Kirill Petrenko und da Bayerische Staatsorchester

Fulminanter Saisonstart in der Alten Oper Frankfurt

  • Michael Dellith
    VonMichael Dellith
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Zum Abschluss seiner Europa-Tournee gastierte das Bayerische Staatsorchester in der Frankfurter Alten Oper und überwältigte mit Tschaikowsky.

Alle Augen und Ohren sind auf ihn gerichtet: Kirill Petrenko. Seit er im Juni 2015 überraschend zum Nachfolger von Sir Simon Rattle als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gewählt wurde, steht der 44 Jahre alte russische Pultmagier unter ganz besonderer Beobachtung.

Nicht, dass man nicht um seine herausragenden Fähigkeiten längst wüsste – schließlich wurde Petrenko gleich mehrmals zum „Dirigenten des Jahres“ gewählt. In Bayreuth faszinierte er von 2013 bis 2015 mit seiner grandiosen Interpretation von Wagners „Ring“. Und auch an der Frankfurter Oper hat der Mann aus dem sibirischen Omsk Spuren hinterlassen. 2005 debütierte er dort mit Mussorgskis „Chowanschtschina“ und sorgte für eine solche Begeisterung, dass er damals sogar als Nachfolger für Frankfurts GMD Paolo Carignani im Gespräch war. Immer wieder kehrte Petrenko an den Main zurück, bestätigte seinen exzellenten Ruf, etwa 2009 mit Hans Pfitzners „Palestrina“ und zwei Jahre später mit der „Tosca“.

Verschmitztes Lächeln

Von 2013 an machte Petrenko in München Furore. Welche enorme Entwicklung das Bayerische Staatsorchester unter seiner Regie in den wenigen Jahren genommen hat, war nun auch beim Gastspiel in Frankfurt zu spüren, das am Ende einer Europa-Tournee stand und das gleichzeitig für einen fulminanten Saisonstart in der Alten Oper sorgte. Schon Wagners „Meistersinger“-Ouvertüre war mehr als ein Stück, um sich so eben mal warmzuspielen. Mit seinem verschmitzten Lächeln zog Petrenko alle Musiker-Augen auf sich. Das Orchester reagierte hellwach und bestens gelaunt auf die ruhige und konzise Zeichengebung seines Chefs, der genau die richtige Balance zwischen Präzision und gestalterischer Freiheit fand.

Die C-Dur-Pracht des „Meistersinger“-Vorspiels überwältigte vom ersten Takt an. Oft kommt diese Musik ja schwerfällig und statisch daher, wie von einer Dampfwalze ausgebreitet. Nicht so bei Petrenko. Er verstand es, den Klang vorwärtsdrängen zu lassen, die Dynamik so flexibel einzusetzen, dass dabei auch noch ein Höchstmaß an Transparenz entstand – auch dank der sehr gelenkig agierenden Holzbläser. Und die Euphorie, die bei dieser Interpretation mitschwang, übertrug sich unmittelbar aufs Publikum: Die ersten Bravo-Rufe schallten Petrenko entgegen.

Klangliche Opulenz

Großer Kontrast dann bei den melancholischen „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss: Aus „dämmrigen Grüften“, so der Text von Hermann Hesse, erhob sich dazu die wunderbare Stimme von Diana Damrau, um sich sogleich geschmeidig empor zu schwingen. Wie die fabelhafte Sopranistin jenen Spagat zwischen Intimität und spätromantischer Opulenz bewältigte, wie sie diese Gegensätze in einer bruchlosen Vokallinie zusammenführte, verdient höchsten künstlerischen Respekt. Das Publikum lag ihr zu Füßen für diesen Höhenflug, den die Instrumentalisten mit impressionistischem Klangsinn in flirrenden und schwirrenden Orchesterfarben begleitete.

Nach der Pause war man gespannt, wie Kirill Petrenko mit Tschaikowskys fünfter Sinfonie, einem Schlachtross der Konzertliteratur, umgehen würde: Die Aufführung wurde zum nachhaltigen Erlebnis! Petrenko, der zuvor sehr ruhig und kontrolliert dirigiert hatte, explodierte nun förmlich vor Energie und Leidenschaft. Nach dem düsteren Beginn der Sinfonie schlug er ein wahnwitzig schnelles Tempo an, im Finalsatz gar so furios, dass man den Eindruck hatte, der Komponist wollte in diesem Werk, das ja wie ein Psychogramm seiner selbst ist, dem Schicksal davonrennen. Petrenko schärfte das Klangprofil, setzte auf Drastik und starken Kontrast zwischen wehmütiger Erinnerung an vergangene glückliche Tage auf der einen und wuchtige Schicksalsschläge auf der anderen Seite. Tschaikowskys Musik ist immer existenziell – und wer könnte das besser musikalisch erfassen als ein russischer Dirigent, der Kirill Petrenko heißt!

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