+
Heiko Braubach (Dietmar Bär, links) möchte Oberbürgermeister werden. Doch zunächst einmal sieht er sich den Angriffen von Jerome (Fridolin Sandmeyer) ausgesetzt, der für fünf Euro Stundenlohn schuftet und sich von den Politikern mit seinen Problemen im Stich gelassen fühlt.

Premiere

"Furor" am Frankfurter Schauspiel uraufgeführt

Dietmar Bär, bekannt als „Tatort“-Kommissar, schlüpfte in die Rolle eines jovialen Lokalpolitikers, der es mit einem wild gewordenen Mitbürger zu tun bekommt. Regie führte Intendant Anselm Weber.

Sie fallen alle, die Schlagwörter, die das politische Klima in Deutschland und Europa in letzter Zeit derart aufheizen: Lügenpresse, Hass-Mails, Shitstorm, Verschwörungstheorien, Volksverräter, Rechtsradikalismus, Zerstörung, Gewalt. „Ich scheiß auf die Demokratie“, ist da zu hören, vom „Dreckspack von Politikern“ ist die Rede und vom „Volk, das den Bach runtergeht“. Das alles brodelt hinter der Fassade von Plattenbauten, wie das Bühnenbild von Lydia Merkel assoziiert. Die Keimzelle ist bescheiden im Stil eines schwedischen Möbelhauses eingerichtet.

Welten im Kampf

Hier prallen sie aufeinander, die Welten dreier Personen, deren Ansichten nicht unterschiedlicher sein könnten, die aber eines verbindet: Angst. Angst um die Existenz, um das Leben, um die Macht und Karriere. Vielschreiber Lutz Hübner hat zusammen mit seiner Frau Sarah Nemitz diesen kleinen explosiven Mikrokosmos im Auftrag des Schauspiels Frankfurt konstruiert – ein Werk, an dem sie zweieinhalb Jahre feilten, bis es nun vor ausverkauftem Großen Haus zur Uraufführung kam.

Soziale Unterschiede

Hübner, 1964 in Heilbronn geboren, zählt zu den emsigsten Schreibern unter den Dramatikern in Deutschland. Anfangs mit Stücken wie „Das Herz eines Boxers“ (1996) mehr dem Jugendtheater verpflichtet, verfasst er seit Mitte der 90er Jahre regelmäßig zwei bis drei Stücke pro Jahr und gehört zu den meistgespielten Autoren auf deutschsprachigen Bühnen. Seit 2001 arbeitet er beim Schreiben mit seiner Frau Sarah Nemitz zusammen. Ihr größter Erfolg war bislang die Komödie „Frau Müller muss weg“, die 2015 von Sönke Wortmann in prominenter Besetzung verfilmt wurde. Es ist nicht zum ersten Mal, dass Intendant Anselm Weber mit dem Autorenpaar ein Projekt realisiert. 2012 brachten sie „Richtfest“ heraus und zuletzt 2016 „Wunschkinder“ am Schauspielhaus Bochum.

Dietmar Bär, den ebenfalls seit Bochumer Theaterzeiten eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Weber verbindet, stand von Anfang an als Protagonist fest, die Rolle wurde ihm also quasi auf den Leib geschneidert. Auch Katharina Linder, die in „Furor“ eine vom Leben gezeichnete Mutter spielt, schätzt der Regisseur seit vielen Jahren. In der kleinen Hochhauswohnung prallen nun die Standesunterschiede aufeinander. Bär, den als Oberbürgermeisterkandidaten scheinbar so nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann, fühlt sich seinem Gewissen verpflichtet. Denn vor zweieinhalb Wochen hat er den Sohn der Altenpflegerin zum Krüppel gefahren – ein Unfall, an dem Heiko Braubach keine Schuld trifft, da der 18-Jährige, mit Drogen vollgepumpt, vor sein Auto rannte. Doch der Ministerialdirigent, der natürlich gerne seine Wahl gewinnen möchte, will helfen, und rasch geht die anfangs so irritierte und verzweifelte Mutter auf Braubachs Vorschläge ein. Alles scheint auf dem richtigen Weg – bis Jerome in das Gespräch platzt. Er reißt die Verhandlungsführung an sich, fordert 100 000 Euro Schmerzensgeld plus eine monatliche Rente für seinen schwerverletzten Cousin.

Oben läuft was schief

Fridolin Sandmeyer verkörpert das Inbild einer gescheiterten Existenz – fahrig in seinen Gesten, radikal in seinen Gedanken. Als knapp 30-Jähriger schuftet sein Jerome als Paketbote für fünf Euro die Stunde bei einem Subunternehmer der Post. Ein im Leben zu kurz Gekommener, der nun seine große Stunde in der Begegnung mit Braubach gekommen sieht. Fakenews im Netz, geheime Handy-Mitschnitte und schließlich sogar ein bedrohliches Messer: Der sichtlich nervöse Herausforderer zieht alle Register, um den fast schon stoischen Politiker aus der Fassung zu bringen. „Sie glauben an die Macht des Wortes“, schreit Jerome ihm entgegen, „und meinen alle Probleme der Welt einfach wegquatschen zu können.“ Der Frust über die da oben sitzt tief: „Da gibt es Schuldige, da läuft etwas brutal schief.“

Mit feiner Beobachtungsgabe skizziert das Autorenpaar die Politikverdrossenheit und Radikalisierung in Deutschland. Aber es gibt keine Antworten und erst recht keine Lösungen. Am Ende löst sich alles irgendwie in Wohlgefallen auf. Die Explosionskraft des Stoffes verpufft, die Ratlosigkeit bleibt. Dabei vertraut Regisseur Weber ganz und gar der Wirkung des Textes – und es ist den überaus präsenten Darstellern zu verdanken, dass einiges nicht doch zu sehr nach Papier klingt. Das Premierenpublikum weiß die konzentrierte zweistündige Leistung mit viel Beifall und Bravo-Rufen zu würdigen. Der große Wurf ist dem Dramatikerpaar Lutz Hübner und Sarah Nemitz aber diesmal nicht gelungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare