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Sinan Aslan, Carolin Freund und Mathias Renneisen im Frankfurter Rémond-Theater.

Willkommen

Im Frankfurter Rémond-Theater hat die vergnüglich-hintersinnige WG-Komödie Premiere

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Stoff für Lacher und Diskussionen bietet die Komödie zum Thema Geflüchtete und Willkommenskultur von Lutz Hübner und Sarah Nemitz.

Bennys Ankündigung beim WG-Abendessen ist ein klarer Fall für den Notfall-Schampus! Denn darauf, dass er für ein Jahr als Dozent in die USA gehen wird, muss angestoßen werden. Doch bald zieht etwas Katerstimmung ein, wo gerade noch die Gläser freudig klirrten. Benny möchte sein Zimmer Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Das sorgt für Diskussionen, bei denen manch einer schon bald Gin (Tonic) braucht.

Fotografin Sophie findet Bennys Idee super – und wittert ganz nebenbei schon ein Kunstprojekt. Jonas ist eigentlich nicht abgeneigt. Allerdings steckt der zukünftige Banker gerade in Prüfungen. Da kann er den vermuteten Lärm einer syrischen Familie nicht gebrauchen. Doro ist klar dagegen, Fremde in den eigenen vier Wänden aufzunehmen. Und während sie sich noch rauchend abregt, verkündet Anna, dass sie schwanger ist. Freund und Vater des Lebens in ihrem Bauch ist übrigens ein Türke, der später auch noch aufkreuzt und eine ganz eigene Sicht auf alles hat.

Aus Fleisch und Blut

Wer am Ende in dem Zimmer des ebenso wirklichkeitsnahen wie turbulenten und munter mit Klischees jonglierenden Stücks willkommen geheißen wird, soll hier nicht verraten werden. Was aber verraten werden darf: Auch wenn sich der Inhalt nach Debattentheater anhört, „Willkommen“ ist es nicht. Lutz Hübner zählt zu den meistgespielten Autoren auf deutschsprachigen Bühnen. Und das hat einen Grund.

Auch hier haben die Autoren Charaktere aus Fleisch und Blut geschaffen, denen wie im richtigen Leben auch ihr Leben in die wichtigen Diskussionen und erst recht notwendigen Handlungen funkt. Und durch fast jeden Witz pfeift hier der Wind der Wahrheit. Auch wenn die Bewohner einer einigermaßen gediegenen Altbauwohnung alle etwas yuppiehaft sind, Selbstbild und Wirklichkeit manchmal empfindlich auseinanderdriften: Eindimensional sind die Figuren nicht, sondern auf ein ebenso komödientaugliches wie menschliches Normalmaß zurechtgestutzt. Keiner ist einfach nur altruistisch oder egoistisch. Dafür sorgen schon die unterschiedlichen biografischen Hintergründe der WG-Bewohner, die Hübner und Nemitz erst nach und nach aufrollen. In der von Thomas Grasshoff naturalistisch gebauten Dachgeschoss-WG nimmt nicht nur der Esstisch in der Wohnküche eine zentrale Rolle ein – auch der Kühlschrank, aus dem einige Male Bier geholt wird oder eben auch der Notfall-Schampus, ist präsent. Situiert hat Regisseur Peter Kühn seine Inszenierung übrigens in Frankfurt. Und nein: Annas Freund Achmed kommt nicht aus Offenbach, sondern aus Hanau. Klar, dass das Eine wie das Andere im Publikum für Erheiterung sorgt.

Aber auch die einzelnen Charaktere machen das Publikum lachen. Pascal S. Grote als Benny gestikuliert mit den Händen, redet ebenso dringlich wie verschwurbelt und ohne auf den Punkt zu kommen. Da kann man sich lebhaft vorstellen, dass die Mühen der Ebene, die konkrete Hilfe eben auch bedeuten, nicht so seins sind. Tina Seydel als Sophie scheint in ihrem gelben Netzpulli, unter dem ein schwarzer BH hervorblitzt, eher auf dem Sprung zu einer wichtigen Vernissage zu sein als beim monatlichen WG-Jour-fixe. Das ist nicht schlecht getroffen, denn Seydel muss eine Figur spielen, die zwischen nicht gerade von Erfolg gekrönten Kunstambitionen, Liebeskummer-Verarbeitung, Sensibilität und noch ein paar anderen Angelegenheiten hin- und hergeworfen wird.

Elisabeth Ebner als Doro trägt nicht nur ein rotes Oberteil, sondern sieht in manchen Situationen auch schnell rot und hält mit ihrer direkt-herben und wenig diplomatischen Art mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Mathias Renneisen gibt seinen Jonas als etwas bieder gekleideten Bedenkenträger. Carolin Freunds Anna mausert sich vom etwas sich verdruckst an die Teetasse klammernden WG-Nesthäkchen glaubwürdig zu einer jungen Frau. Keinen kleinen Anteil daran hat Sinan Aslan, der zwar manchmal etwas derb spricht, aber das Herz am rechten Fleck hat – auch wenn er nicht für alles Verständnis haben will.

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