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Ein Füller ist keine Zigarette

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Unter dem Titel „Thinking Tools“ widmet sich das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt Schreibegeräten, die Design- Geschichte geschrieben haben.

Vor 50 Jahren sah ein Füllhalter wie eine dicke Zigarre aus, obendrein verziert mit allerlei Schnörkeln, möglichst in Gold. Doch dann trat der Frankfurter Designer Gerd A. Müller auf den Plan – und alles war anders. Müller erfand zwar nicht das Schreibgerät neu, brachte es aber in die Gegenwart. Schon seit 1963 arbeitete er an einem nüchternen, rein funktionalen und schlanken Füller, der 1966 auf den Markt kam: der Lamy 2000. Bis heute wird er produziert, ist also nicht nur ein Klassiker, sondern bereits ein Vorbild des modernen Designs.

Diesem Füller und seinen inzwischen 50 Modellvarianten widmet das Frankfurter Museum Angewandte Kunst zum 50-jährigen Jubiläum eine bis 29. Januar nächsten Jahres laufende Ausstellung. Allerdings handelt es sich bei den 100 zu sehenden Objekten nicht nur um die fertigen Produkte, sondern auch um Prototypen und Ideenskizzen. So lässt sich der oft langwierige Gestaltungsprozess verfolgen, der bei Lamy auf Augenhöhe zwischen freien Designern, Entwicklern und Konstrukteuren aus dem Haus sowie der Geschäftsführung stattfindet.

Im Team erfolgreich

Dieser komplexe Prozess für ein banales Alltagsobjekt ist in der Ausstellung gut nachvollziehbar: Oben thronen die Schreibgeräte, darunter gibt es Schubläden zum Herausziehen mit Skizzen und Modellen, die verworfen, verändert oder für gut befunden wurden. So wird deutlich, dass Designer, anders als Künstler, nicht im Elfenbeinturm sitzen, sondern nur im Teamwork erfolgreich sind.

Freilich geht dabei jeder Designer anders vor. Gerd A. Müller etwa – schon 1991 verstorben, viel zu früh mit nur 59 Jahren – fertigte als gelernter Dreher ein Holzmodell an und besprach das dann mit den Lamy-Leuten. Heutige Designer hingegen verlegen sich auf das Zeichnen und Entwerfen, aber meist so millimetergenau, dass danach ein Modell geformt werden kann. Ohnehin gibt es nur wenige Unternehmen in Deutschland, die das Design so sehr in den Mittelpunkt stellen, meint Kurator Klaus Klemp. Das schon 1930 gegründete Heidelberger Unternehmen hat es also verstanden, sich rechtzeitig neu aufzustellen. Denn über die Gestaltung, so Klaus Klemp, lassen sich Dinge völlig neu positionieren. Der Erfolg hat Lamy recht gegeben. Heute ist der Lamy safari, ein etwas robuster wirkendes Modell, der meistverkaufte Füllhalter überhaupt.

Entspannt in der Hand

Um was es geht, wenn ein Schreibgerät entwickelt wird, fragt zu Recht Grit Weber, die stellvertretende Museumschefin. „Die Linie soll fließen, der Stift soll entspannt in der Hand liegen“, gibt sie gleich die Antwort. Und das tun die Produkte dieser Firma tatsächlich, wie sich an etlichen Stiften ausprobieren lässt. Der Lamy pico etwa, im Jahr 2001 von Franco Clivio entworfen, ist ein Kugelschreiber im Taschenformat, der sich auf sanften Druck von 90 auf 120 Millimeter Länge ausdehnt und mit dem man wunderbar leicht schreiben kann.

So kann sich Lamy durchaus in eine Reihe stellen mit dem Unternehmen Braun, das auch seine Philosophie auf das Design ausgerichtet hat. Übrigens studierten Müller und der ungleich bekanntere Braun-Designer Dieter Rams gemeinsam an der Wiesbadener Werkkunstschule. Auch Müller heuerte danach bei Braun an, zog jedoch bald das Arbeiten als freier Gestalter vor.

Nicht zuletzt sorgt der Berliner Künstler Christoph Niemann dafür, dass die Schau eine zweite, leichtere Ebene bekommt. Denn ein Schreibgerät ist nicht nur ein Denkwerkzeug, das beim Festhalten und Verwerfen der Gedanken hilft, sondern auch ein Zeichenstift. So zog Niemann zuerst eine große Linie als imaginären roten Faden durch die Schau. Dann baute er aus Füllern eine riesige Korallen-Installation als Symbol des kreativen Prozesses. Für Klemp sind das „Raumillustrationen“, wohl eine (durchaus zutreffende) Wortneuschöpfung. Kurzum: Diese Schau macht richtig Lust aufs Schreiben und Zeichnen.

Museum Angewandte Kunst, Frankfurt, Schaumainkai 17. Bis 29. Januar 2017. Geöffnet dienstags und donnerstags bis sonntags 10–18 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr. Eintritt 9 Euro. Telefon (069) 21 23 40 37. Internet

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