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Bodo Kirchhoff, jetzt 70, hat eine Arbeitswohnung in Sachsenhausen und gibt im Sommer im eigenen Haus am Gardasee Schreibkurse.

Porträt

Die Einsamkeit eines Flaneurs

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Der Autor der Romane „Infanta“ und „Parlando“ sowie des neuen Werks „Dämmer und Aufruhr“ über einen Missbrauch, ergründet die moderne Männlichkeit.

Frankfurt hat nicht sonderlich viele Schriftsteller. Man muss sie geradezu suchen, und kaum dass man sie gefunden hat, sind sie schon wieder verschwunden. Siehe Andreas Maier. Der Autor aus der Wetterau war in Frankfurt ziemlich zu Hause. Oft stand er im Gemalten Haus, im Ebbelwei-Viertel, in der Hand ein Geripptes, versunken in die Betrachtung der Menschen und der Zeiten um sich herum. Hessisches Gebabbel und ortsübliche Schwellköpp waren seinem heimatkritischen Blick ausgesetzt und führten zu Romanen wie „Wäldchestag“. Jetzt aber ist Maier nach Hamburg gezogen, weg vom Handkäs, hin zur Hanse. Der Autor schaut nur noch selten vorbei.

In Frankfurt geblieben sind Zsuzsa Bánk aus dem Stadtteil Dornbusch, Wilhelm Genazino und Martin Mosebach aus dem Westend sowie eben Bodo Kirchhoff, der am heutigen Freitag 70 Jahre alt wird. Die vier dürften allerdings keinen gemeinsamen Stammtisch haben. Frankfurts Schriftsteller sind allein unterwegs. In Kneipen, Cafés oder Buchhandlungen.

In den 70ern war Bodo Kirchhoff im Ostend und im Bahnhofsviertel heimisch.

Bars und Bordelle

waren sein Milieu („Die Einsamkeit der Haut“). Kaiserstraße, Moselstraße, Elbestraße, Niddastraße schienen damals ausschließlich eine Adresse für Huren, Privatdetektive, halbverkrachte Strafverteidiger, und noch lange kein Viertel, wohin es Banker zu After-Work-Partys zog oder Lifestyle-Reporter von Ausgehzeitschriften in exotische Imbissbuden. Noch war Frankfurts Rotlichtbezirk nichts als ein knallhartes, schmuddeliges, anrüchiges Prostitutionspflaster ohne den diskreten Charme der Bourgeosie.

In den 80er und 90ern dann war Bodo Kirchhoff viel am Eschenheimer Turm zu sehen. Als Autor von Bühnenstücken ging er ein und aus im TAT des Dramaturgen und Intendanten Tom Stromberg, der Schauspielerin Hannelore Elsner, der Suhrkamp-Verlagsleute und der Kulturmoderatoren des Hessischen Rundfunks, allesamt Sachwalter des Experimentellen. Der befreundeten Hannelore widmete Kirchhoff denn auch die Skripte zu etlichen Folgen ihrer Fernsehserie „Die Kommissarin“ sowie sein Drehbuch zu dem Kinomonolog „Mein letzter Film“. Letzterer war die Erkundung einer Frauenseele, voller Einfühlsamkeit, wie sie in guter Tradition steht. Die berühmtesten aller Frauenromane wurden schließlich von Männern verfasst: „Effi Briest“, „Anna Karenina“, „Madame Bovary“. Und war es nicht Frankreichs großer Gustave Flaubert, der rundweg bekannte: „Madame Bovary, das bin ich“?

Wer als Mann über Frauen schreibt, beschäftigt sich folgerichtig irgendwann wieder mit sich selbst. Und so gehört Kirchhoff zu jenen Schriftstellern, die sich zwar um die Paarbeziehung kümmern („Die Liebe in groben Zügen“), aber letztlich doch immer den Mann der Moderne betrachten, ganz wie Martin Walser und Wolf Wondratschek, von dem der Kirchhoff-Titel „Erinnerungen an meinen Porsche“ stammen könnte. Immer geht es um die Schusswunde, mit der ein Tag gleich nach dem Aufstehen beginnt, um männliche Angegriffenheit, Verletzbarkeit, Unsicherheit. Und um das gespaltene Ich des sich unablässig ändern müssenden Mannes „mit ohne“ Eigenschaften. All das findet sich in den Romanen „Parlando“ und „Infanta“, diesen Gemischen aus Liebesbesessenheit, Abenteurertum und Todesbereitschaft, und es wiederholt sich in der Novelle „Widerfahrnis“, für die Kirchhoff 2016 im Frankfurter Römer den Deutschen Buchpreis erhielt.

