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Undurchsichtig: Eleanor (Carmen Rodriguez).

Der Löwe im Winter

English Theatre beginnt die neue Spielzeit mit einem Historiendrama

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Regisseur Derek Anderson lässt die Protagonisten in seiner Inszenierung nicht nur mit Worten, sondern auch mit Schwertern gegeneinander antreten.

Als „Der Löwe im Winter“ 1966 erstmals am Broadway erschien, feierte das Stück des amerikanischen Dramatikers James Goldman keinen großen Erfolg. Das Publikum verwehrte dem mittelalterlichen Ränkespiel die Resonanz, und so wurde es bald wieder abgesetzt.

Weltruhm erlangte die Geschichte aus dem Herrscherhaus der Plantagenets dennoch, und zwar durch die Oscar-prämierte Verfilmung zwei Jahre später mit Katherine Hepburn, Peter O’Toole, Debütant Timothy Dalton und dem heißblütigen Anthony Hopkins als Richard Löwenherz in seiner zweiten Kinorolle. Doch das ist schon eine Weile her, und obwohl es 2003 ein ebenfalls namhaft besetztes Remake gab, ist das Historiendrama zumindest hierzulande ein wenig in Vergessenheit geraten. Regisseur Derek Anderson hat es nun herausgeholt und als erste Premiere der neuen Saison auf die Bühne des English Theatre in Frankfurt gebracht.

Die Handlung spielt am Weihnachtsabend des Jahres 1183. König Henry II. hat seine Familie auf die Burg Chinon geladen, um aus seinen drei übriggebliebenen Söhnen Richard, Geoffrey und John heraus seinen Nachfolger zu bestimmen. Auch die seit zehn Jahren verbannte Gattin Eleanor darf dazukommen; ebenso weilen Henrys Geliebte Alais und deren Halbbruder, der französische König Philip II., auf der stattlichen Anlage.

Es entspinnt sich ein Netz voller Intrigen, in dem sich niemand sicher sein darf, wem er vertrauen kann und wer ihn nur kurzfristig für seine eigenen Zwecke einspannen will. Rücksichtslos treibt jeder seine eigenen Interessen voran und nutzt dabei jedes zur Verfügung stehende Mittel. Das verlangt dem Publikum konzentriertes Zuhören ab, da sich die Situation immer wieder schlagartig ändert. Dabei versinkt die Sprache keineswegs in überholtem Vokabular, sondern wirkt frisch und modern und könnte, mit einigen Abstrichen, auch heute bei manchem Familienzwist vernommen werden – ganz besonders die schlagfertigen Paraden, mit denen verbale Angriffe abgeschmettert oder vergolten werden.

Anderson setzt aber auch auf körperliche Aktion, lässt die Kontrahenten um die begehrte Krone mit Schwertern gegeneinander antreten und kämpfen (Choreografie: Philip d’Orléans), um die Brutalität der Zeit noch mehr hervorzuheben und die Köpfe der Zuschauer zwischenzeitlich zu entlasten.

Die Spannung, die bis zum Ende anhält, unterstreicht Sound-Designer Hendrik Dingler mit mächtigen, erschütternden Tönen und lässt den Wind durch das Gemäuer rauschen. Alyson Cummins hat klare, aber starke Bühnenbilder kreiert. Drei Tapisserien zeugen von der düsteren Vergangenheit, dem Zeitalter der Barbaren, wie Eleanor an einer Stelle sogar selbst sagt. Eine scheinbar steinerne, graue Treppe führt, wahlweise mit einem Gang in der Mitte oder zweien von den Seiten aus, hoch zu einer Plattform. Hier lässt es sich vom Thron aus oder auch stehend eindrucksvoll herabschauen.

Die Anordnung und der an Shakespeare-Tragödien erinnernde, makabere Psychothriller an sich hätten auch historische Kostüme vertragen. Doch Cummins spielt auf diese nur an, hat überwiegend Kleidung neueren Stils entsprechend verwendet und verfremdet. Vielleicht lässt deshalb die majestätische Haltung einiger Hauptdarsteller zu wünschen übrig.

Die drei Söhne sind ihrem jeweiligen Charakter entsprechend besetzt: der weinerlich-kindliche John (Stanton Wright), der es sich mit seinem Vater, der das Nesthäkchen favorisiert, auf keinen Fall verscherzen will. Der undurchschaubare, elegante Geoffrey (Ludovic Hughes), der bei der Vergabe des Thronerbes völlig übergangen wird. Und Richard (Oliver Towse), der kriegerische, der dem eigenen Vater trotzdem nicht an die Kehle will und bei seiner Mutter (Carmen Rodriguez) Unterstützung findet. Diese und Henry II. (Tom Butcher) geben ein wunderbar perfides Paar ab, das selbst mit Worten keine Gelegenheit auslässt, dem anderen Schmerzen zuzufügen. Ein wenig blass und unentschieden kommt Alais (Eva Solange Bortalis) daher, die eigentlich fremdgesteuert ist, aber in ihrem kurzen, an ein Kettenhemd erinnernden Kleidchen und den klopfenden, bordeauxroten Stiefeletten Anflüge von aufkommenden Selbstbewusstsein und Aufbegehren zeigt. Bruder Philip, von Daniel Abbott zurückhaltend dargestellt, spielt angeblich auf Zeit, denn davon hat er angesichts seiner Jugend wohl mehr zur Verfügung als sein in die Jahre gekommener Kontrahent. Der „Löwe“ lehrt allerdings: Man darf sich nicht täuschen lassen.

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