+
Sebastian Weigle im Orchestergraben der Frankfurter Oper. Der Dirigent hat gut lachen, weil er mit ?dem nettesten Orchester der Welt? probiert. Am 28. Oktober steht die nächste Premiere an, mit Tschaikowskys ?Iolanta? und Strawinskys ?Oedipus Rex?.

Interview

Frankfurts Generalmusikdirektor Sebastian Weigle über Premierenfieber und Probenarbeit

Sebastian Weigle ist seit zehn Jahren erfolgreicher Generalmusikdirektor der Frankfurter Oper. Anlass für Bettina Boyens, den einstigen Solo-Hornisten, der von Daniel Barenboim gefördert wurde und der auch in Bayreuth, an der MET in New York und in Wien regelmäßig gefeiert wird, zu befragen: zu den Tücken eines Tristan-Dirigats, zu klingelnden Handys im Parkett und vor allem zum Ausblick auf die nächsten fünf Jahre mit dem „nettesten Orchester der Welt“. So nennt der Orchesterchef „sein“ Opern- und Museumsorchester.

Herr Weigle, worauf freuen Sie sich, wenn Sie morgens aufstehen?

SEBASTIAN WEIGLE: Ich freue mich jedes Mal wieder auf die Zusammenarbeit mit diesem wunderbaren und nettesten Orchester der Welt. Sie sind alle so neugierig und so wahnsinnig offen, ganz egal, ob sie die Stücke schon kennen oder komplett bei Null anfangen müssen wie jetzt bei „Iolanta“ und „Oedipus Rex“. Außerdem freue ich mich in Zukunft auf große Werke der Wagner- und Strauss-Tradition.

„Tristan und Isolde“ soll in Planung sein. Übernehmen Sie das Dirigat?

WEIGLE: Davon können Sie ausgehen.

Die psychische Auszehrung von Dirigenten durch den „Tristan“ ist berüchtigt. Laut Augenzeuge Michael Gielen soll Carlos Kleiber sich während seines Stuttgarter Tristans ständig übergeben haben.

WEIGLE: Sie dürfen nicht gleich Ihr ganzes Pulver im ersten Akt verschießen, sonst überleben Sie den zweiten und dritten Akt nicht. Diese Musik nimmt einen derart mit. Das ist Zündstoff, das ist Benzin, das greift ins gesamte Immunsystem ein. Atmen ist das Allerwichtigste. Sie müssen Yoga im Stehen machen können. Allerdings: Exakt eine Stunde nach jeder Vorstellung klappe ich zusammen wie ein Taschenmesser.

Sie können Ihre Emotionen immer kontrollieren?

WEIGLE: Kurz vor einer Premiere dreht sich bei mir das Kopfkarussell. Immer dann, wenn man noch etwas proben und ändern kann. Da werde ich regelmäßig nachts wach und habe Zettel und Stift bei mir am Nachttisch liegen.

Sie haben hier vier Dirigierstäbe auf ihrem Schreibtisch stehen. Woraus sind die gefertigt?

WEIGLE: Das sind Carbonstäbe in Weiß, mindestens 38 bis 40 Zentimeter lang, damit mich die weit entfernten Protagonisten auf der Bühne auch sehen können. Aber das ist Ansichtssache. Kollege Valery Gergiev benutzt kleine Zahnstocher.

Dieses Orchester hatte vor Ihrer und Bernd Loebes Zeit 130 Orchestermusiker. Heute sind es nur 115. Was ist der Grund dafür?

WEIGLE: 15 Stellen sind Anfang der 90er Jahre gestrichen worden. Nach dem Brand war das Repertoire dermaßen abgeschmolzen, dass man glaubte, es auch mit einer kleineren Zahl zu schaffen. Und dann kommt ein so engagierter Intendant wie Bernd Loebe und baut sukzessive das Repertoire wieder auf. Nur: Die Musiker wachsen nicht nach. Unser Spielplan heute ist sehr groß für dieses relativ kleine Orchester! Die 15 Stellen bräuchten wir dringendst. Es wird hier am Rande der Erschöpfung musiziert. Aber dadurch entstehen kleine Krankheitsfälle, die dann wieder durch Aushilfen ersetzt werden müssen, und das kostet auch wieder Geld. Das schreit nach Veränderung. Ich möchte meine Musiker schützen, die sind mir so viel wert, das können Sie sich gar nicht vorstellen.

Sie sind für Ihre Freundlichkeit bei den Proben bekannt.

WEIGLE: Für mich ist das ein Geben und Nehmen. Die Zeit der großen, selbstherrlichen Maestri ist vorbei. Freundlichkeit mit einer kleinen Portion Sarkasmus und einer klaren Autorität zeichnen meine Arbeit aus.

Was ist das Wichtigste, das Sie bei Daniel Barenboim lernten?