Heute kann man dem Schriftsteller in Sachsenhausen begegnen, wo er eine Schreibwohnung hat und manchmal per Fahrrad durch die Straßen kreuzt. In dieser seiner Gegend, zwischen Malerviertel und Kneipenquartier, trifft sich die örtliche Bohème, zusammengewachsen aus Künstlern der Städelschule, Schauspielern und Opernsängern der Städtischen Bühnen, Tänzern und Filmemachern, umkreist von den Art-Direktoren der Agenturen für Kommunikation Sachsenhausen-Nord. Ein regelrechtes Klein-Paris mit Bankenhochhaus-Kulisse liegt damit dem Schriftsteller Kirchhoff zu Füßen. Hier ist er Flaneur, hier kann er’s sein, am Main entlang, als wäre es die Seine, über den Flohmarkt, wie an der Porte de Clignancourt, hin zu den Bouquinisten der Dreieichstraße und den französisch anmutenden Obstständen am Schweizer Platz, nahe dem Maison du Pain und der Brasserie du Sud, den letzten Lebenszeichen eines untergegangenen Großbürgertums.

Geboren in Hamburg als Sohn einer Schauspielerin und eines Unternehmers für medizinische Geräte, besuchte Bodo Kirchhoff ein Internat am Bodensee. Dort begann das, was sein zweites Grundthema werden sollte: das des Kindes im Manne, wie es laut Sigmund Freud alle bleiben. Wie könnte es da gerade bei dem studierten Heilpädagogen mit Promotion zum Dr. phil. anders sein? Wie sehr Bodo Kirchhoff zum sexuell missbrauchten Jungen geworden ist, hat er selbst bereits vor acht Jahren öffentlich gemacht, als Reaktion auf den Skandal um die Odenwaldschule. Jetzt, zu Kirchhoffs 70. Geburtstag, kommt alles noch einmal hoch in seinem gerade erschienenen Roman „Dämmer und Aufruhr“.

Der Missbrauch des Jungen durch einen Kantor, der „wie Winnetou“ aussah, liest sich da wie eine Verstärkung der jüngsten Missbrauchsbekenntnisse von Christian Kracht („Faserland“). Kirchhoffs Blick zurück zeigt den 11-Jährigen, dessen Mutter mit dem Vater verreist ist, verlassen in der Eingeschlossenheit einer Heimschule, weit weg vom Schutz der Eltern und anderer Vertrauenspersonen, Misshandlungen ausgesetzt, die das Sexuelle mit dem Seelischen vereinen und sich deshalb auch im Erwachsenenalter nicht mehr trennen lassen. Mit hinzu kommt bei Kirchhoff das Ödipale, die unausweichlich enge, schmerzlich schöne Mutter-Sohn-Beziehung, die in den frühen Jahren den Anfang nimmt und deshalb nie mehr ein Ende.

Während der ältere Frankfurter Büchnerpreis-Träger Wilhelm Genazino („Mittelmäßiges Heimweh“) einen sehr eigenen Stil für seine Erzählungen gefunden hat, nämlich etwas Stockendes, kunstvoll Unbeholfenes, welches das altmodisch Weltfremde seiner Figuren kennzeichnet, wirken Bodo Kirchhoffs Schilderungen sprachlich weniger eindeutig. In ihnen äußert sich ein Zweifler, der sich literarisch nirgends fest eingerichtet hat und sich das Sein immer wieder neu ertasten muss, real wie fantasierend. „Schreiben ist Handwerk plus eigener Abgrund, das eine ohne das andere ist nichts“, hat Kirchhoff einmal über seine Kunst und sein Handwerk gesagt. Er, der zusammen mit Ehefrau Ulrike Bauer, einer Lektorin, zwei Kinder hat und den Sommer über im eigenen Haus am Gardasee Schreibkurse gibt, weiß wohl: Das Schreiben lässt sich in der Werkstatt lernen, aber das Erzählen nur im zutiefst verstörenden Leben.

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