Satire

Frankfurts Caricatura-Museum hat eine neue Dauerausstellung

Zweimal im Jahr werden die fünf legendären Zeichner der „Neuen Frankfurter Schule“ mit anderen Werken vorgestellt. Die NFS, wie die Gruppe auch kurz heißt, entstand im Umkreis der Satirezeitschrift „Pardon“ und gründete später „Titanic“.

Ein dicker roter Kreis und zwei schmale schwarze Striche – mehr ist nicht auf der Zeichnung zu sehen. Ein eigentlich simples, aber doch irritierendes Bild, bei dem erst ein Blick auf den Titel weiterhilft: „Clown in Betrachtung zweier Krähen bei Sonnenuntergang“ heißt es da – und erst jetzt entdeckt der Betrachter, dass der Clown nicht von hinten als roter Klecks zu sehen ist, sondern dass uns der Spaßmacher direkt anschaut. Der rote Klecks entpuppt sich als Nase, die zwei Krähen sind die Augen. Eine gut ausgetüftelte und virtuos umgesetzte Idee – der beste Beleg dafür, dass F. K. Waechter ein genialer Zeichner war. Jetzt ist das kleine Blatt in der neuen Dauerausstellung des Frankfurter Caricatura-Museums bis 2. Dezember zu sehen.

Alle sechs Monate werden die fünf Obergurus der „Neuen Frankfurter Schule“ mit anderen Werken im ersten Geschoss des Hauses präsentiert. So erhält der Besucher einen Einblick in die riesige Sammlung, zugleich werden die lichtempfindlichen Blätter geschützt. Immerhin besitzt das Museum rund 7000 Werke der Satiriker, von denen nur noch zwei hochbetagt leben. Lediglich der Nachlass von F. K. Waechter ging ans Wilhelm-Busch-Museum nach Hannover. Frankfurt hatte das Nachsehen, wird aber nun aus Hannover großzügig mit Leihgaben versorgt.

So sind nun von jedem Mitglied des Quintetts rund 25 bis 35 Bilder versammelt, insgesamt 141 an der Zahl. Meist handelt es sich um Hauptwerke oder typische Blätter. Also „fünf Mini-Retrospektiven“, meint der Kurator Thomas Kronenberg. Jedem Künstler gilt ein Kabinett, alphabetisch im Uhrzeigersinn beginnend mit F. W. Bernstein bis zu Waechter. Wobei Bernstein zuletzt kommen müsste, da er eigentlich Fritz Weigle heißt. Doch bekannt wurde er unter seinem Künstlernamen.

Rasch wird beim Rundgang aber klar, dass die Fünferbande nur die Lust am Comic zusammenhielt. Denn jeder pflegte seinen eigenen Stil, nur das Desinteresse an der Tagespolitik einte sie. Überraschend finden sich dann doch einige politische Sticheleien, vor allem beim inzwischen 80-jährigen Bernstein, der von 1984 bis 1999 ein Doppelleben führte. Als Karikaturist kritzelte er fleißig und dichtete wunderbare Nonsens-Lyrik, während er als Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Berliner Hochschule für Künste den Nachwuchs ausbildete.

Als Karikaturist machte er sich über die Polizei ebenso lustig wie über die „Geldmeisterschaft 06“. Der Titel spielt zwar auf die Fußball-WM in Deutschland vor zwölf Jahren an, die bald als „Sommermärchen“ galt und besser lief als das jetzige Fiasko. Aber Bernsteins Blatt zielt auf die Finanzhaie, die keine Moral kennen und an den Börsen das große Geld machen.

So entdeckt man einen ungewohnt giftigen Bernstein, der aber auch gern in die freie Kunst abdriftet. Dafür „entschädigt“ eine kleine Serie seiner berühmten Porträts von Marilyn Monroe bis Helmut Kohl. Und dazwischen hängt Bernsteins feixendes Konterfei des Komikers Otto Waalkes, der sich ja derzeit im Caricatura-Museum zu seinem 70. Geburtstag als Karikaturist und Maler vorstellt (bis 2. September).

Aber jammerschade ist es, dass die fünf Witzbolde nur selten ihre Zeichnungen datierten. Manche Gags ließen sich leichter verstehen, wenn man sie zeitlich zuordnen könnte. Für Thomas Kronenberg bedeutet das sehr viel Arbeit, muss er doch sämtliche Ausgaben von „Pardon“ und „Titanic“ durchblättern, auch andere Magazine und sogar Tageszeitungen im Blick haben, um die Entstehungszeit anhand der Veröffentlichung ungefähr eingrenzen zu können.

Auch wenn er schon zwölf Jahre tot ist, gilt Robert Gernhardt noch heute als „Großmeister der Komik“, so Caricatura-Chef Achim Frenz. Gernhardt war Sprachkritiker und Satiriker, Lyriker und Erzähler, Karikaturist und Zeichner, wie seine Blätter verraten. Die moderne Kunst aber blieb ihm fremd, obwohl er selbst von der Kunstakademie kam – oder war das der Grund für seine harsche Ablehnung? Sein Künstler zeigt bei der Vernissage nur zusammengekauerte Menschen und begibt sich auch noch selbst in diese unterwürfige Pose.

Ein fleißiger Karikaturist arbeitet ganz anders, bei Gernhardt hat er gleich vier Hände. Mit der ersten Linken streichelt er die Katze, mit der zweiten Linken hält er ein Buch, mit der ersten Rechten wird gezeichnet, mit der zweiten Rechten neue Ideen in die Luft fantasiert. Nur so kann es was werden mit der Kunst.

Chlodwig Poth hingegen widmete sich gern dem Alltag, wie Blätter aus seiner Serie „Last Exit Sossenheim“ zeigen. Dem 2004 gestorbenen Karikaturisten gefielen auch gelegentliche Seitenhiebe auf die Politik. Seine fragend „Ein Zukunftsbild?“ betitelte Schwarz-Weiß-Zeichnung zeigt ein SPD-Mitglied an einem Schlagbaum vor dem Freistaat Bayern. Ein immer noch aktuelles Blatt, nur müsste wegen des Koalitionskrachs schnell das SPD- gegen ein CDU-Mitgliedsbuch getauscht werden.

Während Poth seine prallvollen Wimmelbilder, an denen man sich kaum sattsehen kann, oft aus zahllosen Strichen erstehen ließ, malt der inzwischen 89-jährige Hans Traxler alles feinstens aus. Seine Ideen zur Arche Noah sind noch heute von zeitlos elegantem Witz. Traxler hat auch den idealen Urlaubsort mit Sonnenuntergang, Palmen, kleinen Wolken und einigen Möwen erfunden. Fehlt nur noch der Kommentar des Urlaubers, der schon einiges mitgemacht hat: „Hier stimmt endlich mal das Preis-Leistungsverhältnis.“ Das stimmt im Caricatura-Museum allemal, für sechs Euro Eintritt gibt es endlos viel zu lachen.

Caricatura

M useum für Komische Kunst,

Frankfurt, Weckmarkt 17.

Bis 2. Dezember, Di bis So 11–18 Uhr, Mi 11–21 Uhr. Eintritt 6 Euro.

Telefon (069) 21 23 01 61. Internet

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