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Schneller Sex ersetzt lange Liebe: Auf dem Gemälde "Amor und Psyche" (1792) von Angelika Kauffmann trocknet der geflügelte Gott der Liebe gleichsam der weinenden Seele mit seiner Haarlocke die Tränen.

Gesellschaft

Ist die feste Paar-Beziehung vorbei?

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Die französische Soziologin Eva Illouz hat erforscht, warum Selbstdarstellungsdrang, Konsumdenken und Sexualisierung aller Alltagsbereiche das Leben zu zweit völlig verunsichern.

Es war der gebürtige Frankfurter Erich Fromm, der schon in den 50er Jahren eine Soziologie der Liebe erstellte. Ihm, der am Institut für Sozialforschung der Goethe-Universität studiert hatte und nun an amerikanischen Hochschulen lehrte, genügte es nicht, einfach nur festzustellen, dass man sich eben verliebte – oder auch nicht. Er wollte mehr wissen darüber, wie und warum Menschen zueinander finden, und wie sich ihre Gemeinsamkeit gestaltet – als Paar, als Familie, als Gesellschaft.

Tiefes Unbehagen

Ein tiefes Unbehagen brachte den Mann der Wissenschaft dazu, das höchste und umfassendste aller Gefühle zu ergründen. Er, der auf den Gebieten der Philosophie, Psychologie und eben Soziologie arbeitete, sah die Liebe einer neuen Form von „Nützlichkeits- und Konsumdenken“ verfallen. Das Denken und Fühlen des Einzelnen schien ihm nicht frei, sondern stark vorbestimmt, von persönlichen Erfahrungen wie von Verhaltensmustern der westlichen Gesellschaft. Und die waren rund zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs vom Wirtschaftswunder beeinflusst, von dem Drang nach materiellem Besitz, nach Wohlstand im Sinne von Geld und Geltung. Eine Entwicklung, so sah es Erich Fromm, die auf Kosten von Zufriedenheit und wahrem Glück ging. „Haben oder Sein“ heißt denn auch eines seiner meistgelesenen Standardwerke, das 1976 erschien, zwanzig Jahre, nachdem schon der Titel seines Buchs „Die Kunst zu lieben“ zu einem geflügelten Wort von Intellektuellen und Humanisten geworden war, wenn es darum ging, zu wägen, worin wahre Erfüllung bestand.

Kurze Begegnung

Seit Erich Fromm ist es nicht einfacher geworden mit der Liebe, sondern noch schwieriger. Leichter geworden ist es hingegen mit dem Sex, der mittlerweile auch außerhalb einer Beziehung überall zu haben ist, zur Not gegen Bezahlung, und mehr oder minder kostenlos auf Erotik-Messen und Porno-Videos, auf Internet-Plattformen für Partnerschaften und bei Dating-Apps für einschlägige Begegnungen. Die Gefühlswelt von heute hat sich zu einem regelrechten Markt mit Angebot und Nachfrage entwickelt. Welche Auswirkungen das hat, ist eine Frage, die sich die französische Soziologin Eva Illouz stellt. Über zwei Jahrzehnte hinweg hat die heutige Professorin der Hebräischen Universität Jerusalem, die in früheren Jahren auch Vorlesungen am Frankfurter Institut für Sozialforschung hielt, die Liebe im Kapitalismus erforscht, eine Studie erstellt, dazu ihre Doktorarbeit verfasst und diese wiederum aufbereitet zu dem jetzt erschienenen Sachbuch „Warum Liebe endet“.

Es handelt von einer verunsicherten Gegenwart, in der grenzenlose persönliche Freiheit und Selbstverwirklichung bis zum Exzess unweigerlich zum Zerfall des Zusammenhalts führen. Liebespartner, Lebensgefährten und Ehegatten werden zu Kurzzeitbegleitern, ausgewählt nach den Bedürfnissen der jeweiligen Lebensphase und von Anfang an auf jederzeitige Auflösbarkeit hin kalkuliert (Risikomanagement). An die Stelle von Vertrauen, Verantwortung, Verpflichtung und damit einhergehender Sicherheit sind Ansprüche getreten – an sich selbst und den/die Anderen. Fast könnte man es schon Ausbeutung der Liebe zum Zwecke der Selbstsucht nennen. Mitbestimmt werden derlei Gewohnheiten und Vorstellungen von einer riesigen Freizeitindustrie, die den perfekten Körper verspricht und mittels Popkultur, Mode und Schönheitskommerz die entsprechenden Idole hervorbringt, denen es nachzueifern gelte. So wird aus der Liebe eine Ware und aus dem Liebenden oder Möchtegern-Liebenden ein Käufer äußerer Attraktivität.

Als Inbegriff des allgemeinen Bewusstseinswandels in Sachen Liebe benennt Eva Illouz das Internet und den sich damit rasant ausbreitenden Gelegenheitssex, bei dem die Beteiligten vielleicht nicht mal mehr ihre Vornamen kennen. Die Dating-App Tinder etwa hat seit ihrem Start im Jahr 2012 nach eigenen Angaben weltweit 8 Milliarden Kontakte vermittelt. Diese flüchtigen, beliebigen, austauschbaren, potenziell das Selbstwertgefühl herabsetzenden Bekanntschaften, so Illouz, stehen für völlige Unverbindlichkeit und Ungewissheit, deren kurzfristiger Reiz langfristig zu Verlustängsten, Depressionen und schließlich zu Vermeidungsverhalten sowie Bindungsunfähigkeit führen: zu seelischer Erkrankung.

Doch es geht Eva Illouz nicht nur um die zusehends kommerzialisierte, sich auflösende Zweisamkeit. Sie legt dar, wie die Liebe im vielfältigsten und weitesten Sinne als Liebe zu Eltern, Kindern, Geschwistern, Freunden und Bekannten, als Nächstenliebe mithin, als verbindliche Fürsorglichkeit, als menschliches Mitgefühl, religiöse Barmherzigkeit oder politische Solidarität an Verlässlichkeit verliert. Die Erfüllung des moralischen Vertrags der Familienmitglieder untereinander wird ausgelagert – an Kindertagesstätten, Ganztagsschulen, Pflegedienste, Altenheime, für deren Bezahlung die arbeitsfähigen Familienmitglieder erwerbstätig sind. Dies als eine Veränderung, die mit zunehmender Berufstätigkeit der Frauen eintrat.

Das Verhältnis der Geschlechter ist mittlerweile von starker Rivalität beherrscht. Der herkömmliche Machismo ist in der westlichen Zivilisation abgeschafft, die Liebesbeziehungen haben sich im Zuge des Feminismus zu Kampfbeziehungen gewandelt. Ist es also inzwischen das höchste der Gefühle, wenn zwei es überhaupt noch miteinander aushalten, womöglich bis zur Goldenen Hochzeit?

Völlige Ungewissheit

Wie sehr die Liebe sich von sich selbst entfernt hat und zum Genussmittel innerhalb der Spaßgesellschaft geworden ist, führt Eva Illouz deutlich vor Augen. Sie verweist gelegentlich auf den Frankfurter Sozialforscher Axel Honneth („Leiden an Unbestimmtheit“) und kommt zu dem Ergebnis, „dass moderne heterosexuelle Beziehungen von sich aus kein Ziel mehr haben und keinen klaren Kurs mehr kennen“. Abgesehen von einer gewissen sprachlichen Verkrampftheit sind die Ausführungen von Eva Illouz aufschlussreich zu lesen. Eine Schwäche ihres Buches aber besteht in der fast ausschließlichen weiblichen Sicht. Damit passt sich die 57-jährige Wissenschaftlerin ein in jene profeministischen Denkströmungen, die längst die westlichen Universitäten beherrschen, aber es schränkt die Allgemeingültigkeit ihrer Erkenntnisse ein und verhindert, dass gewisse Fragen überhaupt noch gestellt werden.

Für Illouz ist unabweisbar, dass die Frauen unter den heutigen Verhältnissen stärker leiden. Woher sie das weiß, ohne die Befindlichkeit der Männer ebenso eingehend ergründet zu haben, bleibt unklar. Liegt es doch in der Natur der Sache, dass die Männer all das verloren haben müssen, was die Frauen für sich gewinnen konnten: an Aufstiegschancen, Verdienstmöglichkeiten, Einfluss, Macht – in der Familie wie im Beruf und in der Politik. Über die Folgen einer sich verweiblichenden Gesellschaft, in der das Erziehungswesen und mithin die Zukunft fast völlig in Frauenhand liegen, wissen die Psychologen vielleicht mehr zu berichten als die Soziologen. Von unterdrückten kleinen Jungs, frustrierten jungen Männern und weggedrängten alten Männern, kurzum: von Sexismus mit anderem Vorzeichen ist immer öfter die Rede. Schon bilden sich Männergruppen, nach dem Vorbild früherer emanzipatorischer Frauengruppen. Auch diese neue Geschlechtertrennung kann ein Grund sein, „warum Liebe endet“, bevor sie vielleicht irgendwann auf andere Art, als gesellschaftliche Gegenbewegung, neu beginnt.

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