WEIGLE: Effektivität, Ökonomie, Zeitmanagement. Wie man etwas unbedingt machen sollte, und was niemals. Außerdem Präzision und manchmal Unnachgiebigkeit in künstlerischen Dingen.

Bernd Loebe und Sie besetzen am Haus viele Rollen aus dem Sängerensemble.

WEIGLE: Ich freue mich jeden Abend, wenn ich hier in Frankfurt ans Pult trete. Denken Sie an Richard Strauss’ „Capriccio“: Da war kein Gastsänger auf der Bühne! Welches Opernhaus kann das schon von sich sagen? Das erfüllt mich mit Glück und unheimlichem Stolz, weil das ein ziemliches Unikat in der deutschen Opernlandschaft ist.

Kaum ein anderes Haus arbeitet mit so vielen Gastdirigenten . . .

WEIGLE: Ja, etwa 17 Gastdirigenten. Deshalb ist der Routinefaktor für alle auch gar nicht groß. Ich dirigiere nur zwei Neuproduktionen und insgesamt 30 Abende pro Spielzeit. So komme ich zu meinen Gastspielen und demnächst auch zu meinen Reisen als Orchesterchef des Yomiuri Nippon Orchesters in Japan.

Wenn Sie zurückblicken, was war Ihr persönliches Highlight?

WEIGLE: Die allererste Premiere, der „König Lear“ von Aribert Reimann. Da habe ich mich reingeschmissen und mir gesagt: „Das Ding muss unglaublich werden.“ Und tatsächlich, Reimann kam zur Premiere und war einfach hin und weg. Aber wissen Sie, ich bin kein Dirigent, der zurückblickt. Ich schaue immer nur nach vorne und lebe in der Gegenwart.

Wie haben Sie am Pult 2010 reagiert, als ausgerechnet während des Es-Dur-Vorspiels im „Rheingold“ der Handywecker einer Besucherin losging? Die übrigens verzweifelte, weil sie ihn nicht abstellen konnte.

WEIGLE: Ich dachte damals: Leider kann ich nicht abbrechen. Denn den Effekt, den wir vorbereitet hatten, konnten wir ja nicht wiederholen. Wir wollten das Publikum beim ersten „Ring“ nach 25 Jahren in Frankfurt überraschen mit dem Bühnenfilm und diesem gigantischen Wassertropfen. In Dresden habe ich übrigens nach einem Handyklingeln einfach nicht weiter dirigiert. Leider haben die Musiker das aber nicht verstanden. Die dachten: „Ah, wie schön, der überlässt uns jetzt das Feld.“

Ihre nächste Premiere ist der Doppelabend mit Tschaikowskys „Iolanta“ und Strawinskys „Oedipus Rex“. Die Musik der „Iolanta“ sieht sich oft einem Kitschvorwurf ausgesetzt.

WEIGLE: Ich weiß, wie man das Süffige nicht ausufern lässt.

Wie?

WEIGLE: Tschaikowsky schreibt ja viel in Motiv-Perioden, viertaktig, achttaktig, sechzehntaktig. Wenn man jedes Mal am Ende ein Ritardando macht, wird es zuckrig.

Regisseurin Lydia Steier scheint der dänischen Märchenwelt zu misstrauen.

WEIGLE: Ja das wird eine heftige Aktion. Auch die Idee von Bernd Loebe, beide Stücke unter dem Aspekt der Blindheit zusammenzufassen, ist aufregend. Und die Arbeit mit Lydia Steier ist künstlerisch äußerst befruchtend. Sie nimmt sich viel Zeit, ihre Kreativität zu entfalten, vor allem für die Entwicklung und Diskussionen, aber am Ende sitzen die Ideen auch.

Die Sänger schwärmen davon, dass Sie „mit ihnen atmen“.

WEIGLE: Ja, das sollte jeder Dirigent tun. Und ich greife mit dem Rotstift radikal die Partitur an. Sie dürfen nicht vergessen, dass sich jedes Instrument seit dem letzten Jahrhundert sehr verändert hat. Ein Forte von damals ist heute ein Mezzoforte.

Was wünschen Sie sich für den geplanten Umbau/Neubau der Oper?

WEIGLE: Verbesserte Bedingungen für die Gewerke, die hier tagtäglich arbeiten. Sie müssen sich mal diese Buden ansehen, diese sogenannten „Stimmzimmer“: Etwa acht Quadratmeter groß für die Oboen, und da stehen noch Schränke drin. Ein marginal größeres, in dem sich fünf Klarinetten vorbereiten, aber wenn der Kollege seine Bassklarinette auspackt, ist das Zimmer schon voll. Im Tubazimmer kann man nicht mal stehen, kein Fenster. Und die Probebühne sollte idealerweise nicht in Rödelheim, sondern hier im Haus sein. Natürlich wünsche ich mir idealerweise einen Neubau, möglichst hier an derselben Stelle, mit derselben Anbindung. Und 15 Musiker mehr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare