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Bassist Stephan Weidner (links) und Sänger Kevin Russell hoch über dem Publikum auf der Bühne im Frankfurter Waldstadion. Moses Pelham, der Rödelheimer Rapper und Träger der Goethe-Plakette, hatte einen kurzen Gastauftritt.

Rockkonzert

Frankfurter Band "Böhse Onkelz" tritt zum ersten Mal im Waldstadion auf

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Der Abend war sofort ausverkauft. „Nichten und Neffen“ versammelten sich in der Commerzbank-Arena, um eine Band zu feiern, die seit 38 Jahren gegen ihr Image anspielt. Warum?

Noch nie war ich auf einem „Onkelz“-Konzert. Warum gehst du da hin? Das ist doch Höchststrafe?! Warum dürfen die überhaupt dort spielen? Die Antwort könnte lauten: Warum denn nicht? Aber so einfach ist es nicht. Deshalb bin ich da.

Am Frankfurter Schauspiel hat der Regisseur Armin Petras für eine Inszenierung einmal den „Onkelz“-Song „Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt“ benutzt. Der ist besser als alles, was den „Toten Hosen“, Westernhagen oder Grönemeyer je gelungen ist. Er war zumindest besser als der Theaterabend. Auch wegen dieses großartigen Liedes bin ich da.

„Frankfurts ganzer Stolz – für immer Onkelz“ steht auf einem Spruchband. Schwarzweiße Fähnchen wedeln. Sebastian (35) ist schon seit Stunden in der Arena. Er ist aus Bielefeld angereist. Er hat „Onkelz“ schon als Kind gehört, obwohl sein Vater immer gewarnt hat. Zwanzig „BO“-Konzerte hat er auf dem Buckel. Er war in Dortmund, beim Abschiedskonzert 2005 auf dem Lausitzring (mit „Motörhead“ im Vorprogramm) und neun Jahre später bei der Rückkehr am Hockenheimring mit 200 000 Besuchern an zwei Tagen. Vor drei Jahren ist seine Freundin an Krebs gestorben. Die Songs der „Onkelz“ haben sie bis zuletzt begleitet. Sebastian auch danach: „Da waren alle Gefühle beschrieben“, sagt er. Er ist da, weil die Band heute in ihrer Heimatstadt spielt: „Das ist was Besonderes.“

Über die „Onkelz“ weiß er alles. Wie sie sich gründeten in den 80ern aus dem Punk. Frankfurter Berg. Bockenheim. Songs gegen Türken. Wut. Hass. Rechte Skinhead-Szene. Drastische Gewalt in den Texten: „Der nette Mann“ (1984) – eine grässliche Blutfantasie, lange vor „Rammstein“. Das Stück steht bis heute auf dem Index. Damals waren Kevin Russell, Stephan Weidner, Matthias Röhr und Peter Schorowsky kaum zwanzig. Den Ruf, rechts zu sein, wurden sie nicht mehr los, trotz aller Distanzierungen. Radio- und TV-Sender boykottierten die Band. Kritiker drückten Verachtung aus. Der Publikumserfolg kam trotzdem. Die Drogen- und Alkoholprobleme des Sängers Kevin Russell sprengen schließlich die Band. 2009 die grausige Unfallfahrt des Sängers im Drogenrausch: Zwei Schwerverletzte, die bis heute unter den Folgen leiden. Unfallflucht. Russell muss für mehr als zwei Jahre ins Gefängnis. Therapie. 2014 dann die Wiedervereinigung „Jeder hier im Stadion hat etwas erlebt, bei dem ihm die Songs der ,Onkelz’ geholfen haben, vom Zahnarzt bis zum Fließbandarbeiter“, glaubt Sebastian.

Im Publikum – viele wohl schon in den 80ern dabei – tragen sie Tätowierungen, schwarze T-Shirts mit unzähligen Variationen des Band-Logos, Wölfe, Adler: „Nichts ist für die Ewigkeit“, „Die Besten sterben jung“. Und das spielen sie dann auch oben auf der Bühne: die „Heiligen Lieder“ der „Onkelz“ – „Die Stunde des Siegers“, „Stand der Dinge“, „Ich trinke auf gute Freunde“, die „Könige für einen Tag“. Denn das wollen sie alle sein.

Die Texte erzählen von der Suche nach Sinn, von Einsamkeit, Frust und Leere. Davon, wie es ist, ganz unten zu sein. Von Abgründen und Fluchten, von Verlierern, toten Göttern und neuen Aufbrüchen, aber auch von Gemeinschaft und Zusammenhalt. Da steckt viel existenzielles Pathos drin, die Gier, etwas Einmaliges aus dem Leben herauszuholen, aber auch die Enttäuschung, wieder einen Tag verloren zu haben. Immer wieder kreisen die Stücke um Fragen, die viele sich als junge Menschen stellen. Und 38 Jahre später noch immer nicht beantworten können.

Die Songs sind hart, schnell, klingen manchmal nach Rock ’n’ Roll, manchmal nach Metal-, manchmal nach Countryband. Oder nach einem Schlager aus der Apfelweinwirtschaft. Gitarrist Matthias Röhr lässt es krachen, auch wenn die Töne nicht immer sitzen. Russell kann mitunter pausieren, weil die Fans „Oh wie ist das schön“ anstimmen. Und Weidner erzählt von der Zeit, da er als Elfjähriger mit anderen Kindern im Stadion das WM-Logo auf dem Rasen nachstellte. Überhaupt hat der Auftritt manches von einem Eintracht-Heimspiel. Nur, dass sie hier unten Pogo tanzen und oben bis zur Erschöpfung Luftgitarre spielen. Als das Konzert nach drei Stunden mit „Erinnerung“ endet, haben die meisten so viel Bier getrunken, dass es Zeit ist fürs Bett. Ein bisschen wirkt das Ganze wie ein Vereinsfest: Geselligkeit, Lebenshilfe und Austoben.

Vielleicht das stärkste Stück des Abends ist „Der Platz neben mir“. Es erinnert an den Freund „Trimmi“, der in den 90er Jahren in Sachsenhausen erstochen wurde. Röhr gelingt ein herzzerreißendes Trauersolo. Wahrscheinlich ist es das: Die Songs sind erlebt, sie haben die Wucht der Erfahrung, im Guten wie im Schlechten und politisch Unkorrekten. Sie scheinen echt, auf verstörende Weise wahr. „Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt“ haben sie nicht gespielt. Ich würde immer wiederkommen. Ich will es einmal live erleben. Eine rechte Band habe ich nicht gehört. Nazis habe ich nicht gesehen. Aber Sebastian. Ein guter Abend.

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