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?White Christmas? anno 1954 ? mit Rosemary Clooney, Danny Kaye, Bing Crosby und Vera Ellen inmitten einer knuffigen Kinderschar. Fotos (5): dpa

Weihnachtsklassiker

Ewig erklingt die „Stille Nacht“

Wem klingeln manchmal nicht die Ohren von den ewigen Weihnachts-Schlagern? Aber wissen Sie auch, wie unterschiedlich die gesungen werden können?

Traum oder Trauma, schöne oder schlimme Erinnerungen – Weihnachten ruft bei jedem die unterschiedlichsten Bilder aus Kindheit und Jugend hervor. Menschen, die in der Sechzigerjahren groß wurden, vergessen nie das immer selbe Ritual an Heiligabend. Da wurde die wie ein Schatz gehütete, beim Buchclub des Vertrauens erworbene Langspielplatte aus der Musiktruhe gezaubert. Die begann mit dem Glockengeläut des Frankfurter Doms und endete mit dem aus dem Kölner Pendant. Dazwischen ein Kinderchor mit engelsgleichen Stimmen und dem wohlbekannten Weihnachtsrepertoire mit „O Tannenbaum“, „Süßer die Glocken nie klingen“ und „Stille Nacht“. Da hieß es dann Mitsingen oder wahlweise ein Gedicht aufsagen oder etwas auf der Blockflöte vorspielen.

Klar, dass dagegen – je näher die Pubertät rückte – irgendwann revoltiert wurde. Der Alternativen, die es zu den Sängerknaben seit jeher gab, wurde man erst viel später gewahr.

Rentier Rudolph

Auch wenn die Vermarktungsstrategien der Plattenindustrie da noch nicht so ausgeprägt und rein kommerzorientiert waren, wusste auch schon „The Rat Pack“ mit den Kumpanen Dean Martin, Frank Sinatra und Sammy Davis Jr., die in den frühen Sechzigerjahren „Have Yourself A Merry Little Christmas“ sangen, das Publikum mit „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer“ oder „Jingle Bells“ zu beglücken. Nicht zum Schaden ihres Kontos.

Auch die Jazzlegende Ella Fitzgerald nahm 1960 „Ella Wishes You A Swinging Christmas“ und reihte sie in ihre „American Songbook“-Einspielungen ein. Als „warm und humorvoll“ wurde das seinerzeit wahrgenommen. Sie finden – regelmäßig wiederveröffentlicht – immer noch regen Zuspruch. Drei Jahre später kam das Album für alle rebellischen Geister heraus. Der Rock ’n’ Roll feierte Weihnachten. Der Erfinder das „Wall of Sound“, Produzent Phil Spector, trommelte für „A Christmas Gift For You“ seine Vokalistenriege mit Darlene Love, „The Crystals“ und „The Ronettes“ im Studio zusammen und tauchte mit ihnen augenzwinkernd in die Welt von „Frosty The Snowman“ ein, wo Marshmellows geröstet wurden und Mama auch mal Santa Claus küsste. Was anfangs zu floppen drohte, gewann erst mit den Jahren, ja Jahrzehnten an Bedeutung, auch weil sich Bruce Springsteen und „U 2“ ehrfurchtsvoll auf Spector bezogen.

Und so mussten die Weihnachtslieder, ob deutsche Klassiker oder US-Standards, über die Dekaden so manche Metamorphose durchlaufen. Immer an vorderster Front dabei: „Stille Nacht, heilige Nacht“ alias „Silent Night“, „Winter Wonderland“ und vor allem „White Christmas“. Auch wenn es das meistgespielte Weihnachtslied aller Zeiten ist: „Last Christmas“ aus der Feder von George Michael und 1984 von „Wham!“ herausgebracht, gehört nicht zum traditionellen Weihnachtskanon. „Das wirklich Besondere an dem Lied ist, dass ,Wham!‘ als erste Popband die Existenz von Weihnachten einfach hinnahmen: Sie überhöhten es nicht, indem sie versuchten, den Geist des guten, alten Fests der Prä-Rock-’n’-Roll-Ära wiederzubeleben – aber sie bekämpften es auch nicht“, hieß es dazu in der „Welt am Sonntag“. Das ließe sich trefflich diskutieren. Die Single ist übrigens Jahr für Jahr wieder in den Charts rund um die Welt zu finden. Ein saisonaler Dauerbrenner. 2018 enterte der Oldie laut Bundesverbandes Musikindustrie bereits zum 130. Mal die Charts. Ein Rekord.

