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Diese Fünftklässler der Hostatoschule machen bei dem Projekt mit: Andreas, Hodan, Gökdeniz und Beritan (v.l.n.r.) engagieren sich.

„Der kleine dicke Ritter“

Höchster Schüler machen Theater am Schauspiel Frankfurt

Fünftklässler von der Hostato-Hauptschule in Höchst drehen mit dem Schauspiel Frankfurt einen Bühnenbildfilm als Hintergrund für eine Theateraufführung. Darin spielen sie Kindersoldaten und Freiheitstänzer. Ein Besuch bei der Probe beweist: Nicht nur die Kinder geben alles. Auch das Theater-Team von Robert Bolts „Der kleine dicke Ritter“ arbeitet hochkonzentriert.

"Drei, zwo, eins . . . Action!“ Regisseur Fabian Gerhardt feuert die Kindergruppe an. Noch stehen sie ernst, mit bedrücktem Gesicht und gefangen in ihren Uniformen vor einer Wand aus Grün. Da hämmert Komponist Burkhard Niggemeier in die Tasten des Proben-Flügels, und auf Kommando beginnen die elf Mädchen und Jungen zu lachen und zu tanzen – als gelte es das Leben. Sie schälen sich aus ihrem tristen Einheitslook, lockern Krawatten, johlen, kreischen, schmeißen Jacken, Hemden und Mützen in die Luft und drehen sich befreit im Kreis. Ein Junge mit Sturmfrisur in der ersten Reihe macht spontan Purzelbäume, ein anderer versucht mutig, ein Rad zu schlagen, das geht aber schief, und am Ende liegen einige platt am Boden, völlig verausgabt und japsend vor Lachen.

Zwerchfellattacken

Auf Kommando johlen, kreischen und Jacken in die Luft schmeißen – all das gehört zum Schauspielen dazu. Videokünstler Vincent Stefan nimmt die Schüler auf. Fotos: Michael Faust

Unwillkürlich müssen auch viele Macher im Halbdunkel der Probebühne des Schauspiels Frankfurt in der Schielestraße mitlachen. Einer, der die Zwerchfellattacken unbedingt im Griff haben muss, ist Vincent Stefan. Versucht er doch mit seiner Videokamera, alle durcheinander springenden Tänzer aufzunehmen. Die jetzt gedrehten Szenen werden in der Premiere am 18. November im Frankfurter Schauspiel als Bühnenfilm zu sehen sein. Obwohl die Hauptschüler der Klasse 5b von der Hostatoschule in Höchst nicht als echte Komparsen auf der Bühne stehen werden, finden sie die Filmaufnahmen trotzdem toll. Viel cooler jedenfalls, als Mathe oder Deutsch zu büffeln.

„Es ist das große Finale, der Triumph des Guten über das Böse. Der Sieg des kleinen dicken Ritters über Baron Bulligrob“, erklärt die Regie. „Schließlich haben die Kinder der Insel unter dem bösen Baron lange in einer Art Nordkorea gelebt. Am Ende dürfen sie wieder ganz sie selbst sein.“ Ihr Gruppentanz „Zahnseide“, den sie dabei mit wippenden Hüften und unter hilflosem Giggeln vorführen, stammt aus dem Computerspiel „Fortnite“, das alle in ihrer Altersgruppe spielen. Gerhardt weiß, wie er seine jungen Schauspieler motivieren kann, mit der „Zahnseide“ loszulegen: „Wer von Euch hat Brackets? Smile“, provoziert er laut. Man merkt sofort: Hier stimmt die Chemie zwischen dem dynamischen Regisseur und den jungen Tänzern, denn sie wiegen sich sofort hin und her und schwenken die Arme, was das Zeug hält.

