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Er kann nicht nur mit Wagner-Partien begeistern, auch romantische Lieder weiß Michael Volle, hier mit Klavierbegleiter Helmut Deutsch, kunstvoll zu gestalten.

Klassik

Fürchterlich wirkt die Todesstille: Bariton Michael Volle in der Oper Frankfurt

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Emphatischer Ausdruck, packendes Erzählen: Michael Volle singt Lieder von Franz Schubert und Gustav Mahler in der Oper Frankfurt.

In Barrie Koskys neuen Bayreuther „Meistersingern“ gab er in diesem Jahr den Sachs. Eine schwierige, mehrdeutige Rolle, eine Figur, die in puncto Kunst auf Seiten der Tradition steht, um zugleich neue Ideen zu protegieren. Spießer und Revoluzzer also in Personalunion.

Michael Volle, hieß es in dieser Zeitung, war „ein einsichtiger, schlitzohriger Intellektueller mit strategischer Durchsetzungsfähigkeit“. Eine männliche Stimme, fähig zu Wut wie zu Mäßigung, jedenfalls eine souveräne Erscheinung.

Beim Liederabend in der gut besuchten Frankfurter Oper konzentrierte sich der Bariton nun auf Schubert und Mahler, beides Komponisten, die unterm Strich weniger Lebensfreude als sorgenvolles Grübeln auszeichnet, Mahler noch mehr als sein Vorläufer – Vollender der Gattung der eine, Erfinder der andere, im Abstand von nicht einmal einem Jahrhundert in Wien.

Volles Sache ist die der Dramatik, des emphatischen Ausdrucks, des packenden Erzählens. Mit Schuberts Ballade „Der Schiffer“ steigt er temperamentvoll ein, sprachlich sehr prononciert, mit Gesten das Körpergefühl stimulierend. Den Gegenpol in der achtteiligen Gruppe mit (selten zu hörenden) Wasserliedern Schuberts (wie viel schreibt der früh Verstorbene übers Meer – und hat es nie gesehen!) bildete die „Meeres Stille“ nach Goethe. „Todesstille fürchterlich“ heißt es hier; mit Schubert betonte Volle eher die Friedhofsruhe als den aufbegehrenden Schrecken. Wenn es still wird in Text und Musik (der erfahrene Helmut Deutsch am Klavier gibt diese Affekte selbstlos und unaufdringlich vor), wenn Schubert zweifelt und grübelt, folgt man diesem, dem Publikum zugewandten Sänger jedoch weniger gern als dorthin, wo vom Traum die Rede ist, von Glück („Ruh’ ersehnend, ruhige Welt“ heißt es in „Der Strom“) oder („Wie Ulfru fischt“, Text von Johann Mayrhofer) von der Freiheit eines Fisches, der sich unter der Oberfläche des Wassers wohler und sicherer fühlt als am Ufer.

Hier und da ist zu hören, wie Volles kraftvoller, angenehm klingender und kultiviert geführter Bariton Zeit braucht, sich in solche sängerische Ruhezonen zurückzuziehen. Ja, wer zu oft Wagners große Partien singt, heißt es dann, ist zu reduziertem, natürlichem Ausdruck nicht mehr fähig. Aber wirken solche Lieder nicht geradezu therapeutisch für die Stimme, und fürs Publikum ebenso?

Von Mahler standen, in gleicher Weise (mit bravourösen Ausschlägen in tenorale Höhen!), die fünf Rückert-Lieder auf dem Programm und nach der Pause die „Lieder eines fahrenden Gesellen“. Dazu, wieder von Schubert, rossinihaft Italienisches mit Hang zur Komödie. Dem Abend (und dem Sänger) tat der versöhnliche, fast heitere Abschluss gut. Am Ende viel Beifall und drei Zugaben.

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