"Prometeo" am Staatstheater Darmstadt

Am Ende herrschte Dunkelheit

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Die „Tragödie des Hörens“, wie der italienische Komponist sein Werk nannte, kam aufgrund der besonderen Raumbedürfnisse in der Sporthalle am Böllenfalltor zur Aufführung.

Wer mochte, konnte sich mit einer blickdichten Maske zu seinem Platz führen lassen. Und auf Empfehlung des Regisseurs Karsten Wiegand die ersten 20 Minuten Musik im Dunkeln erleben. „Tragödie des Hörens“ nannte der italienische Komponist Luigi Nono (1924–1990) seine Raumkomposition „Prometeo“ im Untertitel. Sie verlangt bereits logistisch einen riesigen Aufwand mit ihrer Besetzung für fünf Sänger, zwei Sprecher, Chor und mehrere Orchestergruppen.

In der letzten Spielzeitpremiere des Staatstheaters Darmstadt hatte „Prometeo“ nun an einem für Experimentelles offenen Ort Premiere. Eine Sporthalle in der Nähe des künftigen Erstliga-Stadions am Böllenfalltor, die sich bereits für Orchesterkonzerte der Internationalen Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik bewährt hat, war Schauplatz des großformatigen, 1984 von Claudio Abbado in Venedig uraufgeführten Werkkomplexes in neun Teilen.

Wie auf Inseln nahm das Publikum im weiten Raum der Sporthalle Platz, auf Stuhlkreisen für jeweils sechs Hörerinnen und Hörer, die dort mit den Rücken zueinander saßen. Auf jegliche äußere Aktion hatte der Regisseur und Darmstädter Intendant verzichtet – abgesehen davon, dass im Lauf des mehr als zweistündigen Abends das Publikum immer wieder zum Weiterrücken auf andere Plätze aufgefordert wurde. Zwecks anregender Perspektiverweiterung.

Einige Abschnitte seines „Prometeo“ hat Luigi Nono ausdrücklich als „Inseln“ bezeichnet, deren erste einen Prometheus-Text des antiken Autors Aischylos in der hochkomplexen Partitur enthält, ohne dass die Worte zu hören wären. Wie überhaupt das verständlich Hörbare nur einen Ausschnitt des Werks bildet, das mit den Positionierungen der Musikergruppen im Raum einerseits an die alte venezianische Mehrchörigkeit erinnert, mit seinen stark ausgeprägten elektronischen Elementen aber ganz auf der Höhe seiner Entstehungszeit um 1984 liegt.

Walter Benjamins „Thesen über den Begriff der Geschichte“ gehören ebenso zum Wort- und Sinnrepertoire des „Prometeo“ wie Friedrich Hölderlins „Schicksalslied“, wie Hesiod, Euripides und Massimo Cacciari. Dieser Freund des Komponisten war als junger Philosoph in der Kommunistischen Partei Italiens aktiv, der Nono zeit seines politischen Lebens angehörte.

Alle Deutungs-, gar Aktualisierungsversuche dieses in seinen Bann ziehenden Klangstroms Nonos sind zum Scheitern verurteilt. Diese Konsequenz hat deshalb in Darmstadt auch Karsten Wiegand gezogen und die visuelle Enthaltsamkeit der am Ende umjubelten Produktion absichtlich noch forciert: Nur Abendlicht dringt herein, bis am Ende der Aufführung fast völliges Dunkel herrscht. Die Musiker tragen auf ihren den Raum umgebenden Podesten Schwarz, in der Mitte der Halle leitet Johannes Harneit das akustische Szenario mit größtem Überlick. Für den Tenor Minseok Kim und seine Kolleginnen Aki Hashimoto, Christina Daletska, Tara Venditti und Annette Schönmüller bergen die vokalsolistischen Aufgaben eine ebenso grandios bewältigte Herausforderung wie für den kurz vor der Sommerpause zu Hochform sich aufschwingenden Chor und das Orchester des Staatstheaters.

Gewiss: Der Name Nono mag in Darmstadt verpflichten. Von 1950 bis 1960 gehörte er zu den Stammgästen der „Ferienkurse“, zuletzt als Dozent.

Dennoch war es alles andere als selbstverständlich, dass Karsten Wiegand seine erste Intendantenspielzeit mit einem Werk Nonos eröffnete hatte („No hay caminos, hay que caminar“) und nun mit dessen „Prometeo“ beschloss. Für nichts weniger als für den mythischen Stifter menschlicher Zivilisation steht dieser Name – ein künstlerisch ziemlich gewichtiges letztes Wort dieser ersten Spielzeit.

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