Eliten suchen ihren Unterleib

  • VonMarcus Hladek
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Hochkarätig besetzte Diskussionsrunden standen im Mittelpunkt der krisenbewegten Thementage 2017 am Schauspiel Frankfurt über die „Erfindung Europa“.

Man hätte das Wort „Angst“ zählen sollen, als Schauspiel-Intendant Oliver Reese das von Michel Friedman moderierte Eröffnungspodium freigab. Nicht, als hätte in der Folge nur „Flinte-ins-Korn“-Stimmung geherrscht, denn da war Daniel Cohn-Bendit vor. Er setzte alles daran, Europa von Sünden freizusprechen, nach dem Motto „Schuld ist nicht die EU, sondern die, die es falsch gestalten“, die Nationalstaaten zuvörderst. Sonntagsreden? Nicht angesichts solcher Lösungsvorschläge: Statt zwei Millionen Soldaten von teils zweifelhafter Stärke eine schlagkräftige Euro-Armee von 350 000 aufstellen. Dazu die Europa-Sozialversicherung nebst „Schuldenunion“. Vor allem aber jährlich zwei Millionen „Erasmus“-Austauschstudenten statt dreißig Jahre lang nur 100 000 im Jahr. Simple Rechnung: Zwei Millionen Studis gleich 400 000 EU-Ehen pro Jahrgang. Da hätten die Le Pens und AfD’ler verspielt, oder? Cohn-Bendit: „Höcke ist ein Idiot und ein Verderben für Deutschland. Sein Saal ist der Saal der Dummheit.“

Eigentlich sollten außer Moderator Michel Friedman, Cohn-Bendit und Publizist-Journalist Jakob Augstein noch Daniela Schwarzer und Martin Roth teilnehmen. Letztere fielen aus, Werner Weidenfeld und Marcel Fratzscher ersetzten sie. Sie kommen von der Politik- und Wirtschaftsforschung und erfüllen mit ihren Instituten wichtige politische Beraterfunktionen. Den schärfsten Kontrast zu Cohn-Bendit entwickelte aber Augstein, der für ein Europa der Konzerne und Eliten, „TTIP-Verhandler“ und „Verteilungsprobleme“ nicht „werben“ könne, wie es ihm Friedman („Ist Europa eine Metapher ohne Unterleib?“) ansann. Er sei tief beunruhigt über jene, die unser aufgeklärtes Europa nicht für eine tolle Sache hielten, auch weil sie seit Jahren auf reale Einkommenszuwächse warteten. Die soziale Marktwirtschaft sei dahin (Fratzscher stimmte zu). Es sei leicht, Höcke „Idiot“ zu nennen, doch was, wenn übermorgen so einer regiere? Die „Nie-und-nimmers“ würden ja neuerdings Realität, siehe Trump. „Bist du dir absolut sicher“, so Augstein zu Cohn-Bendit, „dass das hält? Wer weiß, wie das ausgeht.“ Mit einem 160-Millionen-Polster wie Augstein mag es leichter sein, Europa rhetorisch voreilig preiszugeben.

Angst und Schmerz

Kühler als Augstein, sorgte sich auch Fratzscher über Ängste als Frucht des „schmerzvollen Prozesses“ hin in die offene Gesellschaft. Mit der sozialen Marktwirtschaft sei der Gesellschaftsvertrag weggebrochen. Warum keine „europäische Arbeitslosenversicherung“ dagegensetzen? Probleme wie der Brexit oder auch die Wahl Trumps („Er wird scheitern“) beruhten auf sozialen Missständen im Land selbst, der Brexit sei eine Reaktion auf die soziale Spaltung Englands. Bei den Griechen funktionierten die Institutionen nicht: kein EU-Fehler. Auch Weidenfeld beklagte, sozialer Aufstieg sei innerhalb der Länder viel schwieriger geworden. Nur eine „attraktive Zukunftsperspektive“ könne das „Stimmungsmilieu“, die üble „Grundunterfütterung“ aufhellen. Kanzlerin Merkel hielt er vor, ihr Flüchtlings-Willkommen nicht sofort mit einem strategischen Ausblick verknüpft zu haben.

Beeindruckt warten viele vom Gespräch Cohn-Bendits mit Jugendlichen aus einer „Jugendclub“-Inszenierung an Tag 2. Leiterin Martina Droste verortete es weit über Schulniveau. So doll war es nicht wirklich. Witzig immerhin, wie der letzte Beitrag frei nach „Miss Universum“ schlicht dem Wunsch nach „Weltfrieden“ galt. Eine Schülerin mit Selbstironie?

Wie sagte Brecht so schön: Wenn du dich nicht für Politik interessierst, interessiert sich die Politik für dich. Das kam einem auch beim Abschlussgespräch „Welt aus den Fugen“ zwischen Navid Kermani sowie Axel Honneth vom Frankfurter Institut für Sozialforschung, in den Sinn. Beide sprachen eher in Blöcken. Honneth führte die politische Polarisierung auf den Strukturwandel im Kapitalismus zurück (wenig Aufwärtsmobilität, weniger Wohlfahrt, unsichere Arbeit) und beklagte die rasante Deregulierung seit den 80ern. Einmalig sei, wie Kanzlerin Merkel nach außen als Garantin für Menschenrechte und innen als Globalisiererin dastehe. Eine selbstgenügsame „insulare Wissenskultur“ sei entstanden.

Verlorener Fortschritt

Kermani hielt den verlorenen Fortschrittsglauben nicht für nur EU-typisch und beklagte Nationalisierungstendenzen auch der Linken. Nicht nur die Rechten lebten in einer geschlossenen Blase, auch „wir“ suchten zu oft nur Bestätigung. Der EU fehlten „gemeinsame Mechanismen“, eine Art „Länderfinanzausgleich“ und die konkreten Visionen der Gründergeneration: ein Fernziel, um nicht nur vor und zurückzukrebsen. Wie, so Mika, wäre es mit der Abschaffung des Europäischen Rats, Machtbasis der Nationen in der EU? Honneth endlich forderte eine Art „New Deal“ nach Art F. D. Roosevelts in den 30ern, damit die „Idee der Verbesserung der Lebensumstände“ wieder greifbar werde. Europa in der Krise, so schien es, ist ein Stück weit neu zu erfinden.

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