Frankfurter Museum für Kommunikation

Die Erde ist etwas kleiner geworden

Jules Vernes berühmter Zukunftsroman ist der Ausgangspunkt für eine Schau, in der es um die technischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts geht.

Von Christian Huther

Drei Herren veränderten den Blick auf die Welt im Jahr 1872: Am 28. März begann der französische Schriftsteller Jules Verne seinen Roman „In 80 Tagen um die Welt“. Am 24. August schrieb der deutsche Generalpostmeister Heinrich von Stephan an die Oberpostdirektion und schlug die Gründung eines Postmuseums vor. Am 2. Oktober wettete der Engländer Phileas Fogg, dass er in 80 Tagen um die Welt reisen könne. Freilich ist Fogg nur die Fantasiefigur in Jules Vernes Roman.

Jules Verne und Heinrich von Stephan kannten einander nicht, aber ein Gespür für bahnbrechende Erfindungen einte sie. „Beide waren Visionäre und sahen die Welt als Ganzes“, meint Manuel Gogos, der Kurator der neuen Schau im Frankfurter Museum für Kommunikation, die zuvor in Berlin zu sehen war. Gogos hat lange überlegt, wie er die Sammlung des Berliner Postmuseums völlig anders betrachten könnte – immerhin eines der ältesteten Museen der Welt für Technikgeschichte. Schließlich kam Gogos auf Jules Vernes Roman. Den las er neu und notierte sich alle darin vorkommenden Objekte, von Karten über Kursbücher, Uhren und Spazierstöcke bis zum Globus. Diese Stichworte gab er in die Datenbank des Museums ein – und fand fast alle Objekte. So dient nun Vernes Roman als Führer durch die Schau, die den Titel trägt „In 80 Dingen um die Welt. Der Jules-Verne-Code“. Mit ausführlichem Prolog und Epilog versehen, umfasst die Schau aber rund 180 Ausstellungsstücke. Zum Auftakt ist der Globus zu sehen, den Jules Verne um 1888 erhielt, also erst lange nach der Veröffentlichung seines Romans. Verne besaß sogar ein Reiseschreibset, obgleich man ihm nachsagt, dass er nach 1870 nur selten das nordfranzösische Amiens verlassen hat. Aber er segelte für sein Leben gern, im Mittelmeer und in der Nordsee. Bei ruhigem Seegang ging es dann ans Schreiben, an die Kopfreisen in ferne Länder.

Auch der Museumsbesucher kann einen assoziativen, fast spielerischen Rundgang unternehmen, immer gut informiert über wichtige Ereignise: Ab 1869 schrumpften viele Reisezeiten zusammen, als fast zeitgleich die Eisenbahnverbindung durch Nordamerika und der Suezkanal fertig wurden. Eine Epoche des Geschwindigkeitsrausches begann. Folglich bietet die Schau ein Panorama der beginnenden Moderne, denn „das 19. Jahrhundert ist die Vorgeschichte unserer Gegenwart“, erläutert Gogos. Ähnlich wie Jules Verne zwischen Wissenschaft und Abenteuer pendelte, hat auch die Ausstellung bedeutsame und eher amüsante Objekte versammelt. So ist ein Stück des Unterseekabels zu sehen, das seit 1874 Europa und Amerika verbindet. In einer anderen Vitrine findet sich ein Reiseteeset, denn ein Engländer wie Phileas Fogg wäre sicherlich nicht verreist, ohne zur gewohnten Zeit seinen Tee zu trinken.

Freilich nahm Fogg die Welt nur mit Blick auf den Fahrplan wahr, während sein Diener Jean Passepartout mit offenen Augen durch die Welt ging und so entscheidend zum Gewinn der Wette beitrug. Vielleicht hätte dem ungleichen Duo der ausgestellte Spazierstock mit Kompass im Knauf geholfen – ein schönes Beispiel für die damalige Technikbegeisterung. Auch Ludwig Ploß interessierte die rasante Beschleunigung durch Eisenbahn, Postdampfer und Telegrafie. Der Chemnitzer wettete, dass eine Postkarte die Welt in 120 Tagen umrunden könnte und schickte sie im Mai 1878 ab. Pünktlich kam sie an, übersät mit Stempeln, Briefmarken und Adressen, wie eine Kopie zeigt. „Die Erde ist kleiner geworden, weil wir sie heute zehn Mal schneller umrunden können als noch vor 100 Jahren“, lässt Jules Verne einen der Londoner Gentlemen sagen. Viele der Herren waren nie gereist, sie lasen nur aufmerksam Zeitungen, Reiseberichte und wissenschaftliche Magazine.

Dieses Reisen im Kopf hat sich nur wenig verändert, auch wenn es ein weiter Weg ist vom Club des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen Cyber-Lounge. Da ist es schade, dass der Ausblick in die Gegenwart bei der Frankfurter Station gekürzt wurde, um die virtuelle Tour von Googles „World Wonders Project“.

Museum für Kommunikation, Schaumainkai 53, Frankfurt. Bis 30. August, dienstags bis freitags 9–18 Uhr, samstags und sonntags 11–19 Uhr. Eintritt 3 Euro, Katalog 19,90 Euro. Telefon (069) 60 600. Internet

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