Die Amerikanerin Ellen M. Harrington (54) ist Nachfolgerin von Claudia Dillmann am Filmmuseum Frankfurt. Zuvor war sie Sammlungsleiterin am Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles.
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Die Amerikanerin Ellen M. Harrington (54) ist Nachfolgerin von Claudia Dillmann am Filmmuseum Frankfurt. Zuvor war sie Sammlungsleiterin am Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles.

Interview mit Ellen M. Harrington

Filmmuseums-Direktorin: „Das Kino ist das Herz des Museums“

In dem Haus am Schaumainkai möchte die Amerikanerin die Dauerausstellung auffrischen und durch digitale Angebote mehr Besucher gewinnen.

Ellen M. Harrington hat zum 1. Januar die Leitung des Deutschen Filminstituts mit dem dazugehörenden Frankfurter Filmmuseum übernommen. Die Nachfolgerin von Claudia Dillmann war zuvor Sammlungsleiterin am Academy Museum of Motion Pictures in Los Angeles, das im Jahr 2019 eröffnet werden soll. Die studierte Film- und Literaturwissenschaftlerin bringt also etwas Hollywood-Glanz mit in die Main-Stadt. Zum Deutschen Filminstitut gehören ein großes Filmarchiv mit Meisterwerken der Kinogeschichte sowie verschiedene Nachlässe, darunter die des Regisseurs Volker Schlöndorff und der Schauspieler Maria Schell und Curd Jürgens. Mit einer Begrüßungsrede auf Englisch stellte sich die neue Chefin jetzt bei einer Pressekonferenz im Filmmuseum vor und wurde von Kulturdezernentin Ina Hartwig als Kennerin des Werks von Rainer Werner Fassbinder gelobt. Was wird sich in dem Haus am Schaumainkai unter der Leitung der 54-jährigen Amerikanerin Harrington verändern? Sabine Kinner sprach mit ihr.

Mrs. Harrington, jeder kennt den Popsong „It Never Rains In Southern California“. Seit Sie in Frankfurt sind, haben Sie vermutlich nur Regen gesehen. Das Deutsche Filminstitut und das Filmmuseum müssen etwas ganz Außergewöhnliches sein, dass Sie aus der ewigen Sonne in die Trübheit gewechselt sind.

ELLEN M. HARRINGTON: In Kalifornien hat es gerade in den vergangenen Tagen sehr viel geregnet. Was das Wetter angeht, ist auf nichts mehr Verlass. Aber wegen des Frankfurter Wetters sind alle hier tatsächlich sehr besorgt um mich. Dabei stamme ich aus Boston. Ich bin große Kälte und schlechtes Wetter gewohnt.

Dennoch: Der Wechsel vom Academy Museum in Los Angeles ans Filmmuseum Frankfurt ist schon ein Schritt. Was hat Sie dazu bewogen?

HARRINGTON: Es gibt viele gute Gründe. Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt gibt es bereits seit den 80er Jahren, während das Academy Museum, wo ich herkomme, noch im Bau ist. Hier hatte ich die Möglichkeit, Direktorin eines schon laufenden Betriebs zu werden. Unter den wenigen Filmmuseen, die es weltweit gibt, ist das Deutsche Filmmuseum eines der besten, mit internationalem Ruf, starken Partnerschaften, exzellentem Mitarbeiterstab und vielen Aktivitäten. Außerdem ist es sehr ungewöhnlich, wie hier unter dem Dach des Deutschen Filminstituts die Archivierung von Filmen, ihre Digitalisierung, ihre Präsentation im Kino und das Sammeln von Ausstellungsstücken miteinander einhergehen.

Ihre ersten Arbeitstage haben Sie vermutlich damit verbracht, das Haus und seine Mitarbeiter näher kennenzulernen und sich mit Kulturdezernentin Ina Hartwig zu treffen?

HARRINGTON: Nach den ersten Gesprächen im vergangenen Sommer war ich immer wieder in Frankfurt und habe wichtige Ansprechpartner in der Politik und hier im Haus kennengelernt. Außerdem habe ich ja schon mehr als zwanzig Jahre lang mit dem Filmmuseum zusammengearbeitet. Es gab einen regen Austausch von Ausstellungen. Einige Mitarbeiter des Filmmuseums sind längst Freunde von mir, aber es gibt natürlich auch neue Kollegen.