Infobox: Ursprünglich ein Hörspiel für die BBC

Ein besonders eifriger unter ihnen ist Gökdeniz, mit seinen zehn Jahren einer der jüngsten und kleinsten. Viermal war er mit seinen Eltern schon im Theater, sagt er so nah ins Mikro, dass die Stimme übersteuert. Seine Lieblingsfächer sind „Mathe, Deutsch, Sport, Gesellschaftslehre – also alles, sozu sagen.“ Und er malt gern. Ein Schwert hat er für das Bühnenbild mit Filzstiften auf ein DIN-A 4-Blatt gezeichnet. Denn Videokünstler Vincent Stefan zeigt nicht nur Tanz und Gesang der Kinder im Bühnenfilm, sondern auch ihre Malereien. Die dürfen sie mit jeder Farbe ausführen, nur nicht in Grün. „Wegen dem Greenscreen“, erklärt er, „sonst sieht man sie ja nicht im Film.“

Schreckliche Drachen

Die Werke der Fünftklässler werden die Schiffsüberfahrt des kleinen dicken Ritters Oblong bebildern, in der Premiere von Profi-Mime Christoph Pütthoff gespielt, und sein Anlegen auf der Insel Bulligrob. „Ich hab eine Meerjungfrau gemalt und sogar einen Meerjungmann“, sagt der elfjährige Andreas überraschend. Seine runden Augen leuchten aus seinem dunklen Gesicht besonders intensiv heraus, wie kleine Monde.

Diese Fünftklässler der Hostatoschule machen bei dem Projekt mit: Andreas, Hodan, Gökdeniz und Beritan (v.l.n.r.) engagieren sich.

Was halten sie vom Antihelden Oblong-Fitz-Oblong, dem tierlieben, molligen, aufrechten Ritter, der keiner Fliege was zuleide tun kann und trotzdem schreckliche Drachen und gemeine Barone erledigt? „Im echten Leben zweifle ich daran, dass so einer die Bösen besiegt“, schüttelt der 12-jährige Beritan den Kopf. „Ich denke schon“, hält die feingliedrige Hodan aus Somalia dagegen und lächelt siegessicher. Philipp Boos vom Schauspiel Frankfurt ist bereits vor einigen Wochen in die Hostatoschule gegangen und hat den Kindern das Theaterstück und die Bedeutung ihrer Zeichnungen erklärt. Er behält auch jetzt im Probengewusel den Überblick.

Zuerst müssen die elf Schüler als Soldaten die Nationalhymne von Bulligrob anstimmen: „O Baron, mein Herr und Hüter, bester Herrscher in der Welt,“ intonieren sie mit gesenkten Köpfen und erzwungener Demut. Dann streifen sie ihre Mönchskutten über und werden zu bedrohlichen Gefolgsleuten der fiesen Hexerin Moloch. Dann sind alle Aufnahmen für heute im Kasten.

Margarete Magiera freut sich, dass es ihren Schützlingen so viel Spaß macht, echte Theaterprobenluft zu schnuppern. Sie ist Pädagogin an der Hostatoschule und hat sich mit ihrer AG sofort für das Schauspiel-Projekt angemeldet: „Ich dachte mir: Diese neue fünfte Klasse mit ihrer ausgeprägten Begeisterung für die Bühne passt da genau.“

Stimmt. Die Ausgelassenheit im Raum ist mit Händen zu greifen. Der Regisseur Fabian Gerhardt bringt’s auf den Punkt: „Die Chance ist, dass wir eine positive Urerfahrung erschaffen. Kurz gesagt: Wenn die Kinder das richtig cool fanden, was wir hier machen, dann kommen sie wieder, wenn sie Erwachsene sind.“ Ein Blick in die Gesichter von Hodan, Beritan, von Andreas und Gökdeniz verrät, dass er und das Schauspiel Frankfurt bei den Vieren auf jeden Fall schwer gepunktet hat.

Schauspiel FrankfurtWilly-Brandt-Platz. Premiere 18. November, 16 Uhr. Vorstellungen bis 25. Dezember. Karten von 6 bis 19 Euro unter Telefon (069) 2124 94 94.

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