von CHRISTIAN HUTHER

Eine Frau läuft barfuß durch die Stadt und trägt eine Schüssel vor sich her. Nach etwa einem Dutzend Schritten hält sie kurz inne und taucht ihre Füße in die Schüssel, die mit menschlichem Blut gefüllt ist. Dann setzt sie ihren blutgetränkten Weg fort, vom Verfassungsgericht zum Nationalpalast Guatemalas. Mit dieser 2003 gefilmten Aktion klagte die Künstlerin Regina José Galindo den Ex-Diktator Efrain Rios Montt an, der zahllose Bluttaten in ihrer Heimat befohlen hatte, aber seinerzeit dennoch für das Amt des Präsidenten kandidierte – und verlor.

Regina José Galindo, eine zierliche Frau von 41 Jahren, macht politische Kunst ohne Kompromisse. Dazu setzt sie auch ihren eigenen Körper ein, wie jetzt im Frankfurter Kunstverein an zahlreichen Videos und Fotografien der vergangenen 16 Jahre bis 17. April zu sehen ist. Galindo beschäftigt sich vor allem mit dem Bürgerkrieg in ihrem Land, der von 1960 bis 1996 währte und mehr als 200 000 Menschen das Leben kostete, die überwiegend aus der indigenen Bevölkerungsgruppe stammten.

Nackt durch Venedig

Dabei zeigt Galindo, dass sich die Gewalt besonders gegen Frauen richtete, die gefoltert und vergewaltigt wurden. Ein Mal lässt sich die Künstlerin, nackt im Plastiksack verschnürt, auf eine Müllkippe werfen, das andere Mal ritzt sie sich das Wort „Perra“ (Hure) in die Haut. Sie schämt sich auch nicht, kahl rasiert von Kopf bis Fuß, nackt durch Venedig zu laufen – so wie das einst mit gebrandmarkten Frauen im Mittelalter gemacht wurde. Galindo hat ihre Performance in einem Video festgehalten, das sie auf der Biennale in Venedig 2001 zeigte.

Für den Betrachter sind diese Bilder nur schwer zu ertragen, er schwankt zwischen Mitleid, Ohnmacht und Angst. Daran ändert auch nichts, dass Galindos Aktionen an christliche oder kunsthistorische Motive erinnern. Dabei können sogar biedere Menschen zu Mitläufern werden. Im Video „Panzer“ liegt die Künstlerin nackt unter einer Glaskuppel, während Freiwillige mit Stöcken so lange auf die Kuppel einschlagen, bis ihre Waffen zerbrechen. Eine zweite Gruppe schaut tatenlos zu. Diese Aktion 2010 in Neapel war zwar so abgesprochen, ist aber dennoch zutiefst erschreckend. Niemand schreitet ein, niemand stoppt die Aktion – nur weil es um Kunst geht?

Galindo wirft Fragen über Fragen auf, die sich der Besucher selbst beantworten muss. Der Ausstellungstitel „Mechanismen der Gewalt“ könnte jedenfalls nicht passender gewählt sein. Mit einer ähnlich furiosen Intention, aber mit einer ganz anderen Sprache tritt der wenig ältere Künstlerkollege Arcangelo Sassolino auf. Freilich beschäftigt sich der Italiener nicht mit den Menschen, sondern mit scheinbar harmlosen Objekten.

Bierflasche wird zur Waffe

Aber die können bei ihm zur Waffe werden. Sassolini macht sogar aus einer leeren Bierflasche ein Projektil, das mit fast 1000 Stundenkilometern an einer Stahlwand mit lautem Knall zerschmettert. Das menschliche Auge jedoch kann diesem Schuss nicht folgen. Sassolino, der früher als Ingenieur gearbeitet hat, ist fasziniert von der Gewalt, die Dingen innewohnt oder die man ihnen antun kann.

Selbst die mitten im Raum stehende Baggerkralle mit ihren sechs Gliedern hat er manipuliert. Normalerweise arbeiten die Krallen synchron, nun werden sie einzeln gesteuert. So greift eines der Glieder aus, kratzt über den schwarzen Steinfußboden des Kunstvereins, fährt dann wieder seine Kralle ein und kommt dabei bedenklich in Schräglage. Aus einem unscheinbaren Bagger wird ein Monstrum mit entfesselter Gewalt.

Sassolino setzt auch lange Holzbalken mittels hydraulischen Kolben unter enormen Druck. Tatsächlich knarrt, ächzt und quietscht das Holz, splittert oder bricht jedoch nicht – aber das ist nur eine Frage der Zeit. „Purgatory“, also Fegefeuer, nennt Sassolino diese Arbeit, mit der er die zerstörerische Kraft der Technik vor Augen führt. Seine Werke sind nicht so heiter und verspielt wie Jean Tinguelys Maschinen, sie muten eher kühl und technisch an, stimmen aber dennoch nachdenklich. Selbst banales Holz kann man also solch einem Druck aussetzen, dass es irgendwann mal birst. Wer denkt da nicht an Menschen, die so aufgehetzt sind, dass sie zur lebenden Waffe werden?

Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44. Bis 17. April. Dienstag, Mittwoch und Freitag 11–19 Uhr, Donnerstag 11–21 Uhr, Samstag/Sonntag 10–19 Uhr. Eintritt 8 Euro. Telefon (069) 2 19 31 40. Internet

Auch interessant

Kommentare