Alle Kunst besteht aus Material

Frankfurter Kunstverein zeigt die Ausstellung "Rückbindung an Welt"

Das Haus für Avantgarde-Kunst am Römerberg zeigt drei Künstler, die ganz bewusst auf digitale Bearbeitungen ihrer Werke verzichten.

Betritt man dieser Tage den Frankfurter Kunstverein, empfängt den Besucher ein zarter, süßlicher Duft. Er entstammt drei großen, schwarzen Glaskästen, die mitten im Eingangsfoyer aufgestellt sind. Tagsüber wirken sie undurchsichtig und dunkel. Zum Abend hin enthüllen 4000 Watt starke Natriumdampflampen das Geheimnis der Kästen. Sie fungieren als Gewächshäuser und beherbergen einen Garten aus Nachtjasmin. Die Pflanze erblüht und verbreitet ihren Duft ausschließlich bei Dunkelheit. „Das Einzige, was ich gemacht habe, ist Nacht und Tag umzukehren“, sagt Hicham Berrada.

Der 1986 in Marokko geborene, in Paris lebende Künstler lässt die in Karibik und Zentralamerika beheimatete Pflanze also tagsüber blühen. Die Gewächshaus-Installation hat er „Mesk-ellil“ benannt, das ist der arabische Begriff für Nachtjasmin.

Berradas Kunst basiert auf naturwissenschaftlichen Recherchen. „Ich mag es, mit Wissenschaftlern zu arbeiten“, bekennt er. Auch die amerikanischen Künstler Lucy Dodd und Sam Falls schöpfen aus Natur und Wissenschaft. Die Schau mit dem etwas seltsamen Titel „Rückbindung an Welt“ bringt ihre Arbeiten zusammen.

Alle drei Künstler bewegten sich frei zwischen den Grenzen unterschiedlicher Disziplinen, sagt Kunstvereinsdirektorin Franziska Nori. Mit der Schau bleibt sie ihrem Faible für Grenzgänger zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik zwar treu. Es klingt jedoch ein weiterer Akzent an. Die Ausstellung sieht Nori als „Einladung, Kunst als Erweiterung des rein Rationalen zu lesen“.

Seine Arbeiten seien nicht wissenschaftlich, betont Hicham Berrada unterdessen. „Sie sind bloß malerisch“, stellt er klar. Im ersten Obergeschoss zeigt er mehrere Videoarbeiten. „Augures mathématiques“ heißt eine Fahrt durch eine digital generierte, rätselhafte Landschaft. Ist es eine Unterwasserwelt, vielleicht ein fremder Planet?

Die Landschaft resultiert aus einem mathematischen Prozess. Formeln generieren Formen. Der Besucher betritt nun einen in bläuliches Licht getauchten Raum. Ein Schaukasten steht dort, oder eher ein Aquarium? Darin erblickt man Bronzeobjekte, die wie fragile Artefakte einer fernen Vergangenheit anmuten. „Masse et Martyr“ heißt die Arbeit. Der Schaukasten ist mit Wasser gefüllt, die Bronzeobjekte sind im Wachsausschmelzungsverfahren entstanden. Berrada hat sie zudem unter Strom gesetzt, das lässt die Bronze zügig oxidieren. Bis zum Ende der Ausstellung würden die Skulpturen zur Hälfte verschwinden, kündigt der Künstler an.

Szenenwechsel: Grelles, künstliches Tageslicht. Die Wände sind steril-weiß gestrichen. Über 40 Arbeiten auf Papier, einige Leinwände und Objekte begegnen dem Betrachter. Die Bilder sind durchgehend quadratisch. Die 1981 geborene, in Kensington (New York) lebende Künstlerin Lucy Dodd versuche, ganzheitlich zu denken, erläutert Franziska Nori. Ihre Arbeiten sind allerdings alles andere als steril.

Auf den ersten Blick könnte Esoterikverdacht aufkommen. Zarte, wogende Formen und Farben prägen den Eindruck. Lucy Dodd arbeite ausschließlich mit natürlichen Pigmenten, erläutert Nori. Sie setze auch Lebensmittel als künstlerisches Material ein. Zeit für einen näheren Blick. Dodds Blätter vereinen gegenständliche Formfragmente mit der Kraft und Dynamik der Abstraktion. Tatsächlich setzt sie immer wieder reale Objekte ein. Auf den Blättern finden sich Haare und Sand, Stoff, Glasstücke und Federn.

Mitten im Raum steht ein Stuhl, der kaum noch als solcher zu erkennen ist. Er ist vollkommen bedeckt mit Baumwollschnüren, die sich immer weiter schlängeln, bis sich die eckig-funktionale Form des Sitzmöbels irgendwann fast völlig auflöst. Der Blick wandert dann auf ein monumentales, sonnengelb strahlendes Gemälde mit dem zweideutigen Titel „The Son“. Je nach Aussprache changiert der Bildtitel zwischen „Sohn“ und „Sonne“. Lucy Dodd verwendete neben Pigmenten auch unkonventionelle Materialien wie Zwiebelschalen und Urin.

Die Sonne ist für Sam Falls kein Bildmotiv, sondern künstlerisches Medium. 1984 geboren, studierte der Amerikaner erst Astrophysik und philosophische Logik, um sich später der Kunst zuzuwenden. Falls möchte Fotografie ohne jegliche Technik betreiben. Auch seinen eigenen künstlerischen Einfluss will er reduzieren: „Ich beseitige meine Handschrift, so sehr ich kann.“ So legte er eine lange, rote Polyesterstoffbahn für mehrere Monate in die pralle Sonne Kaliforniens. Den Stoff bedeckte Falls sporadisch mit Autoreifen, die er an der Peripherie von Los Angeles sammelte. Die weitgehend ausgeblichene, 21 Meter lange Stoffbahn hängt nun im Treppenhausfoyer. Vereinzelte tiefrote Abdrücke von Reifen sind deutlich zu sehen.

Weitere Arbeiten von Sam Falls sind im zweiten Obergeschoss zu besichtigen. So hat er mehrere mit Pigmenten bearbeitete Leinwände Regen und Wind ausgesetzt. Die Witterung, die Natur hat auch hier den Pinsel geführt. Die Ergebnisse sind ansehnlich. Bloß wird man das Gefühl nicht los, sie irgendwo anders schon einmal gesehen zu haben. Sam Falls’ Versuchsanordnungen wirken zaghaft, wenngleich sie sich in die Programmatik der Ausstellung fügen.

Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44. Geöffnet Di–So 11–19, Do bis 21 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare