Glen Hansard sorgte für Gänsehaut-Momente.
+
Glen Hansard sorgte für Gänsehaut-Momente.

Glen Hansard im Capitol

Freudentrunkene irische Mondnächte

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
    schließen

In einem emotionalen Konzert verwandelte der irische Künstler Glen Hansard (45) mit seiner Band das Offenbacher Capitol in einen riesigen Pub, gefüllt mit guten Geschichten und ergreifender Musik.

Und plötzlich steht Glen Hansard inmitten der Zuschauer hoch oben auf der Empore des Capitols, lässt seinen Blick über die freudetrunkenen Gesichter wandern, schrammelt seine löchrige Klampfe und singt von einer Geliebten, die er für Gold nicht hergäbe.

Es waren Gänsehaut-Momente wie dieser, die am Dienstagabend aus einem starken ein unvergessliches Konzert machten. Über zwei Stunden lang nahm der rotlockige Mann aus Dublin sein Publikum in eine innige Umarmung und schiffte es souverän durch ein Wellental der Emotionen.

Sein musikalisches Rüstzeug hat sich Hansard in einer funkelnden, von vielen Zufällen gesteuerten Karriere erworben: Als 13-Jähriger verdingte er sich als Straßensänger in Dublin, mimte mit 19 Jahren den Gitarristen Outspan Foster in Roddy Doyles Kultkomödie „Die Commitments“. Er gründete die in seiner Heimat heißgeliebten „The Frames“ und übernahm 2006 die Hauptrolle im irischen Independent-Liebesdrama „Once“ – weil ein Kollege abgesprungen war.

Der Rest klingt nicht nur nach Hollywood: Denn das von Hansard komponierte Titelstück „Falling Slowly“ gewann einen Oscar – und Hansard das Herz seiner jungen Filmpartnerin, der Tschechin Marketa Irglova. Beflügelt vom unverhofften Weltruhm, sangen sie im Duo „The Swell Season“ zwei Alben lang zum Sterben schöne Folkballaden. Privat wie künstlerisch wandeln beide nun seit Jahren auf Solopfaden. Doch die Freundschaft ist geblieben, und die zierliche Irglova, blass, bekleidet mit Lederjacke, eröffnet das Konzert hinreißend schüchtern und melancholisch mollgestimmt allein am Klavier.

Als ihr Ex-Partner mit neun Mitmusikern die Bühne und das wohlig angewärmte Publikum übernimmt, geht es lebhafter zur Sache: „Winning Streak“ von Hansards neuer Platte „Didn’t He Ramble“ erweist sich als zukünftiger Klassiker mit Ohrwurmqualitäten und die Band als blind eingespielte Truppe. Chapeau den Tontechnikern im Capitol: Klar und definiert hört der Zuschauer noch im hintersten Winkel des Saales jedes Instrument heraus. Das ist Gold für die dynamikreichen Arrangements, in dem fett die Bläser sitzen (Grandios: Posaunist Curtis Fowlkes) und sich die Streicher – Cello und zwei Violinen – gemeinsam mit Hansards kratzigem Falsett in die Höhe schaukeln. Joe Doyles flinker Zupfbass und Ray Rizzos Trommeln halten das alles dann rhythmisch zusammen.

So startet „Lowly Deserter“ mit Hansard an der Mandoline als düstere Woody-Guthrie-Ballade auf den staubigen Ebenen Oklahomas, reist durch Americana-Gefilde und mündet mit knackigen Bläsersätzen im „Mardi-Gras“-Volksfest in den Straßen New Orleans. „Bird of Sorrow“ zeigt die erstaunliche stimmliche Bandbreite des Sängers, steigert sich vom flehenden Flüstern zum entschlossenen Schrei: „I’m not leaving you here!“

Nicht minder hängt das Publikum an Hansards Lippen, wenn er zwischen den Liedern warmherzig plaudernd verrät, was in durchzechten irischen Mondnächten passieren kann und sich auf den Straßen des New Yorker Künstlerviertels Greenwich Village finden lässt. Das führt auf wundersam mäandernden Pfaden meist hin zum nächsten Song. Zum Finale ist aus Musikern und Zuschauern längst eine verschworene Pub-Singgemeinschaft geworden, vereinigt im „Auld Triangle“ des irischen Dichters und Trinkers Brendan Behan. Hansard tanzt wie ein Kobold ums Mikrofon, drischt wie wahnsinnig die Triolen aus seiner Takamine und umarmt wie berauscht nach dem Schluss-Duett „Her Mercy“ seine Sangespartnerin Irglova.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare