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Ob Lyrik oder Roman: Wir lesen und genießen. Was die Sprache mit uns macht, wie sie unsere Wahrnehmung beeinflusst, ja sogar, welche Areale unseres Gehirns besonders intensiv auf Reime oder Kadenzen reagieren ? all das lässt sich präzise beobachten und auswerten.

Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik

Forscher in Frankfurt messen, wie Kunst im Gehirn wirkt

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Mitten in Frankfurt wird untersucht, was mit uns geschieht, wenn wir Verse, Rhythmen und Reime hören. Und warum wir immer wieder an den gleichen Stellen weinen.

Und plötzlich werden die Augen feucht. Traurig sind wir. Ergriffen. Etwas berührt uns. Ein Wort, ein Vers, eine Szene, und die Welt erscheint uns in anderem Licht. Aber warum nur? Dass „Romeo und Julia“ kein gutes Ende nehmen, dass die „Titanic“ untergeht, wissen wir doch schon vorher. Und dennoch: Sitzen wir im Theater, sehen wir einen Film, hören wir ein Gedicht, gehen uns die Augen über, oft jedes Mal. Wir können nichts dagegen tun.

Das Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik, im Herbst 2015 gegründet, will ganz genau wissen, was mit uns geschieht, wenn wir Kunst wahrnehmen. Untergekommen ist es für die ersten Jahre in den schönen Räumen der ehemaligen Banque Paribas im Frankfurter Grüneburgweg. Für 2020 ungefähr ist der Umzug auf den geplanten Kulturcampus in Bockenheim geplant. Das philologische Besteck legen die Grundlagenforscher komplett beiseite. Stattdessen holen sie Sonden, Elektroden und Hochleistungskameras hervor – High Tech, für viele Texttüftler alter Schule ein Graus und eine Provokation. Den Forschern schlug aus der Fachwelt nicht wenig Spott entgegen. Kein Wunder.

Was ist schön? Spannend? Bewegend? Um das zu erfahren, beugen sich die Grundlagenforscher im Max-Planck-Institut nicht über Goethe, Rilke & Co, sondern kleben Sensoren auf Fingerspitzen. Setzen Menschen Kappen mit dreißig oder sechzig Elektroden auf den Kopf, messen Hirnströme, Hautleitwiderstand, Pupillenbewegungen und Puls.

Eine Abteilung für Musik gibt es, eine für Neurowissenschaften und eine für Sprache und Literatur. Letztere leitet Winfried Menninghaus. Das ist bemerkenswert, weil er selber der Philologenzunft entstammt und unter Literaturwissenschaftlern einen Ruf genießt, den man durchaus legendär nennen darf. Fast ein Vierteljahrhundert wirkte er als Professor am kleinen, aber immens frequentierten Institut für vergleichende Literaturwissenschaft in Berlin. Er schrieb Bücher über Paul Celan und Friedrich Hölderlin, an denen keiner vorbeikommt, der sich mit diesen oft sehr hermetischen Dichtern beschäftigt. In Yale und auch in Princeton lehrte Menninghaus. Und ließ all dies schließlich hinter sich, um sich den „Sciences“ zuzuwenden, wie er sagt, und mit naturwissenschaftlichen Methoden zu erforschen, was in uns vorgeht, wenn etwas in uns vorgeht. Eine andere Welt.

Menninghaus gehört nicht zu jenem Typus von Philologen, die in Schockstarre fallen, sobald sie eine Rechenformel sehen. Der 1952 Geborene brillierte schon in der Schule in Mathematik. Das Studium ließ er jedoch bald sein, es langweilte ihn. Doch Genauigkeit und analytischen Zugriff schätzt er noch immer. Behaupten kann jeder, beweisen ist schwer.

Präzision statt Palaver: Damit passt Winfried Menninghaus gut ins elaborierte Umfeld der MPI-Wissenschaftler, die in Instituten in ganz Deutschland Grundlagenforschung treiben. Zehn bis zwölf Mitarbeiter hat jede Forschungsgruppe im Max-Planck-Institut. Schon jetzt ist die Liste der wissenschaftlichen Publikationen aus der Frankfurter Neugründung beeindruckend.

Schon Aristoteles stellte in seiner „Poetik“ Vermutungen über die sprachliche Form und ihre Wirkung an. Doch wie genau Emotionen geweckt werden, blieb terra incognita – jahrtausendelang. Erst die modernen Neurowissenschaften haben es möglich gemacht, den Menschen beim Denken und Fühlen in die Köpfe zu schauen. Denn die Forscher wollen es ganz genau wissen: Warum sind wir von einem Kunstwerk bewegt oder berührt oder erschüttert? Und warum beschäftigen wir uns freiwillig mit tragischen Geschichten? Die Ergebnisse der neuropsychologischen Wirkungsforschung sind durchaus handfest: Traurige Gefühle, konnten Menninghaus und sein Team zeigen, wirken intensiver als positive, unterliegen einem „geringeren Verschleiß“ und bleiben deswegen „stärker in der Erinnerung verankert“. „Wer Probanden ihre Lieblingsgedichte vorliest, kann all das empirisch nachweisen.“ Spricht’s, springt auf zu seinem Computer, fährt eine Datei hoch: Eine Stimme liest ein Gedicht, parallel visualisiert eine Grafik die Ausschläge des Gehirns. Bei welchem Wort, welchem Rhythmus, welchem Reim reagiert welche Hirnregion wie stark? „Poesie greift tief in den Körper ein“, sagt Menninghaus.