Gibt es irgendwelche Vorgaben seitens des Kulturdezernats für Ihre Arbeit?

Nein, ich erhalte sehr viel Unterstützung. Es ist ein Miteinander, das mir die Möglichkeit gibt, alles Bestehende in Ruhe zu überprüfen. Dieses Museum ist in sehr viel besserer Verfassung als die meisten anderen Kultureinrichtungen. Der Mitarbeiterstab ist hervorragend, es ist enormes Fachwissen vorhanden. Aber es gibt natürlich immer noch Möglichkeiten, die Angebote, Projekte und das Ausstellungsprogramm weiterzuentwickeln. Frankfurt ist eine sehr dynamische Stadt. Sie wächst sehr schnell, und sie hat jede Menge kulturelle Entwicklungskraft. Die Kultur wird hier so gut subventioniert, davon können die meisten amerikanischen Einrichtungen nur träumen. Wenn man von außen kommt, ist das schon beeindruckend. Frankfurt hat ja allein an die 50 Museen und Ausstellungshäuser. Das hat nicht mal Los Angeles, eine Stadt mit mehreren Millionen Einwohnern. Vielleicht sind sich die Frankfurter selbst gar nicht bewusst, wie fortschrittlich es in den 80er Jahren war, das Museumsufer zu schaffen.

Planen Sie Veränderungen in der Dauerausstellung?

HARRINGTON: Die Didaktik der Dauerausstellung mit ihren vielen interaktiven Stationen ist sehr gut, und auch sonst werden wir nur behutsam Veränderungen vornehmen. Aus konservatorischen Gründen werden wir sicherlich einige Ausstellungsstücke austauschen, aber auch, um die Ausstellung für unser Stammpublikum und die vielen Schulklassen immer wieder frisch und neu zu präsentieren. Die Publikumserwartungen haben sich sehr verändert, da haben wir mit unserem Multimedia Guide schon viel erreicht. Ich möchte die Besucher stärker an das Museum binden, sie für den Freundeskreis gewinnen und über die sozialen Medien mit ihnen in einen Dialog treten. Das British Museum in London und das Museum of Modern Art in New York haben großen Erfolg damit, Besucher online zu generieren, indem sie dort interessanten Content anbieten.

Haben Sie den Ehrgeiz, die Besucherzahlen von jährlich rund 200 000 zu erhöhen?

HARRINGTON: Unbedingt. Zunächst muss ich mich über die Besucherzahlen in anderen Frankfurter Museen informieren, um die hiesigen Standards zu durchschauen. Aber wir werden auch genaue Marktforschung betreiben und die Besucher befragen, um diese besser kennenzulernen. Ich wäre sehr zufrieden, wenn wir durch eine veränderte Besucheransprache und ein kluges Ausstellungsprogramm die Zahlen jedes Jahr um 10 bis 15 Prozent steigern könnten. Es gibt Sonderausstellungen wie kürzlich „Die Kunst von Aardman“, mit denen Sie sehr hohe Besucherzahlen erzielen können. Aber nicht jede Ausstellung muss das tun, und nicht jede Ausstellung sollte das tun.

Welche Pläne haben Sie unabhängig von der Dauerausstellung für das Haus?

HARRINGTON: Im März eröffnen wir die Sonderausstellung zum 50. Jahrestag von „2001 – Odyssee im Weltraum“. Sie wurde möglich durch unsere jahrelange sehr gute Zusammenarbeit mit der Familie Stanley Kubricks, die ja 2004 in die sehr erfolgreiche Ausstellung „Stanley Kubrick“ mündete, die das Deutsche Filmmuseum kuratiert hatte. Sie tourt derzeit durch die Welt, ist gerade in Kopenhagen zu sehen. Solche internationalen Zusammenarbeiten bei Sonderausstellungen wollen wir weiterentwickeln. Über das Kino des Deutschen Filmmuseums haben wir noch gar nicht gesprochen. Wir werden wieder namhafte Gäste haben, Michael Haneke wird dieses Jahr eine Carte blanche bekommen, er ist im März zu Gast, Liv Ullmann erwarten wir zu einer Ingmar-Bergman-Filmreihe. Mit vom Deutschen Filminstitut digitalisierten Werken nehmen wir auf der Berlinale an der Retrospektive „Weimar Cinema Revisited“ teil. Außerdem verstärken wir unser Online-Angebot, damit die Leute besseren Zugang zu den Angeboten des Filminstituts finden. Gerne würde ich auch weitere digitale Ausstellungen wie die zu Curd Jürgens und Volker Schlöndorff im Netz anbieten.

