Caricatura-Museum zeigt Cartoons von Gerhard Seyfried

„Freakadellen und Bulletten“

Der 67-Jährige war einst der Lieblings-Zeichner der linken Szene. Die Schau vereint rund 470 Werke aus 45 Jahren, bis hin zu den Science-Fiction-Stories.

Von CHRISTIAN HUTHER

Alles begann mit den zu kurzen Texten, die Gerhard Seyfried gehörig ins Schwitzen brachten. Denn der Grafiker, für die Gestaltung des Münchner „Blatt“-Magazins zuständig, der ersten alternativen Stadtzeitung der Bundesrepublik, musste die vielen Lücken zwischen den Artikeln füllen – und griff beherzt zu seinen eigenen Zeichnungen und Cartoons. So fand Gerhard Seyfried allmählich zu seinem Stil. Das war 1973, wenige Jahre zuvor war Seyfried von der Akademie geflogen, da er in Streik getreten war gegen die Notstandsgesetze von 1968.

Linksalternative Szene

Das ist der weniger bekannte Teil der Biografie Seyfrieds, der nun in der Galerie des Frankfurter Caricatura-Museums sehr schön an frühen Blättern vorgestellt wird. Im Erdgeschoss hingegen sind Seyfrieds Zeichnungen zu sehen, die ihn zum Lieblings-Cartoonisten der linksalternativen Szene werden ließen. Seine Bilder der dösbaddeligen Polizisten und der anarchistischen Freaks waren einfach Kult. „Freakadellen und Bulletten“ hieß denn auch ein 1979 erschienener Comic-Band.

Ein Jahr zuvor hatte er seinen ersten Band veröffentlicht, mit dem Titel „Wo soll das alles enden? Kleiner Leitfaden durch die Geschichte der undogmatischen Linken“. Hier fanden sich viele Comics, die er in München für das „Blatt“ zeichnete, bevor er 1976 nach Berlin zog und sich in die dortige Szene stürzte. Die spießte er messerscharf auf, auch ihre mitunter spießigen Einstellungen. Im Vergleich zu den Freaks aber zog die Polizei immer den Kürzeren: „Haschisch“ schreien etwa zwei Bekiffte auf der Straße, doch der in der Nähe stehende Polizist hat „Hatschi“ gehört und sagt freundlich „Gesundheit“.

Polizisten als Plünderer

So hing wohl in jeder WG der 70er und 80er Jahre zumindest ein Seyfried-Plakat. In einer WG siedelte er auch 1980 seine „Invasion aus dem Alltag“ an, die nun in Ausschnitten zu sehen ist. Die WG-Besatzung ist vor der Glotze eingeschlafen und träumt von einer verkehrten Welt, in der die Menschen unregierbar geworden sind, dank eines Wirkstoffes von Ufo-Besuchern. Nun betätigen sich Polizisten als Plünderer, während die Anarchos nichts mit der Freiheit anfangen können.

Für derlei fantastische Geschichten benötigt der Betrachter freilich viel Muße. Denn Seyfried zeichnet „auf kleinstem Raum so akkurat und gekonnt, wie es seine Art hat“, konstatiert Caricatura-Chef Achim Frenz. Konkreter wird Seyfrieds Kollege F. W. Bernstein: „Gelobt sei seine pusselige, wuselige Linie, die sich um die winzigsten Kleinigkeiten kringelt.“ Die Gefahr, etwas zu übersehen, ist folglich groß, auch wenn man den Witz der Blätter rasch versteht. Immerhin versammelt die Schau, die am Sonntag um 12 Uhr eröffnet wird und bis 24. Januar läuft, rund 470 Werke aus 45 Jahren.

Das ?uvre Seyfrieds, der inzwischen 67 Jahre alt ist, umfasst also eine kleine Geschichte der Bundesrepublik, wie sie sich seit 1970 rasant verändert hat, von der Studentenrevolte bis zur deutschen Einheit. Selbst Seyfrieds Europakarte von 1980 gilt längst nicht mehr, auch wenn die verzerrten Ländernamen noch immer treffen, von „Östrogenreich“ über „Krankreich“ bis „Vitalien“. Und das „Neue Deutschland“ von 1990 hat zwar nichts in „Bankfurt“ und „Besoffenbach“ verändert, aber zu „Rest-Berlin“ sind „Rost-Berlin“ und „Protzdam“ gekommen.

Gerhard Seyfried kann eben auch wunderbaren Nonsens mit der Sprache anstellen, die er im besten Sinne beim Wort nimmt, meist in Allianz mit einer Zeichnung, wie eine lange Wand auf der Galerieebene zeigt. Unter das Wort Abführmittel zeichnet er ein Paar Handschellen, unter das Wort Beckenbauer zeichnet er einen Klempner, der das neue Klo anschraubt.

Doch um 1990 gibt es einen Bruch in Seyfrieds Werk, der in der Schau nicht so deutlich wird, da sie auf eine stringente Chronologie verzichtet. Seyfried konnte „nicht ewig Polizisten zeichnen, die hinter Freaks herrennen oder Freaks, die vor Polizisten flüchten“, meinte er bei der Pressekonferenz. Damals lernte er die 17-jährige Ziska Riemann kennen, die ihn auf neue Ideen brachte. Gemeinsam haben sie inzwischen vier Comic-Bände veröffentlicht, die kursorisch vorgestellt werden. Das Duo tendiert freilich mehr zur Science-Fiction. Auf der Strecke bleibt dabei leider der erfrischende Witz.

„Raucht Hanf!“

Auch als durchaus kluger Romanautor betätigt sich Seyfried seit einem Jahrzehnt, immer vor dem Hintergrund der deutschen Historie. Nur gut, dass er seinen Biss nicht verloren hat, auch wenn seine Comics bunter geworden sind. Sogar für die Polizei scheint er nun Mitleid zu empfinden, wie ein Blatt von 2003 verrät: „Nichtraucher gefährden Arbeitsplätze“, heißt es da über einem knallvioletten Bullentypen. Und drunter steht: „Helft der Polizei: Raucht Hanf!“ Der alte Anarcho lebt noch in Seyfried.

Caricatura. Museum für Komische Kunst, Frankfurt, Weckmarkt 17. Eröffnung am morgigen Sonntag, 12 Uhr, dann bis 24. Januar 2016, geöffnet dienstags bis sonntags 11–18 Uhr, mittwochs 11–21 Uhr. Eintritt 6 Euro. Katalog 16 Euro. Telefon (069) 21 23 01 61. Internet

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare