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?Richtkräfte einer neuen Gesellschaft? (1974?1977) lautet der Titel dieser Installation mit Schieferplatten.

Joseph Beuys

Fett und Filzhut

Für die einen war er genial und revolutionär, für die anderen ein Scharlatan und Selbstdarsteller. An ihm scheiden sich die Geister bis heute.

Von ANDREAS REHNOLT (EPD)

„Jeder Mensch ist ein Künstler“, hat Joseph Beuys gesagt und damit das Kunstverständnis einer ganzen Generation grundlegend geprägt – und vor allem verändert. Sein Verständnis von Kunst meinte auch das kreative Mitgestalten von Politik und Gesellschaft, etwas, das heute, angesichts komplexer Probleme, vielen Menschen ein Bedürfnis ist. Beuys starb am 23. Januar 1986 nach einer seltenen Entzündung des Lungengewebes an Herzversagen.

Geboren wurde er am 12. Mai 1921 in Krefeld. Die Stadt am Niederrhein benennt in diesem Jahr einen Platz nach ihrem wohl bekanntesten Sohn – auch wenn seine Eltern nur wenige Monate nach der Geburt ins nahe Kleve zogen. Während eines Einsatzes als Kampfflieger im Zweiten Weltkrieg stürzte Beuys über der Krim ab. Der Künstler selbst verbreitete eine Version seiner Rettung, nach der es einheimische Tartaren waren, die ihn aufnahmen, mit Talg salbten, in Filz einhüllten und auf einem Schlitten transportierten. Filz und Fett waren später neben Wachs und Kupfer seine zentralen Materialien.

Er studierte Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde dort Professor für monumentale Bildhauerei. Beuys galt als zuverlässiger, eher strenger Lehrer. Bald machte er mit aufsehenerregenden Aktionen von sich reden. Mit der klassischen Bildhauerei hatten sie nichts mehr zu tun: In Zeichnungen, Plastiken, Objekten, Environments und Performances setzte er sich mit mythischen Themen und magischen Riten, Archetypen und Symbolen auseinander.

Umstritten war er schon in den 70ern: Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ begann seine Titelgeschichte über Beuys 1979 mit dem Satz: „Für viele ist er nur ein armer Irrer, ein Scharlatan. Für die meisten ist er ein Ärgernis.“ Seine Werke seien „auf den ersten Blick (bei dem es meist bleibt) sinnlose Objekte aus unansehnlichen, wenn nicht ekligen Werkstoffen wie Filz und Fettsorten“. In einer kritischen Biografie warf ihm der Schweizer Autor Hans Peter Riegel 2013 rückwärtsgewandtes Denken und Nähe zu völkischem Gedankengut vor. Nachdem Kunstprofessor Beuys im Juli 1971 insgesamt 142 von der Akademie abgelehnte Studenten in seine Klasse aufgenommen und das Sekretariat der Kunstakademie besetzt hatte, entließ ihn der damalige Wissenschaftsminister Johannes Rau (SPD). Studenten reagierten mit Hungerstreik und Vorlesungsboykott, Künstler und Schriftsteller wie Heinrich Böll, Martin Walser, David Hockney, Gerhard Richter und Günther Uecker machten sich für seine Wiedereinsetzung stark.

1980 entschied das Bundesarbeitsgericht in einem Vergleich, dass Beuys bis zum 65. Lebensjahr sein Atelier im „Raum 3“ der Kunstakademie behalten und den Professorentitel weiter führen durfte, dafür aber die Auflösung des Arbeitsverhältnisses zu akzeptierten hatte. Da war der Künstler international schon längst anerkannt und auch kommerziell erfolgreich.

Einen entscheidenden Durchbruch auf dem Kunstmarkt hatte es bereits 1969 gegeben, als sein Galerist für die Installation „The Pack – Das Rudel“ 110 000 Mark (rund 55 000 Euro) erzielte: ein alter VW-Bus mit 24 Schlittenobjekten. Zwischen 1964 und 1982 nahm Beuys fünf Mal an der Documenta in Kassel teil, 1976 war er mit der Installation „Straßenbahnhaltestelle“ auf der Biennale in Venedig vertreten.

Drei Jahre später traf er in Düsseldorf zum ersten Mal mit Andy Warhol zusammen – und im gleichen Jahr widmete ihm das New Yorker Guggenheim-Museum als erstem deutschen Künstler überhaupt eine umfangreiche Retrospektive. 1981 fand in der DDR die erste Beuys-Schau statt. Ein Jahr später setzte der Künstler auf der Documenta 7 in Kassel seine Skulptur „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ (7000 Eichen) in Szene. Die Eichen, denen jeweils eine Stele aus Basalt zur Seite gestellt wurde, sind bis heute im Stadtbild von Kassel präsent.

Beuys’ Werke – Zeichnungen, Skizzen, Bilder, Objekte, große und kleine Installationen, Skulpturen – befinden sich in allen großen Museen der Welt. Und in einigen kleinen auch: So verfügt allein das Museum Moyland in Bedburg-Hau am Niederrhein über eine umfassende Beuys-Sammlung mit rund 5000 Arbeiten. Im dortigen Beuys-Archiv lagern mehr als 100 000 Archivalien des Künstlers, der meist mit Filzhut und Anglerweste auftrat: Fotos, Briefe, Tonbänder, Zeitungsausschnitte.

Zum 30. Todestag will das Museum mit der digitalen Kampagne #beuysheute und #beuysundich die Erinnerung an den Künstler wachhalten. Beuys selbst hat eine Interpretation seiner Werke als „unkünstlerisch“ abgelehnt. „Wenn auch das Kunstwerk das größte Rätsel ist, der Mensch ist die Lösung“, dabei beließ er es.

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt, das mit dem 1970 vom Künstler selbst installierten „Block Beuys“ nach eigenen Angaben seinen weltweit größten Werkkomplex besitzt, widmet am 24. Januar einen Tag der Vermittlung der Beuys-Arbeiten.

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