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Frankfurter Fallen in Fürstenfelde

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Von: Dierk Wolters

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"Fallensteller" heißt sein neues Buch. Der fabulierfreudige Schriftsteller betrachtet darin die Dinge gern einmal andersherum als gewöhnlich.

Auf seinen Lesungen lachen die Leute gern. Das liegt daran, dass Sa?a Stani?ic lustig ist. Er lacht auch selber gern. Hören kann man das in der Hörbuch-Version seines Erzählbandes, mit dem man sich weit müheloser in den durchaus seltsamen und dann wieder ganz normalen Stani?ic-Kosmos hineingleiten lassen kann als mit dem gedruckten Buch (Der Hörverlag, 4 CDs, 19,99 Euro). Dass liegt daran, dass der Autor, der als Kind mit seinen Eltern aus Bosnien-Herzegowina nach Deutschland floh, ein fantastisch entspannter Sprecher seiner eigenen Texte ist. Und einen mit dem hörbaren Vergnügen, das ihm seine eigenen Texte bereiten, über manche sperrige Passage locker hinweghilft.

Übermütige Hüpfer

Aber wieso sperrig, wenn es doch so amüsant ist? Bei Sa?a Stani?ic ist das kein Widerspruch. Man muss nämlich sehr wach sein, wenn man seinen übermütigen Erzählsprüngen folgen will: muss quasi selber dauernd bereit sein zu den verrücktesten Hüpfern, und gleichzeitig aufpassen, dass man die Sanftheit seiner Sprache, die Feinheit und Zartheit mancher Beobachtung nicht verpasst. Sa?a Stani?ic zu lesen ist ein bisschen so, als tolle man übermütig mit einem Kind oder einem Hund auf einer Wiese umher, und wolle gleichzeitig die Blumen um einen herum in ihrer ganzen Pracht würdigen.

Überhaupt scheint Stani?ic kein Mensch der Widersprüche zu sein: Es ist, als erzähle er einfach drauflos, und doch ist alles sehr fein komponiert. Manchmal wirkt es, als taumele er von Assoziation zu Assoziation, und doch hat er alle Erzählfäden fest in der Hand. Er ist ein liebenswürdiger Menschenbeschreiber, der mit seinem Charme alle in den Bann zieht, und weiß doch sehr genau um die unliebenswürdigen Ecken im zwischenmenschlichen Beziehungskosmos.

Worum es geht in seinen Erzählungen, lässt sich nicht immer leicht sagen. In der längsten von allen, „Fallensteller“, kehrt er zurück ins herrlich kauzige und zugleich deutsch-normale uckermärkische Dorf Fürstenfelde, in dem schon sein Roman „Vor dem Fest“ spielt. In dieses Dorf stolpert eines Tages einer, der Ratten fangen kann und merkwürdige Fallen bei sich trägt. Fast wäre einer über den Typ, der aussieht wie ein „Asi“, mit seinem Auto rübergebrettert. Dann aber ist der Fahrer ausgewichen, hat sein Auto im See versenkt (nicht das erste übrigens), und der Fallensteller ist da, übrigens inspiriert von Andreas Slominski, jenem skurrilen Fallenkünstler, der zu den zentralen Künstlern des Frankfurter Museums für Moderne Kunst zählt. Von seinen Werken hatte sich Stani?ic einmal für eine Lesereihe des hiesigen Literaturhauses inspirieren lassen.

Jetzt also lebt das Dorf wieder auf, die literarische Adelung des fast mit dem Leipziger Buchpreis gekürten Romans „Vor dem Fest“ ist seinen Bewohnern Last und Lust zugleich: Trinkt man in der Garage gerade gemütlich ’ne Molle, kommt ein Lesezirkel aus Lübeck hereingelatscht. Aber außer dem Fallensteller, dessen Fallen stets anders funktionieren, als alle denken, kommen weitere Unbekannte: Wölfe zum Beispiel! Und Asylanten! Und Liebe und Eifersucht kehren zurück. Chaos also in vielerlei Hinsicht.

Man kann viel erleben in diesem Buch: etwa nach Island reisen und dort Elfriede Jelinek begegnen. Oder mit einem leitenden Angestellten in einem Flugzeug neben einem Japaner sitzen, der nicht mit einem spricht. Nicht in jeder der Geschichten, aber doch in vielen, taucht „der Jugo“, der Schriftsteller, der ja selber, wie man heute sagt, eine Fluchtgeschichte hat, persönlich auf. Und in der letzten, vielleicht autobiografischsten, „In diesem Gewässer versinkt alles“, heißt es: „Meine Erinnerungen sind bisher gut umgegangen mit mir, die bitteren blieben folgenlos, glaube ich.“ Das ist sie wieder, Stani?ics verquer-nonchalante Art, die Sachen einfach mal umzudrehen und sie dadurch auf ganz besonders scharfe und unvergessliche Weise in Augenschein zu nehmen. Bringt der Fallensteller wirklich Chaos? Oder ist das Dorf vielleicht längst schon chaotisch, und der Fremde macht dies mit seinen Fallen, welcher Art auch immer, erst sichtbar?

Der Jugo ist ein Kauz

Man darf annehmen, dass uns Stani?ic mit seinem Frankfurt-inspirierten Fallensteller auch sein Selbstverständnis als Schriftsteller schildert. Immer ein Fremder und doch gern als Gast gesehen, wirbelt er Dinge durcheinander, die oft unverrückbar scheinen und doch nur zufällig sind. Er hebt sie hoch, spielt mit ihnen und kann letztlich nichts ganz ernst nehmen – am allerwenigsten übrigens sich selbst. Das Ergebnis sind Texte voller Fantasie und kauzigen Humors, von einem intensiven Glauben an gar nichts – außer an den Moment, in dem etwas geschieht. Und den es zu beschreiben gilt.

Am 9. Juni, 19.30 Uhr im Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2. Eintritt: 9 Euro

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