Comic-Spaß

Die Figur des pfiffigen Spirou erlebt ihre Renaissance im Berlin von 1989

Altes kann neu werden. Das gilt auch im Comic. Die Highlights des Jahres beweisen, dass in der Vergangenheit vieles gut war und in Bildern mit Sprechblasen jetzt noch besser werden kann: Hotelpagen, Volkslieder. Sandalenfilme und das 20. Jahrhundert.

Vor 80 Jahren betrat der belgische Hotelpage Spirou die Comic-Seiten und ist seitdem eine feste Größe, vergleichbar mit Asterix und Obelix oder Tim und Struppi. Der pfiffige Spirou und sein Freund, der Journalist Fantasio, geraten seither in die unmöglichsten Abenteuer, von denen es zum 80. Geburtstag gleich zwei neue gibt, die aus den üblichen Geschichten hervorstechen. Émile Bravo, einer der derzeit bedeutendsten französische Comic-Künstler, führt Spirou zu seinen Anfängen zurück. Statt den Helden in der roten Pagenuniform durch fiktive Länder reisen und aberwitzige Abenteuer erleben zu lassen, zeichnet Bravo eine Geschichte, die 1940 in Belgien spielt, also kurz nach dem Zeitpunkt und an dem Ort, an dem der Charakter das Licht der Comicseiten erblickte.

„Spirou, oder: die Hoffnung“ (Carlsen, 14 Euro) erzählt vom Kriegsanfang in Brüssel, von überheblichen Alliierten, von dem Exil des Malers Felix Nussbaum, von der Internierung der im belgischen Königreich ansässigen Deutschen und von einer jungen Liebe über die Front hinweg. Der traditionelle Seitenaufbau und der klassische Stil der „ligne claire“, der „klaren Linie“, die beide typisch für die Serie sind, erlauben es Émile Bravo, zwischen der Tragödie des Zweiten Weltkriegs und der Leichtigkeit üblicher Spirou-Abenteuer zu changieren.

Ähnlich spannungsreich, aber viel moderner zeichnet der Berliner Künstler Flix dieselben Charaktere. In „Spirou in Berlin“ (Carlsen, 16 Euro) verfolgen Spirou und Fantasio im Jahr 1989 die Spur eines entführten Forschers über die innerdeutsche Grenze hinweg in die Tiefen des Unrechtsstaates DDR. In bester Spirou-Manier will der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke dort das Staatsdefizit durch die Herstellung künstlicher Diamanten aus Braunkohle beseitigen. Gerade durch den modernen Seitenaufbau und einen schwungvolleren Zeichenstil geling es Flix, eine Brücke zwischen dem absurden Plot und der ernsthaften Kritik am Unterdrückungsregime der SED zu schlagen.

„Olympia in Love“ (Reprodukt, 18 Euro) von Catherine Meurisse hingegen betrachtet den Sandalenfilm aus ungewohnter Perspektive. Die junge Schauspielerin Olympia will es im Filmgeschäft zu etwas bringen, hochschlafen will sie sich aber nicht. Dass der Charakter nackt gezeichnet ist und im Vergleich zu den weniger moralischen Konkurrentinnen trotzdem integer wirkt, ist eine erzählerische Leistung, die nur der Comic vollbringen kann. Meurisse ließ sich für viele Panels von Gemälden inspirieren, die im Musée d’Orsay ausgestellt sind. Eine Auswahl der Bilder sowie ein Link zur vollständigen Sammlung aller Vorbilder finden sich am Ende des Comics.

Die kleine Dickmadam aus dem gleichnamigen Abzählreim hat ihren Eingang in den grotesken Comic „Dickmadam die lachte“ (Schreiber & Leser, 18,80 Euro) von Zidrou und Benoît Springer gefunden. Im australischen Outback betreibt das Ehepaar Pla eine Straußenfarm, bis Herr Pla seine Ehefrau erschlägt und ihre Leiche entsorgt. Als er nach Hause zurückkehrt, begrüßt sie ihn allerdings höchst lebendig in der Küche. Von hier an entfaltet sich eine Handlung, die zwischen Absurdität und bluttriefendem Splatter wechselt. Auch so kann Comic sein.

„Betty Boob“ von Vero Cazot und Julie Rocheleau (Splitter-Verlag, 24,80 Euro) ist das Gegenteil davon. Einfühlsam, mit wenigen Worten und fantasievollen Bildern schildert der Comic die Folgen einer Brustamputation für eine Frau, die in einer Gesellschaft lebt, in der der weibliche Körper ein repräsentatives Objekt ist. Die namenlose Protagonistin schwankt zwischen tiefer Verzweiflung, trotzigem Optimismus und leichter Melancholie. Obwohl der Band erst am 1. November erscheint, gehört er bereits jetzt auf die Wunschliste jedes Comic-Liebhabers.

Nach 14 Jahren findet die dreiteilige Serie „Berlin“ von Jason Lutes mit dem Band „Berlin 3: Flirrende Stadt“ (Carlsen, 14 Euro) ihren Abschluss. Die Trilogie ist ein historischer Roman in Bildern, eine Schilderung der unterschiedlichen Schichten der Weimarer Republik, von der Arbeiterschaft bis zu den Intellektuellen im Brennpunkt Berlin.

Der jüngste Band schildert die Jahre 1928 bis 1933 und begegnet der künstlerischen und politischen Herausforderung, Adolf Hitler ins Bild zu setzen, unaufgeregt. Ein würdiger, langersehnter Abschluss einer gelungenen Reihe.

Die Manga-Serie „20th Century Boys“ (Panini, 19 Euro) des japanischen Zeichners Naoki Urasawa ist die Geschichte einer Gruppe von Freunden, die sich als Kinder eine apokalyptische Zukunft ausdenken, die einer von ihnen als Erwachsener wahr werden lassen will. Der Kampf der Gruppe gegen den ehemaligen Freund aus Kindheitstagen ist selbst für diejenigen lesenswert, die japanischen Comics sonst nur wenig abgewinnen können.

Eine nicht neue Geschichte in ungewohnten Bildern ist „Batman: Der Dunkle Prinz“ (Panini, 16,99 Euro). Wieder einmal jagt Batman seinen Erzfeind, den Joker, doch statt der üblichen Superhelden-Zeichner ist diesmal der Italiener Enrico Marini verantwortlich. Seine Zeichnungen machen die gewöhnliche Geschichte und die schlechte Übersetzung ins Deutsche vergessen. Gotham City sah schon lange nicht mehr so schön, so düster und so geheimnisvoll aus.

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