+
Schriftstellerin Fatma Aydemir findet, die Heimat Deutschland ist ein Albtraum.

Manifest „Eure Heimat ist unser Albtraum“

Schriftstellerin Fatma Aydemir: Die Heimat Deutschland ist ein Albtraum

  • schließen

Macht die deutsche Mehrheitsgesellschaft Migranten und Minderheiten das Leben zur Hölle? Die Publizistinnen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah liefern einen aggressiven Beitrag, der niemandem nützt.

Frankfurt - Das Unbehagen beginnt schon im Titel. Und es wird größer und bedrückender, je genauer man hinsieht. „Heimat ist Albtraum“ steht auf dem hellvioletten Buchumschlag in schwarzen Lettern. Das könnte Satire sein, auf einen ironisch verspielten, polemisch herausfordernden, womöglich humoristischen Beitrag zu immerhin häufig gestellten Fragen hindeuten: Was verstehen wir heute – in einer globalisierten Welt – unter Heimat? Was suchen wir, wenn wir uns der Bedeutung von Heimat vergewissern wollen? In einem Zeitalter unbegrenzter Datenströme und durchlässiger Kommunikationskanäle – kann es da etwas wie Heimat überhaupt noch geben, gebunden an einen konkreten Ort, eine Lebenswelt, eine Gemeinschaft von Menschen?

Stellt man den Blick scharf und liest mit, was in den helllila Hintergrund noch eingeprägt ist, versteht man besser: „Eure Heimat ist unser Albtraum“ steht da. Jetzt ist klar: Schluss mit lustig. Es wird ernst.

Aggressives, provozierendens Manifest

„Eure Heimat ist unser Albtraum“: Damit ist eine Differenz markiert, ein Abgrund, der die einen von den anderen trennt. Der Satz ist eine Konfrontation und ein Frontalangriff. Er enthält Anklage und Schuldspruch: „Ihr habt das Leben, in dem Ihr Euch zu Hause fühlt, so eingerichtet, dass es für uns ein Schrecken ist, eine Qual, ein Horror“, sagt er. Es schwingt der Vorwurf mit: „Ihr seid verantwortlich, dass wir nicht glücklich sein können. Wir sind anders, aber Ihr lasst uns nicht froh werden.“ Wer in einem Albtraum lebt, aus dem er nicht erwachen darf, dem ist das Schlimmste widerfahren. Wer möchte, wer kann so leben?

Die Schriftstellerin Fatma Aydemir („Ellbogen“), vor 33 Jahren in Karlsruhe geboren, und Hengameh Yaghoobifarah, 1991 in Kiel zur Welt gekommene „deutsch-iranische_r freie_r Redakteur_in“ (Klappentext), die/der sich keinem Geschlecht zugehörig fühlt, haben Texte von in Deutschland geborenen, aufgewachsenen, lebenden Autoren „mit Migrationshintergrund“ zu einem aggressiven, provozierenden Manifest gebündelt. In knapp vier Wochen hat das krause Pamphlet drei Auflagen erreicht. Auf der Leipziger Buchmesse wurde es gerade kontrovers diskutiert. Es zeigt, dass man sich besser keine Illusionen machen sollte über die Möglichkeit einer gemeinsam und guten Willens gestalteten „Heimat“ – jedenfalls, wenn man diese Beiträge aus dem überwiegend akademisch-publizistischen Milieu zugrunde legt. Im Vorwort bereits verstört die von Aydemir und Yaghoobifarah vorgetragene steile These, „Heimat“ sei in Deutschland nie ein „realer Ort“ gewesen, sondern immer schon Sehnsucht nach dem Ideal „einer homogenen, christlichen weißen Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, Frauen sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern und andere Lebensrealitäten nicht vorkommen“. Jenen werde seit Jahrzehnten von Rechtspopulisten die „Existenzberechtigung“ abgesprochen, die diesem Ideal nicht entsprächen. Selbst der geneigte Leser fragt sich an dieser Stelle bereits, in welchem Land er selbst aufgewachsen sei.