In allen Sprachen

Als am Heiligabend 1818 in einer Kirche in der Nähe von Salzburg „Stille Nacht, heilige Nacht“ zum ersten Mal erklang, ahnten Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber sicherlich nicht, dass das vertonte Gedicht des Hilfspfarrers durch den Dorfschullehrer zum „Inbegriff des Weihnachtsbrauchtums im deutschen Sprachraum“ (Wikipedia) werden würde.

Die Pastorelle fand Aufnahme in sämtliche Gesangbücher, wurde für klassische Kompositionen etwa von Max Reger, Krzysztof Penderecki oder Alfred Schnittke adaptiert und in mehr als 300 Sprachen übersetzt. So wird es zum Beispiel in Bengali, Malagasy, Samisch oder gar in Esperanto gesungen, wurde aufgenommen von Elvis Presley, Harry Belafonte, Connie Francis, Mahalia Jackson, Stevie Nicks („Fleetwood Mac“), Whitney Houston, Eric Clapton, Sinéad O’Connor, dabei mal als Gospel, mal zu Blues-Gitarre, mal funky interpretiert. Die Frage bleibt: Wer hat es eigentlich nicht aufgenommen? Fast allen Aufnahmen ist gemein, dass sie feierlich und besinnlich klingen sollen. Selbst Metal-Heroen wie „Manowar“ werden ganz weich, wenn sie „Silent Night“ anstimmen. Wirklich ganz eigene Versionen gelangen tatsächlich der US-Slowcore-Band „Low“, dem Indie-Folk-Musiker Sufjan Stevens und dem norwegischen Jazz-Pianisten Bugge Wesseltoft mit seinem Tasten-Minimalismus auf dem meditativen „It’s Snowing On My Piano“-Album. Nicht zu verachten ist auch die Nebelkrähen-Variante von Tom Waits. Wenn er singt, nadelt der Baum.

„Winter Wonderland“ aus der Feder von Felix Bernard wurde vom Ritz-Carlton Orchestra 1934 uraufgeführt, Perry Como machte es zu einem Chart-Erfolg. Ein Winterlied, das in den Weihnachtsrepertoire übernommen wurde. Auch hier gilt: Wer hat es nicht für sich vereinnahmt? Frank Sinatra tat es, die „Eurythmics“, Jason Mraz, Ray Charles, Kylie Minogue, Rod Stewart und Michael Bublé auch. Besonders charmant und mit Hawaii-Gitarre lässt das Folk-Duo „She & Him“ sein Publikum dahinschmelzen. Nur noch getoppt vom extravaganten Vokal-Trio „The Roaches“, „A Fine Frenzy“ mit der betörenden Stimme von Alison Sudol und dem nöligen Winterwunderland à la Bob Dylan.

Honkytonk und Hohoho

Irving Berlin, unter dessen 1000 geschriebenen Songs Gassenhauer wie „Cheek To Cheek“, „Puttin’ On The Ritz“ und „God Bless America“ herausstechen, zeichnet auch für „White Christmas“ verantwortlich, das Bing Crosby 1942 berühmt machte. Hier lohnt es sich ganz besonders, in die Aufnahmen von Ur-Punk Iggy Pop mit viel Ho-ho-ho zu schrägem Honkytonk-Piano hineinzulauschen, Axl Rose bellt es in bester Shouter-Manier mit „Guns N’ Roses“, während die Metal-Kollegen von „Queensrÿche“ dem Kitsch-Potential des Originals verfallen und die Weicheier geben. Auch die Punks von „Bad Religion“ geben zwar Gas, bleiben dabei trotzdem zivilisiert. Vor Weihnachten gehen eben alle in die Knie.

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