Doch was heißt das überhaupt: traurig oder fröhlich? In weiteren Studien gehen Menninghaus und seine Mitarbeiter den Gefühlen wortwörtlich auf den Grund und entwickelten eine ästhetische Gefühlsskala. Bislang umfasst sie 42 Merkmale. Was man gern traurige Filme, traurige Gedichte und traurige Musik nennt, evoziert in Wahrheit nicht nur Traurigkeit, sondern eine Überblendung von Traurigkeit und emotionalem Bewegtsein, haben Menninghaus und sein Team nachweisen können. Und dieses Bewegtsein ist es letztlich, das die Leser oder Hörer eines Gedichts mögen. „Die Energie der Traurigkeit führt es einem überwiegend positiven Gefühl zu“, sagt Winfried Menninghaus.

Schon die Ankündigung, sie würden nun einen Vers hören, versetzt Probanden in eine – messbare – lyrische Stimmung, haben die MPI-Forscher zeigen können: „Bevor das erste Wort gelesen wird, hat sich das Gehirn in einen anderen Schwingungsmodus versetzt.“

Sehr präzise lässt sich auch nachweisen, wie Rhythmus und Reime wirken, bei welchen Elementen eines Gedichts das menschliche Hirn besonders intensiv reagiert. Wie tief atmen wir, wann richten sich die Härchen am Oberarm auf? Ein Projekt: die stark rhythmisierte Sprache Heinrich von Kleists zu untersuchen. Was macht der Kleist-Sound mit uns? Dazu setzt man Probanden zwei Varianten aus: dem Originaltext und einer inhaltlich identischen Version, aber ohne den spezifischen Kleist’schen Rhythmus, und vergleicht die Reaktionen.

Es gibt für solche Experimente spezielle Labore: eines für EEG-Studien, ein anderes, um Augenbewegungen beim Lesen zu messen (Eye-Tracking). Die Krönung des Instituts ist jedoch das „ArtLab“: ein Raum mit Bühne für bis zu 40 Zuschauer. Während die einer Musik- oder Theateraufführung beiwohnen, werden sie mit Pulsmessgeräten und Sonden verkabelt und mit Tablets ausgestattet. Nebenan im Regieraum vermessen Mitarbeiter mit Nachtsichtkameras und unzähligen einlaufenden Messdaten die Reaktionen während einer Aufführung exakt. Ein Künstler steht auf der Bühne, führt Kurt Schwitters’ dadaistische Ursonate auf. Die Forscher sammeln abertausende Daten dazu: Wer reagiert an welchen Stellen? Gibt es gruppendynamische Prozesse? Geradezu gespenstisch wirkt es, wenn studentische Hilfskräfte mitten in der Aufführung wie von Zauberkräften gelenkt im Vorführraum umherhuschen, um eine lose Sonde an einem Zuschauerohr in Reihe zwei wieder zu befestigen.

Um Kunst zu verstehen, braucht es einen sehr genauen Blick. Den philologischen Umgang mit Texten, ihre akribische Deutung und Einordnung praktizieren die Menschen seit Jahrhunderten. Doch erst die präzise Vermessung Bewusstseins, wenn wir Shakespeares „König Lear“ sehen oder ein Musikstück hören oder ein Gedicht von Georg Trakl lesen, gibt uns ein ganzes Bild davon, was Kunst eigentlich ist und bedeutet. Das können Literaturwissenschaftler nur gemeinsam mit Psychologen und Neurowissenschaftlern herausfinden.

Zu erforschen, wie Kunst wirkt, ist ein wichtiger Baustein, um zu verstehen, was den Mensch zum Menschen macht. Werden Poeten also künftig auf die Wirkungsforschung im MPI schielen? Werden sie sagen: Hier soll die Wirkung am stärksten sein, also sollte ich, um diesen oder jenen Gefühlszustand auszulösen, gemäß der Menninghaus’schen Emotionsskala ins jambische Versmaß wechseln? Der Literaturprofessor winkt leger ab. Weder Dichtung noch Menschen funktionieren wie Computer, keiner weiß das besser als der Mathe-Überflieger, der dann lieber etwas Spannendes machen wollte. Im Grunde ist es das alte Paradox: Die Wissenschaft entzaubert die intimsten Geheimnisse des Menschen. Was Leben, Liebe und Literatur aber umso zauberhafter macht.

Wer gern einmal an einer Online-Studie des MPI für empirische Ästhetik teilnehmen möchte, kann das tun unter . Wer bei Studien im Institut mitmachen möchte, kann sich online anmelden unter . Dort den Karteireiter "Für Studienteilnehmer/innen" wählen und Formular ausfüllen.

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