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Franz von Stucks Ölgemälde „Pietà“ von 1891 zeigt das traditionelle Motiv Marias als Schmerzensmutter mit dem Leichnam Christi auf besonders düstere Weise. Abbildungen: Städel-Museum

Ausstellung

Im Frankfurter Städel sind Vanitas-Gemälde aus mehreren Jahrhunderten zu entdecken

Verklungen sind die Weihnachtslieder, vorbei das bunte Treiben auf den Weihnachtsmärkten, verglüht ist das Silvesterfeuerwerk. Das neue Jahr befindet sich im Wartestand. Abseits von Lärm und Geschäftigkeit hört man in sich hinein, wird für einen Moment der eigenen Endlichkeit gewahr. Wie sind Künstler über Jahrhunderte damit umgegangen? Welche Bilder von Zeit und Vergänglichkeit schufen sie? Wir haben uns im Frankfurter Städel umgesehen.

Der lateinische Begriff „Vanitas“ steht für Leere und Nichtigkeit. In der abendländischen Malerei symbolisiert er die Vergänglichkeit allen irdischen Lebens. Im Barock wurde das Vanitas-Stillleben zu einem gängigen Ausdruck dieses pessimistischen Lebensgefühls. Im 17. Jahrhundert war Antwerpen ein wichtiges Zentrum der niederländischen Stilllebenmalerei. Dort agierte auch der Maler Peter Willebeeck. Auf das Jahr 1650 ist sein Vanitas-Stillleben datiert, das in der Städelschen Sammlung Alter Meister zu besichtigen ist. Blickfänge sind unter anderem eine Pistole und ein Totenschädel. Sie sind die wohl deutlichsten Symbole der Vergänglichkeit. Beim näheren Hinsehen sind welkende Blumen und Früchte zu entdecken, aber auch ein umgestürzter Trinkpokal. Eine Laute ist auf dem Tisch drapiert. Auch das Musikinstrument ist ein Verweis auf die Endlichkeit irdischer Freuden. Nach einiger Zeit entdeckt man am oberen rechten Bildrand eine abgelaufene Sanduhr.

Neben vielen weiteren Werken kann Willebeecks Stillleben in der „Digitalen Sammlung“ erkundet werden. Deren Zoom-Funktion erlaubt jederzeit präzise Detaileinblicke, ohne dass Aufsichtspersonal den neugierigen Betrachter zur Räson ruft. Dort, aber auch im Museum, begegnet man zudem Karel Slabbaerts kleinformatigem „Selbstbildnis mit Totenkopf“. Es ist um 1645 entstanden. Der niederländische Maler und Grafiker hat sich im Alter von noch nicht einmal 30 Jahren porträtiert. Er stellt sich in einem prächtigen Kostüm dar. Die linke Hand, in der er einen Pinsel hält, ist auf einem Totenschädel abgestützt. Mit einer erloschenen Kerze ergänzt Slabbaert das Selbstbildnis um ein weiteres Vanitas-Symbol. Der Künstler starb, noch bevor er vierzig wurde.

Auf der Suche nach Bildern der Vergänglichkeit wird der Städel-Besucher auch in der Moderne fündig. Vor allem Symbolisten und Surrealisten geizen nicht mit Vanitas-Anspielungen. Das gilt zum Beispiel für Maximilian Klewer (1891–1963), einen bisher weitgehend unbekannten Künstler, der jetzt ein Stück weit dem Vergessen entrissen wird. Klewer stehe für die konservative Moderne, eine heute vergessene Generation, sagt Städel-Direktor Philipp Demandt. Dazu zählt er auch die Malerin Lotte Laserstein, der das Museum gerade eine Überblicksschau widmet. Diese Generation erinnere uns daran, dass Moderne nicht automatisch Avantgarde bedeute, so Demandt. Der Städelsche Museums-Verein erwarb acht Zeichnungen und ein Gemälde Klewers, von denen die meisten in der Zwischenkriegszeit entstanden sind. Das Städel zeigt die Werke nun in einer Kabinettausstellung.

