Oper Frankfurt

Freibeuter erobern fremde Galaxien

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Die verstörende Begegnung mit dem Fremden – „L’Africaine“ von Giacomo Meyerbeer, aufsehenerregend inszeniert an der Oper Frankfurt.

Astronauten in der Raumkapsel. Sie schauen durchs Fenster ins Universum. Mitglieder der Crew, die außen etwas reparieren, schweben vorbei. Plötzlich ein Fernsehbild. Von der Erde grüßen die Kinder ihre Väter. Halten bekritzeltes Papier hoch. Ein neugeborenes Baby wird ins Bild gehoben. Frauen nesteln verführerisch an ihren Blusen. Die entwöhnten Männer werden schier verrückt, das Publikum schmunzelt vernehmlich. Eine Komödie? Nein, Giacomo Meyerbeers 1865 uraufgeführte Oper „L’Africaine“ ist bitterer Lebensernst. Sie beleuchtet aus der Perspektive des 19. Jahrhunderts die frühneuzeitliche Entdeckung der Welt. Vor dieser Folie entspannt sich ein fast barockes Drama um Liebe und Macht; die Frauen können zwar, wie gewohnt, das Ego der Männer etwas stutzen, kommen sich aber gegenseitig in die Quere und verlieren am Schluss das Spiel.

Tobias Kratzer, Meyerbeer-erfahrener Regisseur, verlegt das historische Thema dieser Oper ins 20. Jahrhundert: statt Afrika und Asien Raumfahrt, Nasa, Astronautenmilieu, neue Galaxien. Rainer Sellmaier baut eine entsprechend nüchterne Bürolandschaft mit Sitzgruppe, Kopierer und Zimmerpflanze, kleidet die mit wichtigtuerischen Namensschildern behängten Männer in Anzug und die Frauen ins Business-Kostüm, voran die selbstbewusste Anna (Bianca Andrew) und Ines, blaustrümpfig ausstaffiert, aber mit frischem, erotischem Potenzial in der Stimme (Kirsten MacKinnon). Schon hier (und in einer zur Ouvertüre gespielten Kinderszene) ist zu spüren: Dieses fortschrittsfixierte, cleane Kontrollzentrum hat Risse.

Zum einen geht es nicht ohne Gefühle. Und es gibt Menschen, die nicht in dieses Schema passen, wie etwa Vasco da Gama, der Freibeuter und unangepasste Abenteurer (leidenschaftlich, mit strahlendem Heldentenor: Michael Spyres). Mit sich im Schlepptau führt er zwei Wesen, abstoßend blauhäutige Aliens (allen voran der hünenhaft aufgeplusterte Nelusko, imposant gesungen von Brian Mulligan), stolze Sklaven, die man nur, hilflos, in knallorangener Schutzkleidung anfassen und ins Gefängnis werfen kann.

So also verläuft Begegnung mit dem Fremden! Statt Neugier herrscht Misstrauen, statt Respekt Angst, die rasch in Gewalt umschlägt – auf der Bühne wird gezeigt, was auch heute passieren kann, ohne dass ein pädagogischer Zeigefinger erhoben und in Libretto und Musik Meyerbeers eingegriffen werden müsste. Es gibt hier auch nicht die Guten und die Bösen, die emotional verarmten Weißen und die naturverbunden-edlen „Wilden“.

Beide Seiten verhalten sich ähnlich. Die „Blauen“ werden die Astronauten später genauso einfangen und niedermetzeln (oder im betörenden Gift des „Manzanillo“-Baumes vergasen) wie es sich die Eroberer um den portugiesischen Ratsvorsitzenden Don Pedro (markig: Andreas Bauer) vorgenommen hatten.

Auch auf ihrer Insel gibt es religiösen Eifer und Zwang zu Kompromissen: Um Vasco, den einzig überlebenden Weißen zu retten, muss die Königin vorgeben, mit ihm verheiratet zu sein; der loyale Nelisko (heimlich in sie verliebt) muss dies gegen sein Wissen bestätigen. Geschworen wird auf eine Art Bibel, in Gestalt der vom Oberpriester des Brahma-Kultes (Magnús Baldvinsson) verwahrte sogenannte „Pioneer-Plakette“, die 1972 von der Nasa in den Weltraum geschickt wurde, um Außerirdischen das Leben auf Erden zu erklären.

Meyerbeers letzte Oper läuft in Frankfurt unter einem Doppeltitel. Neben „L’Africaine“ steht „Vasco da Gama“, Name und Perspektive des Eroberers also neben dem Opfer und Objekt der Begierde. Das hat philologische Gründe; man spielt das erst 2013 wieder zusammengefügte, gesamte Material, das der Komponist vor seinem Tod nicht mehr in eine aufführungspraktische Form bringen konnte, und dehnt den Abend damit auf rund vier Stunden reine Spielzeit.

Der Titel betont aber auch Existenz und Gleichwertigkeit von zwei Hauptpersonen. Die „Afrikanerin“ Selika ist, zunächst als Sklavin, dann als Königin ihres Volkes, eine unbeugbare Persönlichkeit, die nie ihre Würde verliert – großartig, mit nicht nachlassender stimmlicher Intensität dargestellt und gesungen von Claudia Mahnke.

Sie ist auch die einzige, die zu träumen wagt: ihre Vereinigung mit Vasco, schwebend im Weltraum (eine meisterliche Leistung der Bühnentechnik!), ein Traum aus dem sie aber unsanft wieder erwacht. Sie lässt Vasco und Ines ziehen und sucht im Freitod eine neue, bessere Welt.

Um im (hier und da vielleicht akzentbedürftigen) Mezzoforte die Sänger zur Entfaltung kommen zu lassen, hat Antonello Manacorda im kleinteiligen Wechsel von Accompagnato, ariosen Elementen und kammermusikalischen Feinheiten alle Hände voll zu tun. Auch die von Tilman Michael getrimmten Chöre und die punktgenau besetzten kleineren Rollen erhalten starken Beifall, während die Regie lautstarke Kritik erntet.

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