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Max Weinberg wurde 1928 in Kassel geboren, floh vor den Nationalsozialisten nach Palästina und kehrte 1959 nach Deutschland zurück.

Porträt

Der Frankfurter Künstler Max Weinberg malt gegen das Vergessen an

In der Oberfinanzdirektion ist dem Expressionisten nun eine Geburtstagsschau gewidmet. Sie zeigt Schreckensgestalten der Vergangenheit und Gegenwart.

Die Dame, welche die Ausstellungsbesucher empfängt, lächelt etwas schief. Kein Wunder, hat sie doch zwei Münder. Den Betrachter blickt sie aus fünf weit aufgerissenen Augen an. Ihre Haare sind knallig-pink, eine starke schwarze Kontur umfasst die Haarpracht. Die Dame trägt eine Art schwarzes Abendkleid, aus dem nicht weniger als fünf Brüste ragen. Das wunderliche Wesen hat der Frankfurter Künstler Max Weinberg gemalt. Das Bild, das „Empfangsdame“ heißt, ist in der Ausstellung „Monumente und Meilensteine eines Künstlerlebens“ in der Frankfurter Oberfinanzdirektion zu sehen. Die Schau versammelt Gemälde und Grafiken Weinbergs aus drei Jahrzehnten.

„Keep smiling“, kommentiert Max Weinberg das Porträt der schief lächelnden Dame. Im Januar feierte Weinberg seinen 90. Geburtstag. Das hohe Alter macht sich bemerkbar, sein markanter weißer Bart ist inzwischen schütter geworden. Und doch wirkt Weinberg wie gewohnt heiter und resolut. „Zwei paar Hosen und drei Pullis“, sagt er zu der Frage, wie er die frostige Kälte übersteht. Weinbergs Hose ist mit Farbtupfern übersät, sein Haar ist unter einer dicken Mütze versteckt. Aus der roten Daunenjacke lugt ein langer Schal hervor. Der in einem Frankfurter Altenheim lebende Künstler wird von Mitarbeitern und Weggefährten begleitet.

Selten war in den schwer zu bespielenden Räumen der Oberfinanzdirektion eine derart opulente Schau zu sehen. Es gibt kaum eine freie Wand. Im viel zu engen Flur wurde eine Serie aus sechs großformatigen Gemälden installiert. Dem Besucher fällt es schwer, sich auf die zunächst abstrakt wirkenden Bilder einzulassen, hat er doch kaum Platz, sie aus der Distanz zu betrachten. Zwangsläufig tritt man näher, und schon wimmelt es auf den Bildern von allerlei Menschen uneindeutigen Geschlechts, Fabelwesen und Monstern. Schnell offenbart sich die Drastik der Bilder, da werden Figuren aufgefressen und penetriert, da ist Gewalt, Sexualität und Energie. Die Höllenfantasien des niederländischen Malers Hieronymus Bosch kommen einem in den Sinn.

Max Weinberg collagiert seine Bildmotive. Er klebt viele kleine Zeichnungen auf die Leinwand, auch ausgedruckte Textseiten. Das Ganze übermalt er mit satten schwarzen, wabernden Pinselspuren, sprüht bisweilen auch Bauschaum auf die Leinwand, um das Bild in die dritte Dimension zu erweitern. Weinbergs Bilder sind überbordend. Kein Millimeter Leinwand bleibt weiß oder unbearbeitet. Es scheint, als wäre es sein künstlerisches Prinzip, keine Leere zuzulassen.

Den großen Sitzungssaal findet der Besucher voll möbliert vor. Unfreiwillig stellt sich die Frage, wie Weinbergs Bilder auf die dort tagenden Finanzbeamten wirken. Zum einen blicken sie auf ein fünfteiliges Gemälde im Panoramaformat. Auch hier waltet das Weinbergsche Bildpersonal, auch hier collagiert der Künstler diverse lose Blätter auf die Leinwand. Zudem fanden Stofffetzen und ein farbverschmiertes Handtuch Eingang ins Bild. Ebenfalls im Sitzungssaal sind, in drei Reihen gehängt, 39 Blätter zu sehen, Porträts von lauter außer- und überirdisch anmutenden Wesen. Ein Blatt von einem Schüler Weinbergs hat sich in die Hängung eingeschlichen.

Von bemerkenswerter Wucht sind zwei Gemälde Weinbergs, die in einer Ecke des Saals hängen. Tiefschwarze, einäugige Gestalten sind darauf zu sehen, beide mit einem Schwert bewaffnet. Ein abstrahiertes Hakenkreuz zeichnet sich auf den monströsen Gestalten ab. Bei näherem Hinsehen erkennt man auf beiden Bildern eine kleine pinkfarbene, hilflos wirkende Figur, die gegen die schwarzen Riesen zu kämpfen scheint. Es fließt Blut. Mit einfachen Mitteln zeigt Weinberg rohe Gewalt und macht zugleich seine jüdische Herkunft zum Thema. 1928 in Kassel geboren, floh Weinberg 1935 mit seiner Familie nach Palästina. Erst 1959 kehrte er nach Deutschland zurück.

„Mit dieser Arbeit wurde Max wieder figurativ“, erinnert sich Barbara Greul Aschanta, Künstlerin und langjährige Weggefährtin Weinbergs. „Die Vernichtung der Juden – Eine Auseinandersetzung“ heißt eine Wanderausstellung der beiden Künstlerfreunde, die 1986 ihren Ausgang nahm. Die Gemälde waren Teil der durch die gesamte Bundesrepublik tourenden Schau. Ende April macht sie während der „Frankfurter Immigrationsbuchmesse“ Station im Historischen Museum.

Um Max Weinberg hat sich unterdessen eine Menschentraube gebildet. Er signiert Ausstellungskataloge und diskutiert mit den Ausstellungsbesuchern. Weinberg zeigt sich geistesgegenwärtig und meinungsfreudig. Er kritisiert die Frankfurter Kulturpolitik, beklagt fehlende Ausstellungsmöglichkeiten für lokale Künstler. Wie seine Bilder ist Weinberg nicht zu übersehen und nicht zu überhören. „Bleiben Sie cool“, gibt er dem Reporter auf den Weg.

Max Weinberg – Monumente

Oberfinanzdirektion im Bürohaus Main Triangel, Zum Gottschalkhof 3, Frankfurt. Bis 20. April. Besichtigungszeiten täglich wechselnd, nach telefonischer Auskunft. Eintritt frei. Telefon (069) 58 30 30. Internet

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