Hang zum Grotesken

Peter Willebeecks Vanitas-Stillleben mit Prunkgeschirr von 1650 verzichtet nicht auf Totenschädel und Pistole als Symbole der Vergänglichkeit.

Maximilian Klewer ist ein akademisch geschulter, gegenständlicher Künstler. „Das Bild des Menschen steht immer im Zentrum seiner Kunst“, betont Demandt. Klewer schuf viele Selbstbildnisse, in denen er verschiedene Rollen einnimmt – etwa als Denker, Agitator oder Christusfigur. Er spiele auf der Klaviatur der menschlichen Emotionen, sagt Alexander Eiling, Sammlungsleiter für Kunst der Moderne am Städel. Eiling attestiert Klewer einen Hang zum Grotesken und zum Augenzwinkern.

Seinen Bildern ist tatsächlich eine düstere Stimmung eigen. „Der Fanatiker“ heißt ein Selbstbildnis aus dem Jahr 1919. Der Künstler schaut den Betrachter entsetzt an. Mund und Augen sind weit aufgerissen, das Haar weht in alle Richtungen. Der übersteigerte, grimassenhafte Gesichtsausdruck könnte eine Reminiszenz an den Stummfilm sein. Die Figur ist ins Halbdunkel getaucht. Hinter ihr zeichnet sich ein fahler Lichtkreis ab: eine Sonnenfinsternis oder ein Heiligenschein? Ob welcher Katastrophe erschrickt die Figur? Man könnte auch meinen, Klewer hätte einen frühmorgendlichen Blick in den Spiegel festgehalten, der mit fortschreitendem Alter irritierend sein kann. Ganz schlicht „Totenschädel“ ist eine 1909 entstandene Zeichnung betitelt. Mit bewundernswerter Akribie hält der 18-jährige Künstler einen Schädel fest. Das morbide Motiv zeichnet Klewer aus vier unterschiedlichen Blickwinkeln. Auch wenn das Blatt wahrscheinlich nur eine Studie ist, seine Wirkung ist direkt. Nichts erinnert deutlicher an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens als ein Totenschädel. Nicht umsonst ist er ein verbreitetes Vanitas-Symbol.

In direkter Nachbarschaft zum Klewer-Kabinett begegnet man einem eindrücklichen Gemälde des Münchner Künstlers Franz von Stuck (1863–1928). Seine düstere „Pietà“ von 1891 interpretiert das traditionelle Motiv Marias als Schmerzensmutter mit dem Leichnam Christi. Franz von Stuck spitzt das Trauermotiv vielfach zu. Zum einen nutzt er ein extremes Breitformat, um den vom Kreuz abgenommenen, unbekleideten Leichnam Jesu in voller Länge zu zeigen. Maria ist in einen dunklen Umhang gehüllt. Dramatisch schlägt sie ihre Hände vor das Gesicht. Sie wirkt ebenso starr wie die parallel zum Bildrand aufgebahrte Christusfigur. Nur wenige Lichtakzente durchbrechen die dunkle Farbpalette. Der Lichtkreis um Marias Kopf vermag sich kaum gegen die Düsternis zu behaupten.

Christliche Symbole

Auch in der Sammlung Gegenwartskunst, die ihre Ablehnung von Vergänglichkeit im Namen führt, sind Vanitas-Werke zu sehen. Der 1947 geborene österreichische Künstler Lois Weinberger hat zwei klebrige Fliegenfängerstreifen in Kreuzform auf einem Blatt Papier angeordnet. Das mit Reißnägeln fixierte Kreuz ist mit Fliegenleichen übersät. Das 1976 entstandene Objekt greift christliche Symbole auf und persifliert sie zugleich. Drastisch führt Weinberger dem Betrachter die Kürze irdischer Existenz vor Augen. Die vielleicht direkteste Vanitas-Darstellung im Städel stammt von einem Zeitgenossen. Auch die Gegenwart weiß also um ihre Endlichkeit.

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