Erst einmal in Fahrt, geht es mit mitleidloser Härte weiter: „Heimat“ sei hierzulande ein „integraler Teil der faschistischen Ideologie und somit kaum ohne Zusammenhang zur Shoah denkbar“. Ist also, wer über „Heimat“ auch nur nachdenkt, bereits ein potenzieller Massenmörder? Unterschiedslos werden NPD, AfD, „Heimatminister“ Horst Seehofer, heterosexuelle, hellhäutige „Personen“ zu Agenten eines „hegemonialen Zweigeschlechtersystems“. Alles kulminiert in der absoluten Forderung, sich hier und jetzt existenziell entscheiden zu müssen: „Will ich in einer Gesellschaft leben, die sich an völkischen Idealen sowie rassistischen, antisemitischen, sexistischen, heteronormativen und transfeindlichen Strukturen orientiert?“

Obskures Gebräu

Man könnte über dieses Manifest wie über einen missglückten Versuch hinwegsehen, sich vernehmlich in die politische Debatte zu mischen, wäre es in seinem kruden Irrationalismus nicht typisch für die Art und Weise, wie die Mehrheitsgesellschaft heute von selbstgerecht auftretenden Minderheiten denunziert, moralisch unter Druck gesetzt und mundtot gemacht wird. Es lässt sich an diesem Buch in seltener Klarheit studieren, wie das Gefühl subjektiver Kränkung in Ressentiment und blindwütige Totalverdammung umschlägt. Der unbedingte Anspruch auf Anerkennung der eigenen Identität produziert genau die Haltung, gegen die er sich doch zu richten vorgibt: dem anderen die Existenzberechtigung abzusprechen, sich selbst aber zum unerschütterlichen Hüter der wahren Gesinnung zu erklären.

Das von Aydemir und Yaghoobifarah mit Beiträgen etwa von Olga Grjasnowa, Sasha Marianna Salzmann, Nadia Shehadeh oder Margarete Stokowski herausgegebene Buch bedient sich der vor allem in den Sozialen Medien erfolgreichen Strategie, alles in eins zu werfen, sich in der Blase Gleichgesinnter einen gemeinsamen Feind zu erfinden und Widerspruch stets als falsches Bewusstsein zu diskreditieren. Jenseits stringenter Logik, in einem wilden, oft völlig ungebändigten Assoziieren mischen sich haltlose Verschwörungstheorien, verabsolutierte eigene Erfahrungen und beliebiges Meinen zu einem obskuren Gedankengebräu. Genderthemen verbinden sich heillos mit sozialen Fragen, Sexualität mit Herkunft, Rasse mit Nationalismus. Über allem steht eine diffuse Utopie absolut entgrenzter Diversität.

Deutscher Burnout

Deutsche „Dominanzkultur“ wird mit den schlichtesten Klischees beschrieben. Wo die Autoren Vorurteile angeblich dekonstruieren wollen, setzen sie selbst die primitivsten in die Welt. Was soll man von der Diagnose halten, es gebe in Deutschland niemanden, der so hart arbeite wie „Migrant_innen“, an Burnout litten aber nur die Deutschen? Oder von dem Befund, während „überwiegende Teile der Wohlstandsgesellschaft ab den Sechzigern Minigolf spielte und schicke Autos fuhr“, hätten die Gastarbeiter aus Südeuropa unter „unwürdigen Bedingungen“ in Fabriken geschuftet, „um diesen Wohlstand zu generieren“?

Kaum ein Beitrag von „Heimat ist Albtraum“ erreicht ein diskutables Niveau. In der Stadt Horkheimers, Adornos und Habermas’, an der Wiege der „Frankfurter Schule“, in der liberalen Goethe-Stadt Frankfurt liest man dergleichen Texte mit Entsetzen. Wie ist es möglich, derart hinter einmal gesetzte Standards aufgeklärten und vernünftigen Denkens zurückzufallen? Was hat sich der Ullstein-Verlag dabei gedacht, ein derart unwürdiges reaktionäres Pamphlet auf den Markt zu bringen? Es erweist weder den Autoren einen Dienst noch ihren Feinden. Man muss sagen: Solche Bücher hat niemand verdient.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare