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Aynur (Almila Bagriacik) trifft sich mit ihrem deutschen Freund Tim (Jacob Matschenz). Das empfinden ihre Brüder als Schande für ihre kurdisch-türkische Familie.

Tragödie

Sie lebte wie eine Deutsche: Der Film "Nur eine Frau" thematisiert den Ehrenmord an Berliner Türkin

Almila Bagriacik spielt die in Deutschland Aufgewachsene, die von ihrem Bruder im Jahr 2005 getötet wird, weil er der Familie Schande ersparen will.

Das vorherrschende Gefühl ist Wut. Sie ist von Anfang an da - und verschwindet nicht mehr. Denn ein Happy End hat "Nur eine Frau" nicht zu bieten, so sehr sich dessen Hauptfigur auch abstrampelt. Der Film erzählt die wahre Geschichte von Hatun Aynar Sürücü, die 2005 mitten in Berlin im Alter von 23 Jahren von ihrem jüngsten Bruder erschossen wurde. Ihr Vergehen war, dass sie "wie eine Deutsche" lebte.

Die Kraft der Wut

Die Regisseurin Sherry Hormann rollt nach dem akribisch recherchierten und fast dokumentarisch anmutenden Drehbuch von Florian Oeller den Fall auf, der in Deutschland das Thema "Ehrenmorde" ins Blickfeld rückte. Die Wut münzen Regisseurin und Autor in kämpferisch-kreative Energie um. "Nur eine Frau" strahlt eine rohe Kraft und große Wucht aus. Darin ähnelt der Film seiner Hauptfigur, die als sehr selbstbewusste Frau gezeichnet wird. Ohne diese Eigenschaften wäre Aynurs Geschichte auch nicht denkbar. Wie unendlich viel Kraft es gekostet haben muss, nach einer Zwangsheirat mit 16 Jahren schwanger aus einer gewalttätigen Ehe zu fliehen, sich aus der geistigen wie räumlichen Enge der Herkunftsfamilie zu befreien, einen Wohnheimplatz für sich und den kleinen Sohn zu organisieren, den Jungen alleine großzuziehen, nebenbei zu arbeiten und eine Ausbildung zu absolvieren.

Dazu kommen die Morddrohungen, Nachstellungen und Beleidigungen der Brüder, welche die "Familienehre" beschmutzt sehen, weil ihre Schwester ein freies, kopftuchloses Leben jenseits der patriarchalischen Konventionen ihrer Herkunftskultur führt. Trotzdem sucht Aynur immer wieder den Kontakt zu ihrer Familie, zu Mutter, Schwestern und den Brüdern. Dieser Spagat lässt Aynurs Stärke fast übermenschlich erscheinen. Als sie am Abend des 7. Februar 2005 ihren Bruder Nuri zu einer Bushaltestelle begleitet, schießt er ihr ins Gesicht. "Das Gesicht der Schande wird ausgelöscht, und in dem Moment erhält die Familie ihr Gesicht zurück", interpretiert Aynur das selbst, als sie das Geschehen rückblickend aus dem Off kommentiert.

Die Energie der Hoffnung

Die in der Türkei geborene, in Deutschland aufgewachsene Schauspielerin Almila Bagriacik spielt Aynur mit großer Leidenschaft und Natürlichkeit und führt damit ein bis in kleinste Nebenrollen herausragendes Schauspielensemble an. Die Kameraführung von Judith Kaufmann treibt passend zu Aynurs Gefühlszuständen das Geschehen an: gehetzt, nervös, angespannt, manchmal aber auch unbekümmert und hoffnungsfroh. Stimmig ist auch die von Fabian Römer und Jasmin Shakeri zusammengestellte Musik. Das Ergebnis ist ein intensiver, auf allen Ebenen gelungener, ebenso engagierter wie sensibler Film.

von Katharina Zeckau

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