Das Selbstverständnis der Museen insgesamt hat sich in den vergangenen 20 Jahren gewandelt. Sie verstehen sich nicht mehr nur als Bildungseinrichtungen oder Orte für Kunstkenner, sondern verstärkt als städtische Begegnungsstätten, in denen man sich vielleicht auch nur auf einen Kaffee trifft, nach einem Spaziergang am Main. Wie sehen Sie das?

HARRINGTON: Ja, die Rolle der Museen hat sich gewandelt. Was wir dazu beitragen können ist, genau nachzuschauen, welche Besucher wir haben und welche Besucher wir noch aktivieren könnten. Die Leute suchen heute einen persönlichen Anknüpfungspunkt an ein Haus, und sie wünschen gesellschaftliche Begegnungen. In Los Angeles hatten wir fantastischen Erfolg mit Events für 20- bis 30-Jährige, die normalerweise nicht zu den eifrigen Museumsbesuchern gehören. Das können After-Work-Meetings sein, mit Filmvorführungen oder einem DJ. Das Kino ist das Herz des Filmmuseums.

Wird es schwierig sein für Sie als Amerikanerin, die gerade erst Deutsch lernt, sich in die deutschen Verwaltungsstrukturen einzufinden? Es hat bereits mehrere nichtdeutsche Institutsleiter in Frankfurt gegeben, die Schwierigkeiten hatten mit den überkomplizierten Haushaltsvorgaben, Arbeitsschutzgesetzen, Mitbestimmungsformen und Aufsichtsgremien. Allerdings meistens deshalb, weil das Geld zum Problem geworden war.

HARRINGTON: Die Finanzen sind immer ein Thema. Der große Vorteil in Deutschland ist die gute Förderung und Finanzierung, als Mischung aus öffentlich und privat. Die Stadt Frankfurt unterstützt uns sehr, Bund und Land leisten einen großen Beitrag, und es gibt viele andere Förderer. Aber natürlich müssen wir die Förderung weiter ausbauen und an kreativen Lösungen arbeiten. Glücklicherweise habe ich hier auch einen großartigen Mitarbeiterstab mit langjähriger Verwaltungserfahrung. Ich bin also nicht auf mich allein gestellt, was die Kontakte zu den Förderern angeht. Claudia Dillmann hatte da ein sehr gutes Händchen, und ich denke doch, dass ich an die guten Beziehungen anknüpfen kann.

Die Oscar-Verleihung am 4. März rückt näher, diesmal könnte sogar ein deutscher Film im Rennen sein – Fatih Akin hat schließlich gerade mit „Aus dem Nichts“ den Golden Globe für den besten nicht-englischsprachigen Film gewonnen. Wird es im Filmmuseum wieder die übliche Oscar-Nacht geben? Sie kommen ja aus der Stadt der Oscars.

HARRINGTON: Ja, wir werden wieder eine Oscar-Nacht haben. Sie wird ein bisschen anders sein als bisher. Wir haben ein paar Überraschungen vorbereitet und bieten mehrere Orte an, wo die Gäste die Verleihung verfolgen können, um so dazu anzuregen, im Haus herumzuflanieren und Leute zu treffen. Es wird toll, ein schöner Anlass, um die ganze Nacht im Museum zu verbringen, sich schick anzuziehen und einen glamourösen Abend zu verbringen. Das ist doch etwas ganz anderes, als zu Hause im Schlafanzug auf der Couch die Verleihung im Fernsehen zu sehen.

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