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Antik-Grusel und Kapitalismus-Horror

Frankfurter Schauspiel eröffnet die neue Spielzeit

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Im Kammerspiel brachte Ersan Mondtag mit „Iphigenie“ eine erlesene Barbarei auf die Bühne. Kay Voges lud im Großen Haus zu einer Kamerafahrt durch die seelenlose Parallelwelt des Turbo-Kapitalismus: "Königin Lear". Na ja.

Am Anfang war das Wasser. Dachte einst der griechische Philosoph Thales (624–547 v. Chr.): eine Ursuppe, ein Meer, ein Bad, ein Pool. Alles kroch aus dem Wasser – das Kleine und das Große, die Götter, die Menschen, die Liebe und der Hass, die Gewalt und die Zärtlichkeit, das Fleisch und der Tod. Aus dem Meer tauchen sie vor den Küsten auf, aus Afrika, aus dem Orient, aus Asien: Flüchtlinge landen an den Küsten Spaniens, Italiens und Griechenlands. Europas Säulen beginnen zu wanken. Unheimlich ist das.

So spukhaft und gespenstisch wie das, was Ersan Mondtag – 1987 in Berlin geboren, ein Shooting Star der Theater-Szene und in einer Zeitschrift bereits zum Nachwuchs-Regisseur des Jahres gewählt – unter dem Titel „Iphigenie“ in den Frankfurter Kammerspielen anrichtet. Nur nicht so ästhetisch. Am Anfang ist bei Mondtag Blendung: „All I SEE“. Der Schriftzug flackert und irrlichtert, bis wir nur noch schwarz sehen. Aber dann wird es ausgesucht schön, wie in einer zum Unter- und Totenreich arrangierten Kunstgrotte. Amphoren. Säulen. Podeste. Ein Atrium mit Wasserbecken. Schweigend und gravitätisch schreiten antik Gewandete einher. Nehmen Aufstellung wie Statuen. Die mit dem Geweih, ist das die Jagdgöttin? Wer weiß.

Schock: Eine junge Frau schießt aus einem Wasserschacht empor. Iphigenie? Vielleicht. Sie schreit, der Körper zuckt und zittert wie der eines Romero-Zombies unter Stromstößen. Welche Qualen! Immer wieder gleitet die Halbnackte aus, schlägt hin. Die Brüste beben. Raunende Gesänge wabern, Nebel wallen durch Dämmerungen: Eyes Wide Shut. Ist das ein Opfertempel? Eine Folterkammer? Ein Schlachthaus? Eine noble Villa für einen Schwabinger Antiken-Fasching durchgedrehter Kosmiker aus einem übriggebliebenen George-Kreis?

Mondtag und sein Team inszenieren ein mystisches Ritual, eine sprachlose Beschwörung, keinen Euripides, keinen Goethe, überhaupt keine Handlung, die Personen und einen Ort hätte. Wer da Iphigenie ist oder Orest oder Pylades, König, Gott oder Sterblicher, das spielt keine Rolle. Diese „Iphigenie“ ist eine raffiniert aufbereitete Halluzination, ein virtuoses Theater-Delirium, ein Drogenhalligalli. Licht und Schatten, Farben und Klänge spielen ineinander, starre Mienen, subtile Gesten. Doch was eben noch ein feinsinnig komponiertes Tableau war, kippt plötzlich um ins Groteske, Absurde, drastisch Brutale und auch Komische. Dicke und schlanke Körper, kaum bedeckt, fallen auf einmal übereinander her, ringen miteinander, würgen und schlagen sich. Planschen dann wieder ausgelassen durchs Becken. Münder nuckeln an Brüsten. Arme verschlingen sich. Leiber formen sich zu Laokoon-artigen Plastiken oder fläzen sich zur Ruhe. Gewalt, Schutzbedürfigkeit, Zärtlichkeit, Naturhaftigkeit – man kann sich viel dabei denken. Man kann es auch lassen.

Man soll sich aber was denken: Mondtag lässt einige Zitate sprechen, des Regisseurs Alvis Hermanis, der Massenzuwanderung nach Europa bekämpft, Zitate des AfD-Vordenkers Marc Jongen, des rechten Vulgärautors Akif Pirinçci, des Philosophen Peter Sloterdijk. Da geht es um Furcht und Bedrohung, um Bewahrung deutscher Kultur. Am Ende brüllt ein Chor grausige Parolen: Führe uns in die Vernichtung! Befreie uns von unserer Angst! Folge unserem Willen! Töte sie! Vernichte sie! Es klingt wie der dröhnende Aufstand faschistischer Massen. Es klingt wie die Wiederkehr blutiger Barbarei – so schaurig und fürchterlich, als höben die Götter des Wahnsinns und des Gemetzels ihre Häupter.

Mondtags Ästhetizismus des Schreckens, seine Lust am schönen Grusel hantieren mit Energien und Intensitäten, mit Bildern und halbgaren Assoziationen statt mit Worten. Das gefällt und genügt sich selbst. Es will an die Realität anknüpfen, zielt auf die Spannungen der Gegenwart, verheddert sich aber in einem ungefähren Jenseits und bleibt fürs Politische und Gesellschaftliche blind. Immerhin: Aufregend ist es. Sinnlich. Wuchtig. Schön, überwältigend. „ALL I SEE“ – Öffnet uns „Iphigenie“ die Augen? Nein. Der Abend lohnt sich dennoch.

Die Gegenwart will auch der Dortmunder Intendant Kay Voges in den Blick nehmen. Mit seiner zweiten Frankfurt-Regie nach der großartigen „Endstation Sehnsucht“, in der er virtuos und überzeugend filmische Mittel nutzte, geht er auf den Kapitalismus los. Die Vorlage liefert Tom Lanoyes („Schlachten!“) Shakespeare-Überarbeitung „Königin Lear“. Lanoye erklärt im Programmheft umfänglich, wie und warum er „King Lear“ überschrieben hat. Für den Zuschauer ist das irrelevant. Ihn interessiert, was zu sehen ist. Also – was? Wenig Erhellendes.

Das Stück ist schwach. Es hat keine Fallhöhe – Demenz statt Weltwahnsinn. Die Sprache kann sich nicht entscheiden zwischen erhabenem Ton und „Motherfucker“-Sprech. Auch die Inszenierung weiß nicht, ob sie moderne Tragödie sein will oder Klamotte. Wieder ist viel Video im Einsatz. Das erschöpft sich aber in Kamerafahrten durch Hochhausschluchten und penetrantem Kulissenzauber. Der schwarze Raum ist durch wechselnde Lichtraster strukturiert. Oft brummt es bedrohlich. Ja, ja: Kalt und seelenlos ist die Finanzwelt! Königin Lear (Josefin Platt) ist eine alte, verhärtete Unternehmerin, sie teilt ihren Weltkonzern unter den Söhnen auf. Es gibt Streit. Klar, der Kapitalismus ist unmenschlich, herzlos und verschlingt selbst Frauen. Es fehlt die Liebe! Nirgends Wärme, Zuneigung, Zärtlichkeit, nur Zynismus, Undank, Missgunst! Von Shakespeares Elementargewalt bleiben zeitgenössische Küchenpsychologie, triviale Kapitalismuskritik und fade Schattenfiguren. Da lernt man aus jedem Bekenntnisbuch eines ausgebrannten Investmentbankers mehr. Josefin Platt macht aus ihrer Rolle, was geht. Wenn der Abend einen Sinn hat, dann, weil sie leidend und groß auf der Bühne steht.

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